Puzzlespiele mit Giftfingern

Warum Agatha-Christie-Romane nach wie vor verfilmt werden, ist leicht erklärt: nicht weil sie gute Literatur wären, sondern weil sie sich auch nach Jahrzehnten noch vorzüglich für die Leinwand eignen. So wie einer von Christies persönlichen Favoriten: „Crooked House“.

 

In der ersten Befragungsrunde gehe es gar nicht darum, Hinweise auf den Mörder zu sammeln. Man müsse vielmehr ein Gespür dafür bekommen, mit wem man es zu tun habe, so der Privatdetektiv zum Mädchen. Charles Hayward (Max Irons) mag für seinen ausgefallenen Beruf zwar manchem als zu jung scheinen, doch weiß er immer die richtigen Worte zu finden – sogar bei Kindern. Die zwölfjährige, aufgeweckte Josephine (Honor Kneafsey) nennt er spaßeshalber Holmes, während sie ihn mit Watson anspricht. Die beiden stehen vor einer kleinen Mauer in einem großen Garten vor einem riesigen Haus. Es ist, wie es sich für ein britisches Haus gehört, aus rötlichem Ziegelstein gebaut und protzt mit zahlreichen Giebeln und unzähligenTürmen. Man kennt es als Three Gables, und es beherbergt eine der vermögendsten Familien des Landes, deren Oberhaupt, Aristide Leonides, eben im Alter von 87 Jahren ermordet wurde.

Dass Crooked House, von Agatha Christie 1949 veröffentlicht, bis dato noch nie verfilmt wurde, ist überraschend, zumal die Grande Dame des britischen Kriminalromans dieses Buch nicht nur als eines ihrer „ganz besonderen Favoriten“, sondern gar als „eines meiner besten“ bezeichnete. Vielleicht ist aber auch genau das der Grund, weshalb es so lange gedauert hat mit einer Adaption. Bis heute ist Crooked House jedenfalls einer der weniger bekannten Romane Christies geblieben, ohne die besserwisserische Miss Marple und den überheblichen Hercule Poirot, sondern mit einem jungen Detektiv, der aus dem diplomatischen Dienst nach England zurückkehrt und nur dank Protektion seinen ersten Fall übernehmen darf. Und aufgrund seines amourösen Verhältnisses zur Enkelin des Ermordeten, Sophia (Stefanie Martini), die er in Ägypten kennenlernte und die ihn nun mit der Spurensuche beauftragt. „Did you screw my sister in Cairo?“, fragt ihn also unverschämt ihr jüngerer Bruder vor versammelter Tischgesellschaft. Vielleicht will die Lieblingsenkelin mithilfe des Liebhabers nur vom eigenen Verbrechen ablenken? Das wäre nicht nur besonders clever, sondern perfide. Das Gift dem Insulin beimengen, das Aristide Leonides jeden Abend gespritzt bekam, hätte schließlich jeder zustandegebracht. Und ein Motiv, wie sich rasch herausstellt, haben ohnehin alle Anwesenden. Doch damit nicht genug, denn wie weiß der kleine Holmes? „There’s always a second murder.“

Dass mit Murder on the Orient Express erst vergangenes Jahr eine Agatha-Christie-Verfilmung in den Kinos landete, in der Kenneth Branagh als Regisseur und Poirot einen All-Star-Cast um sich versammelte, wird sich für Crooked House hoffentlich nicht als Nachteil erweisen. Denn wogegen Branaghs Inszenierung anzutreten hatte, war weniger ihre Vorlage, als deren Ruhm: Bei einem der bekanntesten Whodunit der Literaturgeschichte musste man sich wohl oder übel auf ein Starensemble – mit Johnny Depp als Leiche – und Schauwerte konzentrieren. Im Gegensatz zu den Klassikern Christies kann Crooked House von seinem geringeren Bekanntheitsgrad profitieren: Wer hier seine Giftfinger im Spiel hatte, bleibt für die meisten tatsächlich bis zum Schluss spannend.

Gemeinsam mit Ko-Autor Julian Fellowes (Gosford ParkDownton Abbey) hat Regisseur Gilles Paquet-Brenner die verästelte Erzählung Christies merklich gestrafft, und diverse Nebenfiguren wegzulassen erweist sich unbedingt als Vorteil. Dass man etwa Charles’ Vater, der im Roman bei Scotland Yard mitmischt, im Film nicht zu Gesicht bekommt, stört auch deshalb nicht, weil jenes von Terence Stamp als mürrischer Chief Inspector vollkommen genügt. Auch dass die Adaption die Erzählung um ein gutes Jahrzehnt in die fünfziger Jahre verlegt, erweist sich als zweckdienlich: Während sich die Familie Leonides in ihrem Haus verbarrikadiert, brechen wenige Kinometer entfernt in London bereits merklich die neuen Zeiten an. In Christies Vorlage verzweigt sich die Lebensgeschichte des „Griechen aus Smyrna“ wie ein Baumstamm in die verschiedenen Familienäste. Auf der Leinwand bekommt man dieses Leben kurzerhand auf der Leinwand vorgeführt, wenn sich Detektiv Hayward, nach England zurückgekehrt, ins Kino setzt, wo die Wochenschau vom Tod des bekannten Patriarchen berichtet. Das funktioniert so einfach wie effizient.

 

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DAS KRUMME HAUS / CROOKED HOUSE


Mystery/Drama, Großbritannien 2017
Regie Gilles Paquet-Brenner
Drehbuch Julian Fellowes, Paquet-Brenner nach dem Roman von Agatha Christie
Kamera Sebastian Winterø
Schnitt Peter Christelis
Musik Hugo
de Chaire
Production Design Simon Bowles
Kostüm Colleen Kelsall
Mit Glenn Close, Gillian Anderson, Max Irons, Terence Stamp, Stefanie Martini, Julian Sands, Christina Hendricks
Verleih Centfox, 115 Minuten
Kinostart 30. November

 



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