Mehr Mut zum Risiko

Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler und Filmemacher und Produzent Ulrich Seidl im Gespräch über Filmförderung, Kinos und Festivals.

 

Frau Kaup-Hasler, was hat Sie bewogen, das Amt anzunehmen bzw. wie ist es dazu gekommen?

Veronica Kaup-Hasler: Meine Verzweiflung über den Zustand des Landes war in den letzten Jahren so groß, dass ich keine gute Begründung gefunden hätte, diesen Posten nicht anzunehmen, bei dem man positiv etwas verändern kann. Zumal wir uns in der Kultur, aber auch in anderen Positionen, ja immer Quereinsteiger wünschen. Für mich ist es eine sehr spannende Aufgabe, die kreatives Denken voraussetzt und fördert.

Ich war gerade dabei, ein Projekt mit dem bildenden Künstler Walid Raad zu machen, der beim steirischen herbst zum Thema europäische Kulturgüter und deren Export in die arabische Welt gearbeitet hatte. Dazu wollten mein Lebenspartner Claus Philipp und ich ein Buch machen, waren in Athen, um daran zu arbeiten, und als ich aus dem Flieger stieg, hatte ich einige Nachrichten auf meinem Handy, ich möge mich doch beim designierten Bürgermeister Michael Ludwig melden. Das habe ich getan, und er fragte mich, ob ich gerne für die Stadt als Kulturstadträtin arbeiten würde. Zuerst musste  ich lachen – das war ein Jobangebot, mit dem ich am wenigsten gerechnet hatte. Aber ich habe es auch gleichzeitig als spannende Herausforderung wahrgenommen, vor allem wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahren überall wichtige Entscheidungen von Kulturpolitikern getroffen wurden, die Konsequenzen nach sich gezogen haben, wie z. B. in der Frage der Besetzung der Berliner Volksbühne. Gerade deshalb bereue ich es keine Sekunde, mich auf dieses neue und dabei doch sehr vertraute Terrain gewagt zu haben. Ich will den Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und die Ermöglichung von Kunst nun mit besseren Mitteln fortsetzen. Vor allem, wenn man sieht, welche künstlerische Vielfalt wir in Österreich haben. Ich habe mich selbst nie als Künstlerin gesehen, sondern vielmehr als jemand, der neue Räume und Möglichkeiten schafft.

 

Haben Sie Herrn Ludwig gefragt, wie er auf Sie gekommen ist?

Kaup-Hasler: Er hatte einen sehr guten Einblick in meine Arbeit, und wir haben sehr schnell inhaltlich geredet. Ich habe ihm auch bei der Gelegenheit mitgeteilt, dass ich kein Parteimitglied bin und es dabei auch belassen möchte, was für ihn absolut kein Problem war. Das rechne ich ihm hoch an, vor allem weil es ihm meiner Meinung nach eine hohe Glaubwürdigkeit bei jenen Menschen verschafft, die sich nie auf eine Partei festlegen konnten oder wollten.

 

Sie sprechen von „Kampf“. Wer sind denn die Gegner?

Kaup-Hasler: Das ist ja das Schwierige an einem Dschungel, dass er von außen sehr schön aussieht, aber drinnen allerlei Gefahren und Gegner lauern, auf die man mitunter nicht vorbereitet ist. Das Wichtigste ist wohl, dass man mit einem mutigen Herz hineingeht. Ich habe nichts zu verlieren, ich habe, glaube ich, nur etwas zu gewinnen.

 

Herr Seidl, eine etwas allgemeine Frage: Wie sehen Sie die Kulturpolitik Wiens, besonders im Hinblick auf den Film?

Ulrich Seidl: Ich glaube, das kann man nur im Gesamten betrachten, da es ja keinen österreichischen Film gibt, der allein von Wiener Förderstellen finanziert wird. Es sind ja immer mehrere Instanzen an einem Filmprojekt beteiligt. Für mich ist die Situation besorgniserregend, da wir immer mehr dazu übergehen, Filme des Mittelmaßes zu produzieren. Zweck einer Filmförderung ist es aber meiner Meinung nach, Filme zu fördern, die sich im Sinne einer Kinokultur international messen können. Es kann nicht darum gehen, Inhalte profitorientiert in leicht konsumierbare, fernsehtaugliche Formate zu verpacken. Ich sehe die Gefahr, dass wir das Renommee, das wir uns über Jahrzehnte erarbeitet haben, verlieren. Ich bin ja auch Produzent und sehe an den Nachwuchs-Filmemachern, dass es inzwischen wahnsinnig schwierig ist, ungewöhnliche Filme in diesem Land finanziert zu bekommen. Ja, alle Filme, die ich in den vergangenen 30 Jahren gemacht habe, wurden vom ÖFI, der Stadt Wien, dem ORF und durch etwaige Länderförderungen finanziert, aber das bröckelt seit langer Zeit. Eine Förderstelle sagt zu, die andere sagt ab, weil sie eher leichte Kost bevorzugt. Also kann man mit der ersten Zusage nichts anfangen. Es gibt hier keine Einigkeit mehr, weil man nicht mehr vor Augen hat, welche Filme wichtig sind und gemacht gehören.

 

Ist das Ihrer Meinung nach eine Frage des Mutes oder der Kompetenz, seitens der Förderstellen?

Seidl: Es ist natürlich immer die Frage, welche Richtlinien ich als Verantwortlicher habe, und welche Auswahlkommission ich bestelle. Diese entscheiden oft über Jahre hinweg, und dann ist es natürlich oft zu spät, wenn man einmal einen bestimmten Weg eingeschlagen hat.


Das vollständige Interview lesen Sie in unserer Printausgabe.



Sie sind nicht eingeloggt. Bitte melden Sie sich an, wenn Sie Kommentare schreiben wollen.


Kein Kommentar vorhanden.



Fotos ~ Magdalena Blaszczuk



Tags


Social Bookmarks