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Cannes Blog 8

Wer darf was in Cannes?

Auftritte und Fehltritte an der Croisette

 

Gehört ein Film wie Solo: A Star Wars Story nach Cannes? Diese Frage war unter den Verfechtern des klassischen Autorenkinos in den Tagen vor und nach der Gala-Premiere am Dienstag häufiger zu hören. Und die Antwort bleibt natürlich jedem selbst überlassen, aber Hand aufs Herz: Warum denn nicht? Erst recht, wenn er so viel Spaß macht wie dieser jüngste Ableger der Franchise. Angekündigt wurde das intergalaktische Vergnügen vorab von einer Riege Stormtrooper, die am Nachmittag die Croisette entlang marschierten, um auch die Fans, die keine Premierenkarte ergattern konnten, für ihr zahlreiches Erscheinen zu belohnen. Wer rein durfte, konnte sich doppelt freuen, vor allem deshalb, weil Solo, auch wenn man kein eingefleischter Fan ist, durchaus sehenswert ist und überhaupt so viel besser, als die fatale Produktionsgeschichte befürchten ließ. Zu verdanken ist das einerseits Alden Ehrenreich, der als jüngeres Alter Ego von Harrison Fords seinen Mann steht, während Regisseur Ron Howard es tatsächlich gelungen ist, das Regie-Ruder rumzureißen und einen Film abzuliefern, der Fans und Studio gleichermaßen beglücken dürfte.

Weniger euphorisch, aber nicht minder gespannt sah man auch dem neuen Film des dänischen Provokateurs Lars von Trier entgegen. The House That Jack Built markiert das Ende der Cannes-Sperrfrist für den Regisseur, der sich vor sieben Jahren wegen eines leichtsinnigen Nazi-Spruchs mit der Festivalleitung überworfen hatte und seitdem als Persona non grata galt. Jetzt durfte er mit seinem blutigen Serienmörder-Portrait, in dem Matt Dillon die Hauptrolle spielt, in den Wettbewerb zurückkehren, um neben Spike Lee ein bisschen mehr Wind in das bisher eher besonnene internationale Autorenkino zu bringen. Leider war der Grund für die Berichten zufolge über hundert Walk-Outs zur Premiere diesmal nicht in der radikalen Vision von Triers zu suchen, geschweige denn in einer formal innovativen Umsetzung, mit der von Triers frühere Filme das Publikum einst sorgfältig in Verfechter und Verächter zu spalten verstanden. Im Gegenteil. Vielmehr wirken die zahlreichen Verstümmelungen, Kindermorde und andere Grausamkeiten, die Dillons Möchtegern-Architekt in den siebziger Jahren an der US-Westküste begeht, wie ein mühsamer letzter Akt der Selbstverwirklichung – allerdings ohne jede Aussicht auf Erfolg. Dabei wollte Jack doch eigentlich nur das perfekte Haus und damit ein virtuoses Meisterwerk schaffen. Und Von Trier vielleicht den perfekten Serienmörderfilm drehen. Doch daraus wird leider nichts. Denn Bruno Ganz ist längst als letzte Instanz zur Stelle, um den schwarzen Engel Jack für seine Untaten zur Rechenschaft zu ziehen.

Reicht das aber zumindest noch, um an der Croisette erneut für die von Trier stets begrüßte Aufregung zu sorgen? Nicht wirklich. Da hatte Spike Lee mit seinem beherzten Auftritt auf der Pressekonferenz zu Blackkklansman einiges mehr zu bieten. Seine feurige Antwort hinsichtlich Trumps Reaktion zu den Ausschreitungen in Charlottesville, machte sogleich international auf YouTube die Runde: „Dieses Arschloch“, so Lee, „hatte die Chance zu sagen: Es geht um Liebe und nicht um Hass. Dieses Arschloch hat aber nicht den verdammten Klan, die Rechte und diese Nazi-Arschlöcher angeprangert. Er hätte der Welt sagen können: Wir sind besser als das.“ Hat er aber nicht. „Und dieses Arschloch hat den Code zu den Atomraketen!" Vielleicht kann Lars von Trier ja hier noch was für seine eigenen Medienauftritte lernen. In Cannes jedenfalls hatte man gleich von vornherein keine Pressekonferenz zu The House That Jack Built angesetzt – und auch das ist natürlich eine Möglichkeit, mit einem Enfant terrible umzugehen, um weitere Fehltritte zu vermeiden.

 



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