Beziehungsfrust und Mädchenpower

Der 37. Jahrgang des Saarbrücker Filmfestivals Max Ophüls Preis fiel in der Königsdisziplin des langen Spielfilms schwächer aus als in den Vorjahren. Den mit 36.000 Euro dotierten Hauptpreis gewann wieder einmal ein sehenswerter Beitrag aus Österreich.

 

Ein Gesicht prägt sich besonders ein mit den etwas ungleichen schmalen Augen und geheimnisvollen Blicken. Odine Johne ist eine aparte Erscheinung und mit ihrer subtilen Mimik eine große Entdeckung. Wer sie einmal in Johannes Schmids kongenialer Adaption von Peter Stamms gleichnamigem Roman Agnes gesehen hat, möchte sich die Physikerin, die in ihren jungen Jahren schon so besorgt über den Tod sinniert, und mitunter geistesabwesend ins Leere starrt, als sei sie nicht von dieser Welt, nicht mehr anders vorstellen.

Jurys treffen mitunter diskussionswürdige Entscheidungen, aber zumindest mit ihrem Darstellerpreis für diese starke Persönlichkeit lag sie beim 37. Saarbrücker Max Ophüls Festival goldrichtig (weitere Preise: http://www.max-ophuels-preis.de/die_preistraeger_2016).  Agnes kommt mit dieser einen Nebenauszeichnung gleichwohl viel zu kurz. Der Film überragte den Spielfilmwettbewerb haushoch, bezeugte mit  anregenden Dialogen zu zeitlosen, großen Themen, subtiler Psychologie, künstlerischem Anspruch und gutem Geschmack Qualitäten, die im deutschen Kino selten geworden sind.

Ungemein packend erzählt Schmid die Geschichte einer nicht alltäglichen Liebe, die an dem gewagten Versuch scheitert, sie literarisch auszuloten. Eigentlich wollte sich Walter (auch ein unverbrauchtes, ausdrucksstarkes Gesicht im deutschen Kino: Stephan Kampwirth) nur noch auf Sachbücher spezialisieren. Aber dann lässt sich der Intellektuelle doch dazu erweichen, über Agnes und ihre Beziehung zu schreiben. Nur nacherzählen, was er und seine Freundin erleben, will er jedoch nicht: Glück bringt keine guten Geschichten hervor, es muss schon etwas passieren. Die fiktionalen Freiheiten, die Walter sich gönnt, bleiben wiederum nicht ohne dramatische Folgen für die reale Beziehung. Raffiniert verzahnt der Regisseur die unterschiedlichen Erzählebenen ineinander, so dass auch der Zuschauer auf reizvolle Weise zwischen Imagination und Wirklichkeit die Orientierung verliert.

Noch ein anderes Beziehungsdrama, das die Juroren offenbar ungleich mehr beeindruckte, so dass sie es mit dem Preis des Saarländischen Ministerpräsidenten auszeichneten, bezieht seine Spannung daraus, dass Fantasie und Realität zusehends ineinander verschwimmen.

Fado ist ein – mit stimmungsvollen elegischen Stadt-Impressionen aus Lissabon auch visuell kraftvolles –  Psychodrama um eine zerstörerische Eifersucht. Fabian ist Doro in die portugiesische Metropole nachgereist, weil er unbedingt mit ihr zusammen sein will. Doro trifft sich aber auch mit einem anderen Mann. Sie sagt, er sei nur ein guter Freund, aber kein Liebhaber, und das klingt irgendwie auch ehrlich. Fabian möchte das glauben, aber schafft das nicht. Wie ein moderner Othello steigert er sich in sein Misstrauen, bis sich seine Bilder in seinem Kopf verselbstständigen und nicht mehr erkennbar ist, ob die tragisch endende Geschichte nur noch aus seiner verzerrten Wahrnehmung ihren Fortlauf nimmt.

Das österreichische Kino war in Saarbrücken schon einmal stärker vertreten, denkt man an Werke wie Nordrand von Barbara Albert, Lovely Rita, Lourdes und Hotel von Jessica Hausner  oder Michael von Markus Schleinzer. An deren Wucht reicht Einer von uns nicht heran, aber zumindest gewann mit dieser Milieustudie von Stephan Richter noch einer der stärkeren Wettbewerbsbeiträge in einem insgesamt eher schwächeren Jahrgang den begehrten Max Ophüls Preis. Nach einer wahren Begebenheit erzählt er mit großer Langsamkeit und dokumentarischer Schärfe von der Tristesse und Perspektivlosigkeit in einer österreichischen Vorstadt rund um einen Großmarkt. Bis zum dramatischen Höhepunkt eines tödlich endenden Verbrechens geschieht nicht viel, auf subtile Weise vermitteln sich aber die Spannungen zwischen frustrierten Jugendlichen, Arbeitslosen, Losern und denen, die lustlos und genervt noch ihren Job machen.

Die Geschichte hätte allerdings noch gewinnen können, wenn man sie auf das kürzere Format eines mittellangen Films verdichtet hätte. Saarbrücken gibt diesem Format ausdrücklich mit einem separaten Wettbewerb eine Plattform.

In dieser Sektion der mittellangen Filme zwischen 25 und 60 Minuten lief übrigens der ungleich stärkere österreichische Beitrag Unterdruck, der intelligent, unaufdringlich, mutig und unbequem in bester Tradition des Autorenfilms die Debatte über Familienpolitik anheizt. Wird sie ehrlich geführt? Machen sich die Karrierefrauen nicht etwas vor, wenn sie sich einbilden, sie könnten einen fordernden, anstrengenden Beruf mit Kindern vereinbaren? Die Regisseurin Lilli Schwabe scheint daran zu zweifeln und fühlt ihren keineswegs stereotypen Figuren subtil auf den Nerv. Die Gynäkologin Clara kann sich über ihren Mann eigentlich nicht beklagen. Bereitwillig und mit großem Verantwortungsgefühl kümmert er sich um die Kinder. Nur wird er – und das durchaus verständlich- ungeduldig, wenn er als freier Künstler ständig zurückstecken soll, weil Clara in der Klinik so stark beansprucht wird, dass der Haushalt nur noch an ihm hängen bleibt.

Clara bewegt sich ständig zwischen zwei Welten: Auf der einen Station leistet sie Geburtenhilfe, auf der anderen ermöglicht sie Schwangerschaftsabbrüche. Es ist zu bemerken, dass sie sich bei den Abtreibungen um Routine bemüht, ihr emotionales Mitgefühl hält sich in Grenzen. Als ihr auf einer Party eine ehemalige Patientin sagt, dass sie ihren Schritt keine Minute bereut hat, weil sie sich viel freier fühlt ohne ein Kind, reagiert Clara barsch. Womöglich hört sie das nicht gern, weil sie sich nicht eingestehen möchte, dass sie sich selbst in ihrem stressigen Alltag mit ihrer Familie überfordert fühlt und sie auch bisweilen gern vom Hals hätte. Jedenfalls fangen die Glaubenssätze an zu bröckeln und Mann und Kinder entgleiten ihr zunehmend.  Fast ein bisschen zu plötzlich endet die Story, als hätte Schwabe am Ende doch noch der Mut verlassen, ihr dichtes Drama konsequent in eine denkbare Katastrophe weiterzuführen. Ansonsten ein stilistisch vollendeter Autorenfilm!

Die unterschiedlichsten Probleme Heranwachsender sind nach wie vor ein Dauerthema in Saarbrücken. Diesmal rückten dabei die Krisen junger Frauen und Mädchen ins Zentrum. Und noch zwei weitere Trends lassen sich ausmachen: Das junge deutsche Kino wird wieder deutlich kommerzieller. Das zeigt sich vor allem an der musikalischen Untermalung, der Soundtrack fällt oft allzu dick und beliebig aus. Dazu passt es, dass die Nachwuchsfilmer ihre ernsten Themen lieber in versöhnlich endende Feel-Good-Movies verpacken statt in bewegende Sozialdramen. Das gelingt in vielen Fällen angesichts flacher Drehbücher (Ferien, paradoxerweise ausgezeichnet mit dem Fritz Raff Drehbuchpreis) und fragwürdiger Frauenbilder  (The Composition) nicht so überzeugend, so doch aber zumindest in einem recht gut: Luca tanzt leise hat mit einer selbstbewussten Heldin, die sich nach Jahren lähmender Passivität endlich aufrafft, etwas aus ihrem Leben zu machen, eine starke weibliche sympathische Identifikationsfigur. Seit die tierliebe Veganerin einen Hund aus einer Tötungsstation bei sich aufgenommen hat, verfolgt sie wieder ein Ziel. Sie will Tiermedizin studieren, muss dazu aber erst das Abitur nachmachen. Leicht wird das nicht, mit Mathe tut sie sich schwer, zudem gibt es Spannungen mit dem gewalttätigen Exfreund, der ihr in die Quere kommt. Aber trotz all dieser Nöte ist klar: Luca schafft das! Und auch ihr vor Freude strahlendes Gesicht wird man so bald nicht vergessen.

 

 

 



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