Alte Meister wieder gefragt

Das 4. Bildrausch Filmfest in Basel überzeugte durch seine unvergleichliche Atmosphäre und eine Filmauswahl mit persönlicher Handschrift.

 

Einen Festivalwettbewerb, im konkreten Fall den des 4. Bildrausch Filmfests in Basel (28. Mai bis 1. Juni) sozusagen aus nächster Nähe, nämlich als Mitglied der Jury, mitzuerleben, ist etwas anderes als ihn als „normaler“ Festivalgast quasi en passant zu verfolgen. Tatsächlich hat man dann nämlich alle Filme (in diesem Fall 13) anzusehen, während man sich sonst meist die vermeintlichen Rosinen aus dem Kuchen pickt. Und wenn man dann mit zwei gestandenen Filmemacherinnen – Nanouk Leopold und Joanna Hogg, beide zufällig (oder auch nicht) in den letzten Jahren Tributees beim Crossing Europe-Festival in Linz – in der Jury ist, erfährt man noch einmal eine andere Perspektive: Sie beurteilen ihre Kolleginnen und Kollegen nämlich um einiges strenger, als man das erwarten würde.

Dennoch herrschte relativ bald Einigkeit darüber, dass der an den Finger des (Preis-)Trägers maßgenau angepasste Bildrausch-Ring, besetzt mit einem Rohdiamanten, und die dazugehörigen 3.000 Schweizer Franken an den 85-jährigen chilenischen Auteur Alejandro Jodorowsky und seinen Film La Danza de la Realidad (Dance of Reality) gehen würden – eine Entscheidung, die einen zunächst selbst ein wenig überrascht, ist man doch meistens (zumindest unterbewusst) angehalten, jüngere Filmschaffende auszuzeichnen, um diese zu ermutigen. Aber angesichts der schieren Grandiosität von Jodorowskys autobiografischem Stück Film-Magie verblassten solche Gedanken: Der Mann, der schon in den siebziger Jahren, als es diesen Begriff noch gar nicht gab, „Arthouse-Filme“ wie El Topo und vor allem Montana Sacra machte, die sich als wahre Klassiker und Dauerbrenner des Genres entpuppen sollten (später auch noch Santa Sangre, 1989), erinnert sich in seinem ersten Film seit 23 (!) Jahren – seit 1990 war er vor allem als Comic-Autor, u.a. für den berühmten Moebius, tätig – an seine Außenseiter-Kindheit in einem Dorf in Chile, wohin seine Eltern, aus der Sowjetunion emigrierte Juden, gezogen waren. Jodorowsky entwirft ein phantastisches Panoptikum, das ein wenig an Fellinis Amarcord erinnert, aber auch viel von seinen eigenen Frühwerken enthält: die surrealistischen Anklänge, die seltsame Personnage, die Liebe zur Musik (der Part der Mutter wird zur Gänze gesungen) und zu symbolisch aufgeladenen, gewaltigen Bildern. In dieser Hinsicht entsprach La Danza de la Realidad auch bestens dem Festivaltitel – der Film ist ein „Bildrausch“ für sich selbst. Jodorowskys Sohn Brontis, der im Film seinen eigenen Großvater spielt, nahm sichtlich bewegt den Ring entgegen, während der alte Herr, der leider unabkömmlich war, eine launige Videobotschaft schickte, die das Publikum in Entzücken versetzte.

Andererseits schien es unumgänglich, zwei weitere Filme mit einer „lobenden Erwhnung“ auszuzeichnen, um die Wertschätzung für sie angemessen auszudrücken: Die erste ging an den dänischen Regisseur Nils Malmros (siehe „ray“ 05/14), auch er ein Veteran, auch er ein Autorenfilmer reinster Prägung, auch er ein wenig anachronistisch in seinen Mitteln, aber von einer ungeheuren emotionalen Wucht: In seinem neusten Film Sorg og glæde (Sorrow and Joy) erzählt der 70-Jährige, der sich seit 1973 (dem Jahr, in dem Jodorowsky Montana Sacra drehte) im wesentlichen mit seiner eigenen Biografie beschäftigt und dabei immer wieder sehr dichte und schlüssige Befunde der dänischen Gesellschaft erhebt, von den tragischen Ereignissen des Jahres 1985, als seine Frau Marianna das gemeinsame acht Monate alte Baby in einem unbegreiflichen Akt tötete. Mit welchem Mut zur Selbstentblößung und mit welcher Hingabe die beiden Eheleute, die bis heute verheiratet sind (beide waren auch in Basel anwesend), mit diesem schrecklichen Geschehnis umgegangen sind, davon erzählt dieser Film, aber auch von den Schwierigkeiten, die die künstlerische Karriere des einen Partners (Malmros war damals auf der Höhe seines Schaffens und mit einem Film zur Berlinale eingeladen) auf Kosten des anderen (der Ehefrau) mit sich bringt. Die Ebenen, die sich angesichts dieses Films ineinander verschachteln – das “fiktive” Paar im Film, das aber unzweifelhaft das “reale” Ehepaar Malmros verkörpert, dazu das reale Ehepaar Malmros während der Vorführung des Films im Kino – das sorgte schon für ein außergewöhnliches Ereignis und für recht heftige Emotionen bei der Frage&Antwort-Session nach dem Film, der sich allerdings Frau Malmros – verständlicherweise – nicht stellte.

Ebenfalls eine lobende Erwähnung ging an den griechischen Film To mikro psari (Stratos) von Yannis Economides, der schon bei der Berlinale im Wettbewerb zu sehen gewesen war. Economides, der zum dritten Mal in Basel vertreten war, entwirft darin ein düsteres Bild der griechischen Gesellschaft, in der nackte Existenzangst und Raffgier vorherrschen. In dieser Welt bewegt sich der Auftragskiller Stratos (mit stoischer Miene gespielt von Vangelis Moukiris) wie eine Art dunkler Engel der Rache. Als seine Missionen zunehmend persönlicher Natur zu werden beginnen, tut sich der im Genre seit jeher gut etablierte Konflikt zwischen der Pflicht und den eigenen Gefühlen auf, denen ein Killer bekanntlich tunlichst nicht nachgehen sollte. Das Geschehen entfaltet sich als veritable griechische Tragödie; die moralische Verkommenheit, die Economides ein wenig plakativ, aber sehr wirkungsvoll anprangert, fordert ihre Opfer. Der Originaltitel bedeutet so viel wie „Kleine Fische“, und er hätte auch als Übersetzung besser gepasst als der bloße Name der Hauptfigur. Vangelis Moukiris nahm den Preis für seinen Regisseur entgegen.

Der Rest des Wettbewerbs verblüffte vor allem durch seine Verschiedenheit: Da gab es Dokumentarfilme, darunter Johannes Holzhausens Crowd-Pleaser Das große Museum, der als Eröffnungsfilm gezeigt wurde, Debütspielfilme vielversprechender junger Regisseure (Violet vom Belgier Bas Devos, Something Must Break vom Schweden Ester Martin Bergsmark) und stille Meisterwerke wie Tsai Ming-Liangs meditative Journey to the West (siehe „ray“ 05/14). Das machte es zwar für die Jury schwierig, die Filme miteinander zu vergleichen, für das recht zahlreich erschienene Publikum ergab das jedoch ein abwechslungsreiches, buntes, dichtes Programm, das durch eine eingehende Beschäftigung mit dem Phänomen „3D“ und einer Retrospektive der meisten Filme von Nils Malmros (siehe oben) ergänzt wurde.

Neben dieser sehr persönlich gefärbten und von purem Enthusiasmus für das Kino geprägten Filmauswahl durch Nicole Reinhard und Beat Schneider – zugleich auch Betreiber des Stadtkinos Basel, das dem Festival als Heimstätte dient – ist es die unvergleichlich entspannte und familiäre Atmosphäre, die das Bildrausch Filmfest zu einem einzigartigen Erlebnis werden lässt: Da wird am Platz vor dem Kino gegrillt, für die Jury gibt es hausgemachtes Mittagessen, wie es auch das Festivalpersonal zu sich nimmt, abends sitzt man lange zusammen – und wem das noch nicht reicht, der kann auch noch beim Frühstück im Festivalhotel an einem langen gemeinsamen Tisch Platz nehmen. Die hektische Betriebsamkeit der großen Festivals erscheint einem in diesen Momenten als das, was sie ist: hohl und leer.



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