Cannes Blog 4

Der Blick macht es

„Birds of Passage“ in der Quinzaine des Réalisateurs.

 

Es mag durchaus sein, dass die Augen der Kinowelt in diesen Tagen ganz auf dem Wettbewerb liegen, doch auch, oder besser: vor allem in den sogenannten „Nebenreihen“ (Quinzaine des Réalisateurs, Sémaine de la Critique, Un Certain Regard) lassen sich immer wieder wunderbare Entdeckungen machen. Das kolumbianische Genre-Epos Birds of Passage (Pájaros de verano) von Ciro Guerra und Cristina Gallego zum Beispiel, mit dem in diesem Jahr die renommierte Quinzaine eröffnet wurde. Guerra ist dem cinephilen Publikum spätestens seit seinem Oscar-nominierten Werk Embrace of the Serpent ein Begriff (2015), und auch Gallego war an diesem Projekt und anderen, früheren Filmen ihres Mannes beteiligt, bisher allerdings „nur“ als Produzentin. Für Birds of Passage stand das Paar nun gemeinsam hinter der Kamera, und das Ergebnis zeugt von einer äußerst gelungenen Kollaboration.

Auf dem Papier könnte Birds of Passage lediglich wie eine bedingt originelle Mafia-Geschichte erscheinen, die in der riesige Wüste La Guajira im Norden Kolumbiens spielt. Doch bereits mit dem ersten Augenaufschlag des Films wird deutlich, dass hier noch andere Kräfte im Spiel sind, die der Handlung trotz des Einsatzes familiärer Genreelemente und Tendenzen eine ureigene Dynamik verleihen. Wir befinden uns am Ende der sechziger Jahre. Der stolze, aber mittellose Raphayet (Jose Acosta) wirbt in einem traditionellen Tanz um Zaida (Natalia Reyes), die schöne Tochter einer mächtigen Familie des Wayúu-Stammes. Sie ist in ein sorgfältig besticktes, rotes Gewand gehüllt, dessen Großflächigkeit sie wie einen Vogel über die sandige Tanzfläche gleiten lässt. Am Ende des Rituals hat Raphayet diesen ersten Test zwar bestanden, aber das heißt noch lange nicht, dass ihm Zaidas Hand sicher ist. Denn ihre Mutter Ursula (Carmina Martinez) hat ihre eigenen Forderungen an den Anwärter. Sie ist die spirituelle Seele der Familie und setzt alles daran, ihresgleichen zu schützen, koste es was es wolle. Als Raphayet nach einem Marihuana-Deal mit den Amerikanern jedoch mit dem nötigen Heiratsgut auftaucht, lenkt sie ein und besiegelt damit letztlich unwissentlich den Untergang der Familie. Denn bald nehmen Drogenhandel, Gier, Geld und Macht überhand und lassen die ehrbaren Bräuche und Traditionen der Wayúu immer mehr in den Hintergrund treten.

Guerra and Gallego konzentrieren sich aber weniger auf die Einzelheiten des Drogengeschäfts, sondern richten den Fokus auf die Folgen für die Familie. Zwar ist Birds of Passage in seinem Wesen eindeutig ein Gangster-Genrefilm und als solcher zu sehen wie zu verstehen, jedoch lassen sich auch hier klare Parallelen zu Guerras Ansatz in Emprace the Serpent erkennen, der ausschließlich aus der Perspektive der Einheimischen gefilmt ist. Es ist diese ganz besondere Kunst des Einfühlens in die Menschen und ihre Umgebung, die Guerras and Gallegos Blick auf ihr Leben und ihre Kultur so einnehmend, so berauschend macht. Und man wünscht sich, dass dem noch viele Filme dieser Art folgen werden.

 



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