Hundeleben

Güte vermag mehr als Gewalt, heißt es. In Matteo Garrones „Dogman“ wird diese Theorie einem brutalen Realitäts-Check unterzogen. Der italienische Filmemacher im Gespräch.

 

Wer sich vor Hunden fürchtet, kommt über das erste Bild von Dogman kaum hinaus: Ein blutrünstiger Pitbull streckt sein Maul in die viel zu nah auf ihn gerichtete Kamera. Speichel trieft, Zähne fletschen, und ein zwingender Fluchtgedanke macht sich im Kinosessel breit. Nicht jedoch bei Marcello (Marcello Fonte), der auf der Leinwand gerade dabei ist, dem aufgebrachten Vierbeiner eine reinigende Dusche zu verpassen. Behutsam streicht er dem Tier über den Rücken, redet ihm zu und lächelt ihn an, bis es ausschaut, als täten beide nichts lieber, als sich gemeinsam mit Wasser und Seife die Zeit zu vertreiben.

Marcello, das wird schnell klar, hat ein Händchen für Hündchen, ob groß oder klein, jung oder alt, zahm oder kampfeslustig. Ihm ist jedes Tier recht, das seinen bescheidenen Salon betritt. So aufopferungsvoll, wie er mit Doggen, Schnauzern und Pudeln umgeht, kümmert er sich zudem um seine geliebte Tochter Alida (Alida Baldari Calabria), und überhaupt ist der schmächtige Mann im blauen Arbeitskittel die Güte in Person, was ihn nicht zuletzt auch unter den Einwohnern des kleinen, heruntergekommenen Küstenstädtchens beliebt macht, in dem er sein Geschäft gerade noch mehr recht als schlecht betreibt. Doch ohne gelegentliche Kokain-Deals und andere kleinkriminelle Zuschüsse kommt auch er nicht mehr über die Runden. Wirklich brenzlig wird es jedoch erst, als einer seiner besten Kunden, eine menschliche Bulldoge namens Simoncino (Edoardo Pesce), seinen Kredit einmal mehr auszureizen gedenkt. Marcello braucht das Geld, dringend sogar, aber aus Angst vor den blutigen Folgen macht er schließlich erneut gute Miene zum bösen Spiel, lässt sich von dem Hünen mit der Eisenfaust schikanieren und malträtieren, bis er irgendwann sogar seinetwegen hinter Gittern landet. Erst nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis scheint es auch bei Marcello mit der Friedfertigkeit endgültig vorbei zu sein, und Garrone nutzt die Gelegenheit, sein kraftvolles, düsteres Drama als leise wütenden Kampf zwischen David und Goliath auszuspielen.
An der unmittelbaren Wechselwirkung zwischen physischer und psychischer Gewalt hat der italienische Regisseur sich bereits mehrfach abgearbeitet, sei es in L’imbalsamatore (2002) über die Faszination des Einbalsamierens oder in seiner radikalen Verfilmung des aufsehenerregenden Inside-Camorra-Bestsellers Gomorra (2008). Und es sind vor allem jene frühen, kühnen Versuchsanordnungen, denen Dogman am engsten verbunden ist. Bei aller Kunstfertigkeit, die Garrone vor drei Jahren in Tale of Tales, einem auf Englisch gedrehten Episodenreigen aus Märchen und Realsatire, an den Tag legte, besticht sein neuer Film nicht nur durch exzellente Darsteller (und Vierbeiner) und eine effektive Kameraführung, sondern auch durch eine inszenatorische Strenge, die im Zuschauer eine ebenso bestürzende wie nachhaltige Wirkung erzeugt.

 


 

Garrone

 

Ihr Film basiert auf einer wahren Begebenheit. Doch die  eigentliche Geschichte ist weitaus brutaler als die, die Sie in „Dogman“ erzählen. Warum die Zurückhaltung?

Es stimmt, die Geschichte, wie sie sich vor 30 Jahren in Italien zugetragen hat, ist vor allem als brutaler Racheakt bekannt und für den damit zusammenhängenden Akt der Folter. Die Grausamkeit des Ganzen, das makabre Ausmaß der Gewalt, all das würde sich hervorragend als Grundlage für einen Horrorfilm eignen, inklusive abgehackter Finger und anderer Barbareien. Aber ehrlich gesagt war ich niemals auch nur im Geringsten daran interessiert, auf diese Weise an die Sache heranzugehen, vor allem deshalb nicht, weil ich das Gefühl habe, dass es Geschichten dieser Art, in der ein unterlegener Typ sich an seinem Peiniger rächt, bereits zur Genüge gibt. Interessant wird es dagegen, wenn man sich dem Verhältnis der beiden Figuren zueinander über die Ebene der psychologischen Gewalt annähert. Das hat mich fasziniert.

 

Marcello ist kein Unschuldsengel, aber ein gute Seele durch und durch. Worum ging es Ihnen bei der Figur?

Es war mir wichtig, Marcellos menschliche Seite in den Vordergrund zu stellen, um zu verhindern, dass er jemals als Schlägertyp gesehen wird, der vorsätzlich Gewalt anwendet, denn das tut er nicht. Er bedient sich ihr lediglich als Mittel, um zu überleben, aber niemals, um sich zu rächen. Manchmal geht es ihm allein darum, seine Würde als Mensch zu wahren. Er will respektiert werden, allerdings ist er extrem naiv, wenn es darum geht, sich den gewünschten Respekt zu verschaffen. Ihm genügt im Grunde eine einfache Entschuldigung, um seinen Unmut zu beschwichtigen. Nur sind nicht alle Menschen so gutmütig wie er, und als da plötzlich einer vor ihm steht, der nur die Sprache der Gewalt kennt, bleibt Marcello nichts anderes übrig, als sich der Situation anzupassen und entsprechend zu reagieren, um seine Haut zu retten. Er versucht, den Klauen des Bösen zu entkommen, aber es gelingt ihm nicht. Er ist gefangen wie in einem Spinnennetz.

 

Wann kamen die Hunde ins Spiel? Und warum messen Sie ihnen im Film derart große Bedeutung bei?

Die Hunde waren von Anfang an entscheidend, vor allem in visueller Hinsicht. Sie sind die ersten Zeugen der Auseinandersetzung zwischen Simoncino und Marcello, und sie sind darüber genau schockiert wie wir. Darüber hinaus spielen sie eine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, Marcellos liebevolle Seite zu zeigen, seine Herzlichkeit, Güte und Aufopferungsbereitschaft den Tieren wie den Menschen gegenüber. Er ist ein Mann, der alles für seine Tochter tun würde, ebenso wie für seine Tiere und für die Gemeinde, in der er lebt. Er liebt es, geliebt zu werden und Teil eines größeren Ganzen zu sein. Und zu Beginn des Films ist er das auch, bis die Dinge eine dramatische Wendung nehmen. Für mich ist Marcello wie ein moderner Buster Keaton: die Art wie er mit den Hunden auf Du und Du ist, gemeinsam mit ihnen zu Abend isst, sie massiert. Stellenweise funktioniert der Film in der Hinsicht fast wie ein Stummfilm. Es ging mir darum, ein Gegengewicht zu schaffen zu der extremen Härte des zweiten Akts, in dem sich Marcello in einem großen schwarzen Loch wiederfindet und einen Weg zurück in sein ursprüngliches Leben sucht.

 

Das vollständige Interview lesen Sie in unserer Printausgabe.



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Text + Interview ~ Pamela Jahn


Dogman


Drama/Krimi/Thriller, Italien/Frankreich, 2018
Regie Matteo Garrone
Drehbuch Ugo Chiti, Maurizio Raucci, Matteo Garrone, Massimo Gaudioso
Kamera Nicolai Brüel
Schnitt Marco Spoletini
Musik Michele Braga
Production Design Dimitri Capuani
Kostüm Massimo Cantini Parrini
Mit Marcello Fonte, Edoardo Pesce, Nunzia Schiano, Alida Baldari
Calabria, Adamo Dionisi, Francesco Acquaroli
Verleih Thimfilm, 102 Minuten
Kinostart 19. Oktober

 



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