Zwischen Kontinuität und Veränderung

Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi im Gespräch über das Vermächtnis Hans Hurchs, über die aufgehobene Trennung von Spiel- und Dokumentarfilm und über Filmemacher, die bei der Viennale noch nicht präsent waren.

 

Das lange Warten hat ein Ende. Nach den erfolgreichen zwanzig Jahren, die Hans Hurch die Viennale geleitet hat, beginnt jetzt mit Eva Sangiorgi eine neue Ära. Die gebürtige Italienerin studierte Kommunikationswissenschaften und hat einen Master of Arts in Kunstgeschichte. Sie gründete und leitete das Filmfestival FICUNAM in Mexiko City, wo die letzten 16 Jahre ihr Lebensmittelpunkt war. Die renommierte Programmiererin war Jurymitglied bei diversen Festivals und ist generell sehr gut im internationalen Festivalzirkus vernetzt, wohl auch ein Grund für ihre Bestellung. Gleich bei der Präsentationspressekonferenz bekräftigte sie nicht nur verbal, sondern auch durch eine Style-Hommage (schwarzes Sakko, Seide) an ihren Vorgänger ihren Willen, die Tradition hochzuhalten. Als Interviewort hat sie das klassische Wiener Café Jelinek ausgesucht, ein klares Zeichen dafür, dass sie bereits die Tiefen und Untiefen der Wiener Seele zu verstehen beginnt. Entgegen den Erwartungen erscheint sie zum Interview in einem rosa Kleid, ein Beweis für ihre Fähigkeit zum Corporate Design, ist das Plakatsujet dieses Jahr doch ein Flamingo. Auch wenn die Erwartungen bei Presse und Publikum enorm sind, wirkt die 40-Jährige gelassen und selbstbewusst und sinniert eloquent über die Schwierigkeit, die Balance zwischen Kontinuität und Veränderung zu finden, die Unsinnigkeit von Kategorien im Kino und die Wichtigkeit der Form.

 

Wann haben Sie sich entschlossen, sich für die Nachfolge von Hans Hurch zu bewerben?

Ich war viele Male beruflich hier zu Gast und schätzte die Viennale auch als ausgezeichnete Möglichkeit, Filme für unser Festival in Mexico City zu entdecken. Zuerst hörte ich natürlich vom tragischen Tod von Hans Hurch, der auch ein guter Freund für mich war, da dachte ich aber überhaupt noch nicht an die Zukunft der Viennale. Beim letztjährigen Festival, das viele meiner Kollegen auch als Hommage an Hans besuchten, hörte ich dann von diesem Open Call, und mir wurde auch geraten, mich zu bewerben. Ich habe sowieso darüber nachgedacht, wieder zurück nach Europa zu gehen – so großartig Mexiko ist, das Leben in dieser hektischen Riesenstadt hat nicht nur Vorteile. Die Zeit war reif für eine Veränderung, und ich hatte auch Lust, eine neue Herausforderung anzunehmen, obwohl ich mir nicht allzu viele Chancen ausrechnete, den Job zu kriegen. Hans war doch älter als ich, und ich sprach kein Deutsch damals, jetzt immerhin ein bisschen, ich lerne noch.

 

Im ersten Jahr ist es wohl ohnehin nicht möglich, ein Festival mit einer so starken persönlichen Handschrift komplett umzukrempeln. Wenn man Ihre erste Filmliste anschaut, erkennt man viele vertraute Namen.

Natürlich gibt es da eine Kontinuität, Hans hat da sehr gute Arbeit geleistet, und wir teilten ein Interesse für bestimmte Regisseure. Manche werden jetzt vielleicht enttäuscht sein, dass es  keine großen Veränderungen in der Grundausrichtung gibt, aber dafür sehe ich einfach keinen Anlass. Andererseits wurde ich auch schon dafür kritisiert, dass ich einige neue Filme von Regisseuren nicht eingeladen habe, die bisher mit beinahe jedem Werk hier vertreten waren. Ich muss mich da aber nicht rechtfertigen, es ist halt eine Frage der Auswahl, und jetzt ist es eben meine. Aber man kann es sowieso nicht allen recht machen.


Eine der Änderungen, die schon für Gesprächsstoff sorgt, ist die Aufhebung der Trennung von Spiel- und Dokumentarfilmen im Programm und im Katalog.

Das halte ich jetzt für keine große Sache. Man muss abwarten, wie das Publikum darauf reagiert. Bei vielen Filmen fühlte ich mich einfach nicht wohl bei dieser Kategorisierung Spiel- oder Dokumentarfilm, wie zum Beispiel bei Godards Le Livre d’image. Generell sollte das Kino den Horizont erweitern und nicht durch solche Kategorien einengen. Was jetzt nicht heißt, dass es nur mehr solche Filme gibt, die nicht einzuordnen sind. Es werden auch ganz klassische Dokumentationen wie Werner Herzogs Meeting Gorbachev oder Wang Bings Dead Souls gezeigt, die die Realität aufzeichnen wollen. Aber was heißt schon Realität im filmischen Kontext? Alles ist manipuliert, aber alles kommt auch aus der Realität. Worauf ich eher verzichten möchte, sind diese Dokumentationen über Schauspieler, Regisseure oder Musiker, die eigentlich fürs Fernsehen oder Streaming-Dienste produziert wurden. Die müssen nicht unbedingt bei einem Festival wie der Viennale laufen, die haben ihre eigenen Verbreitungskanäle. Vielleicht fehlt ihnen ein wenig die kinematografische Kraft, sie bedürfen nicht des Rituals des dunklen Kinosaals, finde ich zumindest, auch wenn sie thematisch durchaus spannend sein können. Ich kann eben nur eine bestimmte Anzahl von Filmen zeigen, und die würden einem formal interessanteren Film den Platz sozusagen wegnehmen. Was wiederum nicht heißt, dass es jetzt keine Filme über Musiker mehr gibt. Wenn sie sich modern und frisch anfühlen wie Matangi / Maya / M.I.A. freue ich mich, sie zu zeigen.


Das vollständige Interview lesen Sie in unserer Printausgabe.



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Text + Interview ~ Günter Pscheider


Fotos ~ Jana Madzigon

 



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