Cannes Blog – Tag 9

Manchmal sind die Filme, an die man von vornherein weniger Erwartungen stellt, am Ende die schönsten. Um einen solchen Glücksfall handelt es sich auch bei Xavier Dolans Mommy, der am Mittwochabend die Kritikerherzen eroberte. Seit Jahren heißt es ja bei jedem neuen Film des mittlerweile immerhin 25-jährigen Kanadiers, dass dies nun der beste, reifste, originellste Dolan sei. Stimmt auch, denn das Regie-Wunderkind hat sich seit seinem Erstling J'ai tué ma mère (I Killed My Mother) tatsächlich in einem Tempo weiterentwickelt, wie man es äußerst selten auf der Leinwand zu sehen bekommt, fast so, als sei mit 30 ganz sicher alles vorbei. In Mommy, seinem fünften Film, geht es um die Beziehung der verwitweten Diane Després (Anne Dorval) zu ihrem hyperaktiven, frechen und zunehmend aggressiven Sohn Steve (Antoine Olivier Pilon), den sie zurück zu sich nach Hause holt, nachdem er im Heim die Cafeteria in Brand gesteckt hat, wobei ein Mitschüler schwer verletzt wurde. Nur ist die alleinerziehende Single-Frau ohne Schulabschluss und Perspektive auch ohne den unbändigen Sohnemann längst überfordert mit sich und der Welt. Als sich unverhofft die schweigsame Nachbarin von Gegenüber (Suzanne Clément) aktiv in Haushalt und Familie einbringt, hofft sie auf einen Wandel zum Besseren – doch dann flattert die Schadensersatzklage des verletzten Buben ins Haus und stellt das ungewöhnliche Dreiergespann auf eine harte Probe. Fluid inszeniert und komponiert, besticht Mommy vor allem durch seine lebhaften Figuren und ein sensibel ausbalanciertes Tempo, das Dolan mit seinem außerordentlichen Gespür für Musik vorantreibt oder dämpft, wie er es gerade braucht. Der Clou sind zwei herzerweichende Sequenzen, in denen Dolan sich neben dem Sound ebenso clever auch die Wandlungsfähigkeit des Bildformats zu Nutze macht …

Nach so viel Einfallsreichtum, Herz und Verstand ließ die nächste Enttäuschung leider nicht lange auf sich warten. Dabei durfte man durchaus gespannt sein auf Jimmy’s Hall, den Wettbewerbsbeitrag des britischen Altmeisters Ken Loach: ein engagiertes Drama über den irischen Kommunisten Jimmy Gralton (Barry Ward), der nach dem Kampf um ein Gemeindezentrum in den dreißiger Jahren aus seiner Heimat abgeschoben wurde. Anders jedoch als dem thematisch ähnlichen The Wind That Shakes the Barley, mit dem Loach 2006 die Goldene Palme gewann, fehlt es dieser simplen, buchstäblichen Gegenüberstellung von irischer Kirchentradition und individueller Freiheit an Esprit, Kraft und Glaubwürdigkeit. Zudem lassen die schauspielerischen Leistungen des allzu lehrstückhaften Werks zu wünschen übrig.

Dass bereits während der Pressevorführung dicke dunkle Wolken aufzogen, die sich danach in einem heftigen Regenschwall über der Croisette ergossen (was wiederum dazu führte, dass der alljährliche Abschlusslunch des Bürgermeisters ins Wasser fiel), ließ die allgemeine Stimmung im Palais kurzzeitig auf einen neuen Tiefpunkt sinken. Am Freitagmorgen beschließt Olivier Assayas mit dem Drama Clouds of Sils Maria, in dem Juliette Binoche eine alternde Schauspielerin und Lars Eidinger einen Theaterregisseur gibt, den diesjährigen Wettbewerb. Die grauen Wolken werden sich bis dahin hoffentlich verzogen haben.

 

 



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