Abschied und Ankunft

Nina Kusturica über ihren Spielfilm „Ciao Chérie“, über das Drehen an den EU-Außengrenzen und über mangelnde Visionen in der Filmförderung.

 

Nina Kusturica, 1975 in Mostar geboren, kam 1992 auf der Flucht vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Österreich. Sie entstammt einer künstlerisch orientierten Familie, also lag es nahe, dass auch sie in diese Richtung tendieren würde. Sie studiert Regie bei Peter Patzak und Schnitt an der Wiener Filmakademie, wo 1998 ihr erster dokumentarischer Kurzfilm Ich bin der neue Star entsteht. Es folgen drei weitere kurze Filme, darunter der essayistische Draga Liljana (2001), in dem sie sich auf die Suche nach ihrer Jugendfreundin in Sarajevo begibt. Kusturicas Abschlussfilm Auswege (2003) nach einem Drehbuch von Barbara Albert wird in Zusammenarbeit mit den Österreichischen Frauenhäusern realisiert und schildert in drei nicht überlappenden Stories von der schrittweisen Emanzipation dreier Frauen unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die vor häuslicher Gewalt und Unterdrückung fliehen. Der Film wird 2004 nicht nur zu den Filmfestspielen nach Berlin eingeladen, sondern eröffnet in diesem Jahr auch die Diagonale. Nach dem Doku-Porträt 24 Wirklichkeiten in der Sekunde – Michael Haneke im Film, das sie gemeinsam mit Eva Testor fertigstellt, ist sie vor allem als Produzentin und Editorin (sie erhält 2006 den Schnittpreis bei der Diagonale für Kotsch) tätig.

2009 stellt Nina Kusturica den aufsehenerregenden Dokumentarfilm Little Alien fertig, der nichts an Aktualität verloren hat – im Gegenteil. Er beschäftigt sich aus nächster Nähe mit sogenannten „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen“, die sich in verschiedenen Stadien der Odyssee durch Europa und in Österreich befinden. Der Film wird bis heute international gezeigt und die Regisseurin immer noch zu Diskussionen und Gesprächen eingeladen. 2014 gründet die Filmemacherin NK Projects, eine Art „offenes Haus“. Verwirklicht werden hier „Projekte, die eigenständige Formen und Inhalte vermitteln. Jedes Projekt entsteht im Rahmen einer kreativen Forschungsreise, in Zusammenarbeit mit Partnerinnen und Partnern, die zugleich neugierig auf Entdeckungen sind und der Vielfalt der künstlerischen Möglichkeiten vertrauen. Im künstlerischen und politischen Sinne ist NK Projects kreativer Raum ohne Grenzen und ein transkulturelles und multilinguales Laboratorium. Hier kommen Teams aus Filmschaffenden und Künstlerinnen und Künstlern zusammen, die an der Essenz der filmischen und darstellenden Kunst arbeiten“, wie es auf der Website heißt.

Ihr neuer Spielfilm Ciao Chérie, der zur Gänze in einem Ottakringer Callshop angesiedelt ist, wirkt in gewisser Weise wie eine Weiterführung von Little Alien. Auch dieser Film hat gewisse dokumentarische Anklänge und erzählt von Menschen „mit Migrationshintergrund“, die verschiedene Bezugspersonen in ihren Heimatländern oder jedenfalls aus ihrer Vergangenheit (die Japanerin Mimi etwa telefoniert mit ihrem Geliebten in Rom) anrufen. Dabei geht es um die jeweils aktuelle Situation, um das Abschiednehmen, um Schuldgefühle, um Enttäuschung, Distanz, um Liebe und Hoffnungen. Die Gesprächssituationen sind nicht unbedingt idyllisch, im Gegenteil, und auch die Lage der Callshop-Besitzerin Larisa, die in ständigem Clinch mit ihrer Teenager-Tochter Maja liegt und deren Mann sich grußlos verabschiedet hat, ist alles andere als rosig. Doch in den Begegnungen am Telefon und im Callshop selbst blitzt immer wieder auch Humor auf. So entsteht ein kleines Universum aus reichhaltigen Geschichten in einem, ja, multikulturellen Wien, das so gar nichts Bedrohliches an sich hat. Der Film fügt sich nahtlos ein in Nina Kusturicas sozial und politisch engagiertes Schaffen, das sich seit gut 20 Jahren konsequent um die Themenkreise Frauen, Migration und Selbstermächtigung dreht.

 

 


 

Wie sehr spielt denn Ihre Biografie für Ihre Filme eine Rolle?

Ich gehe durch die Welt, beobachte, sammle, bemerke Dinge, die ich interessant und relevant finde, die ich erzählen möchte, und natürlich sieht man Dinge, mit denen man sich schon beschäftigt hat, eher als ganz Unbekanntes. Meine Kindheit in Bosnien bzw. Jugoslawien hat mich sehr geprägt, in diesem System, das uns sehr klar gesagt hat, was wir zu sehen und zu denken haben. In jedem Klassenzimmer hing ein Tito-Bild, und da gab es eine Geschichte im Schulbuch, in welcher die Kinder zu streiten beginnen, weil jedes behauptet: „Tito schaut mich an.“ Schließlich greift die Lehrerin ein und sagt: „Naja, liebe Kinder, Tito schaut uns alle an.“ Und wenn man dann das Foto wieder anschaute, hatte man tatsächlich diesen Eindruck. Es war ein System, in dem es viele Tabus gab, viele Dinge, die man nicht hinterfragen sollte. Das hat mich geprägt, und mein Misstrauen gegenüber dem, was man mir sagt oder erzählt, ist da entstanden. Ich wollte immer hinter die Bilder schauen, wollte wissen: Wer erzählt uns etwas und warum? Wollen wir das glauben? Meine Mutter und meine Tante sind Theaterschauspielerinnen, also habe ich sehr viel Zeit am Theater verbracht, bei den Proben. Wenn meine Mutter ihre Rolle gelernt hat, war ich immer der oder die „andere“, die Stichwortgeberin, Romeo zum Beispiel. Ich habe mit meinen Freundinnen immer Theater gespielt und Stücke „inszeniert“, also mir war immer klar, dass das ein ganz normaler Beruf ist, den ich auch machen kann.

 

Wie kamen Sie dann zum Film?

Als ich nach Österreich kam, mit 17, begann ich mich mehr für Film zu interessieren, das erschien mir relevanter und politischer zu sein als das Theater. Ich hatte schon in Sarajevo Matura gemacht. In Wien hatte ich Glück und bekam einen Job bei der Fernsehserie Familie Merian im Schnittraum, war sozusagen die Assistentin der Assistentin, die Praktikantin. Ich habe Unmengen an 16mm-Rollen nummeriert und kam eigentlich zum Film vom Schnitt aus, also von der handwerklichen Seite. Später habe ich auch zuerst Schnitt studiert und dann Regie. Aber Schnitt war der Einstieg, da habe ich mich in den Film als Kunstform verliebt. Und unabhängig von den Inhalten der Serie fand ich die Workflows sehr interessant, es gab Unmengen von Material, Abnahmen – viele Begriffe lernte ich da kennen. Als ich dann die Aufnahmeprüfung an der Filmakademie machte, fühlte ich mich fit, weil ich vieles schon kannte. Was Film und Schnitt künstlerisch leisten können, das habe ich wirklich während des Studiums gelernt. Man hatte viel Raum, es gab spannende Leute, es war eine tolle Zeit.

 

Bei wem haben Sie Regie studiert?

Bei Peter Patzak. Er war ein toller Lehrer, sehr partnerschaftlich. Er wollte mir nie etwas „beibringen“, sondern bestärkte mich immer darin, meinen Weg zu suchen. Er hatte eine große Wertschätzung für meine Arbeit und war für mich eine sichere Stütze. Das hat mir sehr viel bedeutet in dieser ersten Zeit in Wien, wo ich mich noch nicht so einfach zurechtfand, wo auch nicht ganz klar war, wie es für die Familie weitergehen würde. Für ihn war das selbstverständlich: Du bist eine angehende Filmemacherin, also mach das, was du dir vorstellst. Wir haben über Filme gesprochen, aber auch über Kunst, Literatur, Bücher – das war so ein „größeres“ Denken, das er mit mir geteilt hat.

 

Man hat ja den Eindruck, dass Ihre – oder eigentlich jede – Generation an der Filmakademie so eine Art Netzwerk bildet, das bis heute Bestand hat. Sie arbeiten ja auch immer wieder zusammen.

Die erste Zeit, also wenn noch alle zusammen sind und sich noch nicht spezialisieren, ist sehr intensiv, da ist das fast unvermeidlich. Man arbeitet und lernt zusammen, man lernt sich kennen, das hat dann auch Bestand. Es ist so, als würde man seine Kindheit zusammen verbringen, die filmische Kindheit, und nun sind wir alle erwachsen. Es ist etwas Besonderes, wenn wir einander sehen oder zusammen arbeiten. Manche Beziehungen haben sich verändert, das ist klar, aber es ist viel geblieben. Ich war unter anderen mit Niki Mossböck und Mirjam Unger im Jahrgang, Marco Antoniazzi, Jörg Kalt, Eva Testor und Kathrin Restarits waren ein Jahr hinter mir ... Zwei Jahre über uns waren Barbara Albert, Jessica Hausner und Valeska Grisebach. Das einzig „Gefährliche“, so empfand ich das damals, war, dass so gewisse „Moden“ entstanden sind: Man macht einen Film auf eine bestimmte Weise, dann hat man Erfolg, kommt zu Festivals – das schränkt ein bisschen ein, weil man nicht mehr versucht, seinen eigenen Weg zu finden, sondern einem Rezept folgt. Gegen Ende des Studiums habe ich gespürt, dass ich da noch mehr probieren will. Der Druck von außen war schon stark, dass man Filme so in Richtung „Sozialstudie“ macht, die typisch österreichische Sozialstudie.

 

Womit hatte das zu tun? Mit dem Vorbild Haneke?

Nein, das war noch, bevor er an der Akademie unterrichtete. Es hatte viel mit Nordrand zu tun, das war meine Beobachtung, der ja sehr erfolgreich war, vielleicht auch mit Ulrich Seidl. Da kam das auf: Das könnte unsere Richtung sein für den österreichischen Film. Eine Komödie zu machen, schien gänzlich unmöglich. Solche Moden gibt es ja immer, wenn man sich zum Beispiel Festivals anschaut und welche Filme dort laufen. Oft sind es dann 20, 30 ähnliche Filme. Aber die Frage, wie man sich seine Eigenständigkeit bewahrt, stellt sich ja immer wieder, auch jetzt, wo ich gerade mein nächstes Projekt schreibe. Wir werden immer mehr zu einem Teil des Marktes, einen geschützten künstlerischen Raum gibt es kaum noch. Oder besser gesagt: Wenige haben diesen Raum – ein Beispiel, das mir gerade einfällt, wäre Western von Valeska Grisebach.

 

Das vollständige Interview lesen Sie in unserer Printausgabe.



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Text + Interview ~ Andreas Ungerböck


Ciao Chérie


Drama, Österreich 2017
Regie und Drehbuch Nina Kusturica
Kamera Michael Schindegger
Schnitt Nina Kusturica
Ton Andi Pils
Musik The Wladigeroff Brothers & Bozidar Radenkovic´
Mit Nahoko Fort-Nishigami, Sikavi Agbogbe, Simonida Selimovic´, Ayo Aloba, Dioma Mar Dramè, Esmat Azimi, Isabella Campestrini, Mahamad Abdiasis
Verleih Thimfilm, 90 Minuten
Kinostart 19. Oktober

 



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