Alles unter Kontrolle

Wer bewacht die Wächter?

 

Werner Boote hat zweifellos eine Nische für sich gefunden. In seinen erfolgreichen Dokumentationen Plastic Planet (2009) und Population Boom (2013) bereiste er die Welt und beschäftigte sich mit den problematischen Aspekten des Materials Plastik und der Überbevölkerung. Boote schneiderte die Filme ganz auf seine Person zu, traf sich mit Experten und Betroffenen und fügte dem Mix, ähnlich wie Michael Moore, einige humorige Einlagen bei.

Auch in Alles unter Kontrolle, der sich mit der allgegenwärtigen Überwachung im digitalen Zeitalter beschäftigt, bleibt Boote sich treu. Der Humor ist dabei wohl Geschmackssache, und manche visuelle Einlagen, die den Look von Überwachungskameras imitieren, mögen etwas aufgesetzt wirken. Wie neu die Erkenntnisse des Films sind, hängt zudem davon ab, in welchem Ausmaß sich der einzelne Zuschauer bereits zuvor informiert hat, doch die Stärke Bootes ist es auch hier, interessante Gesprächspartner zu finden. Die Interviews umfassen dabei Tonlagen zwischen berührend (die Aktivistin Lee Shuk Ching, die Proteste gegen die Überwachungspläne der chinesischen Regierung organisiert, bricht in Tränen aus, als sie von ihrem Glauben an Veränderung spricht) und exzentrisch (Sir David Omand, ehemaliger Leiter des Britischen Nachrichten- und Sicherheitsdienstes, spricht in den Räumlichkeiten eines Gentlemen’s Club darüber, dass jedes Land Figuren wie die Waldläufer aus Tolkiens „Lord of the Rings“-Saga brauche, die die Hobbits vor den Orcs schützen).

Respekt zu zollen ist Boote dafür, dass er sich von der NSA nicht so einfach abwimmeln lässt. Zwar wird ihm trotz zahlreicher Anfragen der Zugang zu einem US-Datenzentrum verwehrt, aber Boote fährt den Mitarbeitern im Stil eines Privatdetektivs nach und kann immerhin auf einem Parkplatz ein kleines Gespräch in die Wege leiten. Fazit: NSA-Mitarbeiter scheinen nicht in sozialen Netzwerken unterwegs zu sein, das überlassen sie lieber ihren gläsernen Mitmenschen. Boote spricht mit Mikko Hyppönen, einem Experten für Computersicherheit, der meint, Orwells Roman „1984“  sei im Grunde optimistisch, da er von der düsteren Realität weit übertroffen worden sei, mit dem Hacker Harper Reed, der die Ansicht vertritt, Europäer machten sich generell zu viele Sorgen um Datenschutz, oder mit dem Internet-Aktivisten Jacob Appelbaum, der Gläser nach Benutzung von Fingerabdrücken reinigt.

Dazwischen reflektiert Boote immer wieder darüber, wie sehr ihn die Filmrecherchen verändert hätten: Er besitze seitdem etwa keine Kreditkarten mehr und verzichte auf Onlineeinkäufe.
Dass sehr viele Menschen dieser unterhaltsamen Warnung folgen werden, darf dennoch bezweifelt werden.

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Dokumentarfilm, Österreich 2015


Regie, Drehbuch Werner Boote
Kamera
Dominik Spritzendorfer, Mario Hötschl
Schnitt
Emily Artmann, Gernot Grassl
Ton
Andreas Hamza
Musik
Marcus Nigsch
Verleih
Thimfilm, 90 Minuten
Kinostart
25. Dezember

www.allesunterkontrolle.at



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