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Was bleibt

Nun ist es entschieden: Die Goldene Palme geht nach Japan

 

Keine Frage, man gönnt Kore-eda Hirokazu für sein jüngstes Werk Shoplifters die Auszeichnung von Herzen. Wenn auch vielleicht nicht unbedingt, weil das berührende Familiendrama, in dem der japanische Regie-Veteran erneut seinem Stammthema rund um die Eltern-Kind-Bindung nachgeht, tatsächlich als der allerbeste Film dieses Wettbewerbs hervorging. Aber doch dafür, dass der Regisseur seit seinem Durchbruch mit After Life (1998) das internationale Autorenkino mit einem Einfühlungsvermögen und einer famosen Beobachtungsgabe bereichert hat, die ihresgleichen sucht. Und diese besondere Gabe des Regisseurs ist auch in Shoplifters präsent, in dem er sein konsequentes Hinterfragen von Beziehungen und Konstellationen des Zusammenlebens noch einmal ein Stück weiter in die Randzonen der japanischen Gesellschaft ausdehnt. Zuletzt wurde er dafür 2013 mit dem Jurypreis für Like Father, Like Son belohnt. Dass es diesmal für den Hauptpreis gereicht hat, ist also nicht nur überaus erfreulich, sondern zeigt auch, dass Juryentscheidungen und Festivalauszeichnungen nicht immer nur politischer Natur sein müssen, und dass sie mitunter auch das gesamte Œuvre eines Meisters in Betracht ziehen, als lediglich das eine, zur Ansicht vorliegende Werk zu ehren.

Ein ähnlicher Grundgedanke dürfte die Jury um Cate Blanchett dann auch verleitet haben, zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals eine Sonder-Goldene-Palme an Jean-Luc Godard zu verleihen, weil er „Kino konstant neu definiert“, wie Blanchett in ihrer Laudatio erklärte. Sein jüngstes Werk, The Image Book, ein radikaler Essayfilm aus zunehmend düsteren Bilderfluten, Kommentaren und Geistesblitzen hätte sich wohl auch kaum mit den anderen Wettbewerbsbeiträgen in ein faires, anhand der gängigen Kategorien zu beurteilendes Verhältnis setzen  lassen. Und so weit ist Godard mittlerweile vom mehr oder weniger klassischen Erzählkino entfernt, dass er sich erwartungsgemäß auch nicht selbst in Cannes zeigte, weder zur Premiere noch zur Preisverleihung. Denn mit öffentlichen Auftritten hält es der heute 87-jährige Schweizer lieber wie sein amerikanischer Kollege Terrence Malick, der dieser Tage nicht nur – ganz ähnlich wie Godard – auf seinen ganz eigenen filmischen Pfaden wandelt, sondern bei Anlässen wie diesen ebenfalls stets mit Abwesenheit glänzt.

Viel überraschender als der Godard-Ehrenpreis war jedoch die Vergabe des Grand Prix an niemand Geringeren als Spike Lee. Damit ließ sich die Jury also doch noch zu einem politischen Statement hinreißen, denn Lees Antirassismus-Satire BlacKkKlansman zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es dem Regisseur gelingt, hier scheinbar mühelos eine Brücke von der politischen Situation in Amerika in den siebziger Jahren zum Hier und Jetzt und bis hin zu den Ereignissen in Charlottesville zu schlagen. Das alles ist mit Wut und Humor zugleich inszeniert, aber dass er dafür nun den Großen Preis der Jury bekommt, ist vielleicht der erstaunlichste Außenseitergewinn.

Als bester Schauspieler wurde der Italiener Marcello Fonte geehrt, der, schüchtern und überwältigt wie er am gestrigen Abend war, sich erst gar nicht traute, den Preis in die eigenen Hände zu nehmen. Dabei galt der Haudarsteller aus Matteo Garrones brutalem Kleinkriminellen-Drama Dogman, in dem Fonte einen gutherzigen, aber schlitzohrigen Hundesalonbetreiber spielt, ohnehin als der Favorit unter den männlichen Darstellern. Bei den Frauen gab es da eindeutig mehr Konkurrenz, zumal auch die Chinesin Zhao Tao, die in Ash is Purest White ihres Ehemannes Jia Zhangke die Hauptrolle spielt, sowie Joanna Kulig aus Paweł Pawlikowskis Cold War hervorragende schauspielerische Leistungen an den Tag legten. Der Preis für die Beste Schauspielerin ging am Ende an die Kasachin Samal Yeslyamova für ihre Darstellung einer nach ihrem Kind suchenden Mutter in Sergey Dvortsevoys Drama Ayka.

Aber apropos, was wurde nun überhaupt aus den weiblichen Regisseurinnen dieses von #MeeToo und lautstarken Forderungen nach Gleichberechtigung und mehr Frauenpower im Filmgeschäft bestimmtem 71. Wettbewerbs? Die Jury um Cate Blanchett jedenfalls versäumte es heuer, mit denen in ihrer Macht stehenden Mitteln tatsächlich eine neue Ära einzuleiten. Denn sowohl mit Alice Rohrwachers Happy as Lazzaro als auch mit Capharnaum von Nadine Labaki standen durchaus zwei palmenwürdige Filme zur Auswahl, um den ewigen Fluch zu brechen und endlich die zweite Goldene Palme in der Geschichte des Festivals an eine Regisseurin zu vergeben. Doch anstatt ernst zu machen, musste sich Rohrwacher den Drehbuch-Preis am Ende sogar noch Jafar Panahi und Nader Saeivar für Three Faces teilen, während die Libanesin Labaki zumindest den Preis der Jury erhielt. Dabei hätte man Rohrwacher zumindest den Regiepreis gegönnt, denn ihr Film zeichnet sich viel weniger durch das Buch als durch die außergewöhnliche, ureigene Handschrift seiner Regisseurin aus. Aber es half alles nichts. Den Preis für die Beste Regie konnte sich schließlich Pawlikowski sichern, für den sich ebenfalls viele insgesamt mehr Chancen ausgerechnet hatten.

Natürlich können nie alle Filme gewinnen, und in diesem Jahr war das Rennen um die Goldene Palme wohl so offen, wie schon lange nicht mehr. Schade ist es trotzdem, dass sowohl Nuri Bilge Ceylans erneut hervorragend konstruiertes und inszeniertes Drama The Wild Pear Tree (das durchaus an seinen Palme d'Or-Gewinner Winterschlaf von vor vier Jahren herankommt) als auch Kirill Serebrennikovs Leto gänzlich leer ausgingen. Doch wie einige der prämierten Werke dieses Jahrgangs, sind auch dies zwei Filme, die problemlos  für sich stehen, und die einem deshalb auch noch lange, nachdem der Festivaltrubel längst verstummt ist, tief in Erinnerung bleiben werden. Was will man mehr?

 



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