Smoking and Drinking in Sodankylä

In Finnland, 120 km nördlich des Polarkreises, fand Mitte Juni zum 29. Mal das von den Brüdern Kaurismäki und Peter von Bagh initiierte Midnight Sun Film Festival statt.

 

Das Festival hat einen sagenumwobenen Ruf, wegen der guten Stimmung, der hellen Nächte, der entspannten Atmosphäre, und der Möglichkeit, rund um die Uhr Filme zu sehen. Der hoch dosierte Verbrauch an Alkohol, dem hier neben dem Filmgenuss gehuldigt wird, in friedlich bis harmonischer Stimmung wohlgemerkt, kommt einer Nebenattraktion gleich.

Spätentschiedene sollten ein Zelt mitnehmen. Sodankylä ist eine kleine Stadt mit achttausend Einwohnern, und das Festivalvolk verdreifacht in den fünf Tagen die Einwohnerzahl locker. Der schnellste Weg ist der Flug nach Rovaniemi. Von dort sind es noch 130 km mit dem Auto. Hat man Glück, ist noch Platz in jenem Wagen frei, der eigentlich Aki Kaurismäki abholen sollte, der seinen Flug jedoch verpasst hat. Außer einem schnellen Wagen bekommt man dann auch vom Fahrer ein eisgekühltes Bier in die Hand gedrückt, um die von der Reise trockene Kehle mal gut durchzuspülen.

Das Festivalgelände im Stadtzentrum besteht aus zwei Kinozelten, dem einzigen richtigen Kinosaal in Sodankylä, und der Grundschule, die den größten Kinosaal und das Pressezentrum beherbergt. Besonders gerne frequentiert wird die Festivalbar, die aus einer Freiluftterrasse und einem Zelt besteht. Oft gibt es Regen, daher sind die Zeltplanen notwendig. Vor dem ersten Film wird gerne mal angestoßen; einen Schnaps mit einem Fotografenkollegen, einen zweiten mit dem Pressesprecher, das dritte Glas mit einem einheimischen Filmliebhaber, der überglüklich ist über dieses Kulturereignis im ansonst sehr naturbezogenen lappländischen Ambiente. Es ist ja so kalt, da muss man sich aufwärmen. Nach der Festivalbar ist der zweitbeliebteste Ort das Flussufer, wo sich vor allem die jüngeren Festivalbesucher tummeln, mit Trommeln und anderen Instrumenten, die die im Juni nicht untergehende Sonne begleiten. Wem kalt ist, der kann sich beim nächtlichen Blues-Brothers-Karaoke aufwärmen.

Das diesjährige Programm umfasste neben einer klassischen Stummfilm-Schiene einen Balkan-Schwerpunkt und Werkschauen von Olivier Assayas (auch sein neuer Film Clouds of Sils Maria war zu sehen) und Pawel Pawlikowski. Dazu wurden vor allem neue interessante Talente des europäischen Kinos präsentiert: Katell Quillevéré (Suzanne), Hélier Cisterne (Vandal), Veiko Ounpuu (Free Range), und die eben erst in Cannes mit dem Großen Jurypreis ausgezeichnete Alice Rohrwacher (The Wonders). Wie jedes Jahr wurden auch finnische Filme gezeigt, wobei diesmal besondere Höhepunkte eher rar waren, wie Peter von Baghs Film Sosialismi, der den Aufstieg des Marxismus unter die Lupe nimmt.

Ein sehr beliebter Programmschwerpunkt des Midnight Sun Film Festivals sind die Frühstücksgespräche, in denen diesmal Alice Rohrwacher (so natürlich, so sympathisch!), Olivier Assayas (dieses Kulturwissen, diese Lust am Erzählen!) und last not least auch Aki Kaurismäki von Peter von Bagh und Olaf Möller zu ihrem Filmschaffen befragt wurden.

Eine von mehreren angebotenen Masterclasses dieses Jahr war die von Olaf Möller, der dem französischen Polit-Thriller huldigte. Einer der gezeigten Filme war Der Kommissar und sein Lockvogel (1970)  eine wahre Perle von José Giovanni mit Lino Ventura in einer seiner besten Rollen als Polizist alter Schule, der eine junge Kollegin (Marlène Jobert) zur Seite gestellt bekommt.

In den Filmen insgesamt fiel der extreme Nikotinkonsum auf, der einen schrillen Gegensatz zum heutigen Europa bietet, mit seinen Rauchverboten, die sich in Finnland sogar schon auf die Balkone von Mietshäusern ausdehnen. Lino Ventura raucht viel, aber auch in Carlos (2010) raucht man fast die ganzen sechs Stunden lang, gefolgt von einem ständig Zigarre rauchenden und von Zigarren träumenden Sam Fuller in A Fuller Life (2013), einer Wanda, die Ida (2013) den Rauch mit Genuss ins Gesicht bläst, einer Zigaretten und Wein frönenden Juliette Binoche in Clouds of Sils Maria (2014), sowie einem zigarettensüchtigen jungen Draufgänger in Veiko Ounpuus Free Range. So eifrig und viel wird geraucht, die Tabakindustrie könnte direkt Hauptsponsor der Filme sein. Das Publikum im Zelt hingegen verhielt sich naturgemäß EU-konform, allerdings machten besonders in den späteren Vorstellungen oft kleine mitgebrachte Fläschchen die Runde,  die nicht nur den Magen wärmten.

Ein Tipp noch für jene, die sich einen Besuch im Jubiläumsjahr 2015 überlegen: Die Helligkeit während des finnischen Mittsommers wirkt sich aus: Der Schlafkonsum sinkt merklich: Die meisten Gäste, wie Samantha Fuller, machen durch und gehen direkt nach den Nachtvorstellungen zu einem Frühstücksgespräch. Mit Glück sieht man am Weg dorthin noch ein Rentier, oder zwei.

War man einmal da, zieht es einen wieder hin: Sodankylä forever!

 



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