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Krieg, Männer und andere Unberechenbarkeiten

Eine Rückschau auf die Filme der Sektion Un Certain Regard

 

Bevor sich am Abend alles nur noch um die Juryentscheidung im Wettbewerb dreht, bleibt Zeit, noch einmal einen Blick auf die Filme der diesjährigen Un Certain Regard-Auswahl zu werfen. Denn auch die musste sich in diesem Jahr keineswegs hinter dem Wettbewerb verstecken. Bereits der Eröffnungsfilm der Sektion, Sergei Loznitsas Donbass, überzeugte mit einer Dringlichkeit und Stilsicherheit, die dem ukrainische Regisseur, der zunächst als Dokumentarfilmer bekannt wurde, bei der gestrigen Preisverleihung den Regiepreis einbrachte. Seine bisweilen schrille Farce über den ukrainischen Bürgerkrieg bleibt wie die meisten seiner Werke ein Fragment ohne fortlaufende Handlung, zeugt dafür jedoch von einer beißenden Energie, die einen packt und noch eine ganze Weile nach der Sichtung des Films begleitet.

Aber auch unter den insgesamt sechs gezeigten Erstlingswerken ließen sich wunderbare Entdeckungen machen, allen voran Girl, das zutiefst bewegende Regiedebüt des Belgiers Lukas Dhont über einen Jungen, der im falschen Körper geboren wurde und von einer Karriere als Ballerina träumt. Etwas gedulden musste man sich hingegen auf den einzigen deutschen Beitrag in diesem Jahr, der erst kurz vor Schluss zu sehen war. In My Room heißt der neue Film von Ulrich Köhler, mit dem der gebürtige Marburger sich nach seinem auf der Berlinale 2012 mit einem Silbernen Bären ausgezeichneten Drama Schlafkrankeit zurückmeldet. Während sich in dem Vorgängerfilm zwei Europäer in Afrika verlieren, geht In My Room noch einen Schritt weiter: Hier verliert sich ein so gelangweilter wie gescheiterter Kameramann gleich ganz in sich selbst und in den Möglichkeiten, die ihm ein unerwartetes Endzeitszenario bieten. Denn als Armin (Hans Löw) eines Morgens im Haus seines Vaters in der westfälischen Provinz aufwacht, sind plötzlich alle verschwunden. Nicht nur die Familie, Nachbarn, Freunde. Nein. Alle Menschen, was Armin in dem Moment durchaus gelegen kommt. Deshalb verschwendet er auch keine Zeit damit, der eigentlichen Ursache für die vermeintlich eingetretene Katastrophe auf dem Grund zu gehen, sondern macht sich schnurstracks auf den Weg in die Welt hinaus, um die neu gewonnene Freiheit zu erkunden. Und dazu gehört auch, dass er sich ganz der Natur hingibt, die ihn auf dem Kleinbauernhof umgibt, den er als Quartier seiner Wahl auserkoren hat. Pferde, Ziegen und Hühner sind seine einzigen Gefährten, bis irgendwann die schöne Kirsi (Elena Radonicich) mit ihrem großzügigen Camper aus dem Nichts auftaucht und Armins idyllisches Paradies durchkreuzt. Wie in kaum einem anderen Film auf diesem Festival, das bei jeder Gelegenheit darum bemüht ist, die Frauen vor wie hinter der Kamera in den Vordergrund zu stellen, kommt einem Köhlers ungeniertes Interesse am Selbstverständnis von Männlichkeit zunächst fast befremdlich vor. Doch es gelingt ihm, trotz einiger grober Abstriche, seine Phantasie vom neuen (männlichen) Leben im falschen als vielseitig interpretierbare Versuchsanordnung neu zu denken. Für einen Preis hat es in Cannes zwar nicht gereicht, aber man wünscht dem Film durchaus, dass er sein Publikum findet, und zwar eines, das in Ruhe schauen und staunen möchte, um dabei verschiedenste, mitunter kuriose aber immer interessante Wahrnehmungen zu machen.

Das gilt im Übrigen auch für den Film, der am Ende der gestrigen Preisverleihung schließlich als Gewinner hervorging. Die diesjährige Un-Certain-Regard-Jury um Benicio Del Toro entschied sich in dem Fall für den schwedischen Film Border des dänisch-iranischen Regisseurs Ali Abbasi – und recht hatte sie! Der Film, dessen Drehbuch auf einer Kurzgeschichte des Let the Right One In-Autors John Ajvide Lindqvist beruht, gehört mit Abstand zu den schönsten Überraschungen dieses 71. Festivaljahrgangs überhaupt. Allerdings behält man den Kern der Handlung auch hier besser für sich, um dem gewillten Zuschauer nicht den Spaß an der Sache zu verderben. Nur so viel: Wer sich erst einmal einlässt auf diesen wundersamen, unberechenbaren Fantasy-Romance-Horror-Thriller um eine zurückhaltende Frau mit einer außergewöhnlichen Gabe, der wird am Ende garantiert belohnt.

 



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