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Gut gestartet

Asghar Farhadis „Everybody Knows“ als gelungener Eröffnungsfilm

 

Es beginnt mit einem Glockenschlag. Die Zeichen stehen auf Hochzeit in Torrelaguna, einem verschlafenen Städtchen nicht weit von Madrid, in dem Laura (Penélope Cruz) aufgewachsen ist und in das sie nun für die Hochzeit ihrer Schwester zurückkehrt. Mitgereist sind diesmal nur ihre beiden Kinder, weil ihr Mann Alejandro (Ricardo Darín) zu Hause in Argentinien angeblich zu viel Arbeit um die Ohren hat. Doch die Stimmung trübt das keineswegs. Familie und Freunde sind bester Dinge, und so verlaufen sowohl die Trauung als auch die anschließende Party entsprechend herzlich und ausgelassen. Bis das Unmögliche geschieht: In der Nacht wird Lauras 16-jährige Tochter Irene (Carla Campra) gekidnappt. Und so wird aus der dem entspannten Fest auf einen Schlag ein verzweifeltes Spiel gegen die Zeit. Schlimmer noch: Anstatt zur Polizei zu gehen, vertraut die vom Schock wie gelähmte Mutter auf die Unterstützung ihrer großen Jugendliebe Paco (Javier Bardem). Der hat zwar eigentlich längst selbst eine Frau sowie ein gutgehendes Weingut, an dem sein Herzblut hängt, dennoch unterstützt er Laura bei der Suche nach Irene, bis Alejandro eintrifft und bald darauf die gesamte Familie in der Verzweiflung um das Verschwinden des Mädchens immer weiter auseinander getrieben wird.

Mit eben jenem Glockenschlag aus Asghar Farhadis Everybody Knows wurden also gestern Abend die 71. Filmfestspiele von Cannes eingeläutet, und nach dem unsäglichen Eröffnungsfilm Ismael's Ghosts von Arnaund Desplechin im letzten Jahr, haben die Festivalmacher mit ihrer Wahl heuer endlich wieder Geschmack bewiesen. Nicht nur, weil Cruz und Bardem auch auf dem Roten Teppich allemal mehr her machen als Mathieu Amalric, Marion Cotillard und Charlotte Gainsbourg zusammen, sondern vor allem, weil Farhadi selbst in einer Sprache, die er nicht beherrscht, noch einen Film zaubern kann, der zwar nicht so makellos sein mag wie seine früheren Werke, aber dennoch einen erstaunlichen Unterhaltungswert besitzt. Und das, nachdem der iranische Regisseur das auf Farsi geschriebene Drehbuch zunächst ins Spanische übersetzen ließ, bevor er sich anschließend Zeile für Zeile selbst phonetisch aneignete, um seine durch die Bank spanische Besetzung entsprechend dirigieren zu können.

Tatsächlich muss man sich vielleicht genau diesen komplizierten Umstand der Entstehung beim Sichten des Beinahe-Genredramas vor Augen halten, um zu verstehen, warum Everybody Knows am Ende trotzdem nicht die gleiche Tiefe und Dichte besitzt wie beispielsweise A Separation oder The Salesman, für den Farhadi vor zwei Jahren in Cannes mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde. Wenn er in diesem Jahr leer ausgeht, liegt das wohl vor allem daran, dass zwischen den Worten, die hier gesprochen werden, etwas verlorengeht oder gar nicht erst vorhanden ist: die unmittelbare Nähe des Autors zum eigenen Werk. Was bleibt, sind jedoch eine äußerst wendungsfreudige Handlung sowie ein bis in die Nebenrollen hervorragendes Ensemble, das Farhadi mit seinem stets klugen Auge für Figuren und Beziehungskonstellationen auch diesmal ausgewählt hat – und das ist doch auch schon was.

Wie es von hier aus weiter geht, wird sich zeigen. Der im Rahmen der offiziellen Eröffnungszeremonie präsentierte Zusammenschnitt aller Wettbewerbsfilme machte jedenfalls Hoffnung auf ein Kino, das noch die eine oder andere Überraschung bereithält.

 



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