Ein Gespräch mit Paul Steinschulte, dem neuen Geschäftsführer von Universal Pictures Austria über Tradition und Zukunft, das Kino und andere Verwertungsmöglichkeiten.

 

Paul Steinschulte, geboren 1956 in Letmathe, heute Iserlohn, war von 1976 bis 1989 für die Filmtheaterbetriebe Goldermann in Düsseldorf tätig. Er machte die Ausbildung zum Theaterleiter im Düsseldorfer Savoy-Kinocenter und wurde dort Assistent der Geschäftsleitung. Seit 1989 arbeitet Steinschulte bei United International Pictures (heute: Universal Pictures International Germany) in Frankfurt am Main, hier war er ebenfalls Assistent des Geschäftsführers sowie im Schwerpunkt: Aufbau Vertrieb Neue Bundesländer tätig. 1992 wurde er Sales Director, seit 1995 ist er  Geschäftsführer und hat die Leitung des Gesamtbetriebs inne. Seit Beginn des Jahres 2013 leitet er auch die Österreich-Filiale der Universal, der bisherige Österreich-Geschäftsführer Mark J. Taylor musste “seinen Posten räumen”, wie es in der dazugehörigen Presseaussendung ungewöhnlich forsch hieß.

Sie sind seit Kurzem auch Österreich-Geschäftsführer von Universal Pictures. Müssen Sie den verschlafenen Ösis jetzt deutsche Tugenden beibringen?
Nein, eine strategisch orientierte Umstrukturierung hat natürlich anders gelagerte Zielsetzungen. Übrigens können wir uns in Deutschland auch einiges vom österreichischen Markt abschauen.

Welche Rolle spielt denn ein kleines Land wie Österreich überhaupt im Universal- und Paramount-Kosmos?
Der österreichische Markt hat im Zuge der Digitalisierung eine Pionierfunktion eingenommen und konnte folglich für die europäische Kinolandschaft Maßstäbe setzen.

Was ist das Spezifische am österreichischen Markt im Vergleich zum deutschen oder zu anderen europäischen?
Dank vielfältiger Initiativen der Kinobetreiber hat sich Österreich in den letzten Jahren ausgezeichnet entwickelt und den Vergleichswert „Besuch pro Einwohner“ bemerkenswert ausgebaut. Vor allem in den Genres Komödie und Action beweisen die österreichischen Ergebnisse im internationalen Vergleich immer wieder ihre besonderen Stärken.

Früher gab es von UPI-Filmen auch österreichische Fassungen, z.B. „Ein Schweinchen namens Babe“. Ist so etwas noch ein Thema?
Individualisierte Fassungen können immer wieder mal ein Thema sein. Zuletzt hat ja auch die bayrische Fassung von Ted in Österreich eine besondere Resonanz gefunden.

Wie sehen Sie denn die doch stark „bereinigte“ österreichische Kinolandschaft?
Das erfolgreich umgesetzte Mehrsaal-Konzept ermöglicht die Programmierung eines vielschichtigen und aktuellen Filmangebotes, auch jenseits von Wien sowie der Landeshauptstädte. Das Publikum verspürt offensichtlich einen großen Wohlfühlfaktor in den derzeitigen Angebotsformen.

Österreichs Kinos sind – trotz zunächst heftigen Widerstandes – nahezu vollständig digitalisiert. Wie sieht es in Deutschland aus?
Die zielorientierte Umsetzung der Digitalisierung der österreichischen Kinos ist beispielhaft. Ich hätte mir gewünscht, auch in Deutschland hätte eine ähnlich konsequente Haltung die Digitalisierung beschleunigt. Wir hoffen, durch unterschiedliche Förderprogramme auch in Deutschland in absehbarer Zeit eine Volldigitalisierung zu erreichen.

Was halten Sie persönlich von 3D? Wie sehen die Pläne von Universal in dieser Hinsicht aus? Wird noch mehr auf 3D produziert werden, oder hat das Phänomen seinen Höhepunkt bereits überschritten?
Zweifellos hat 3D das Angebotsspektrum des Kinos erheblich erweitert. Nur durch die oben angesprochene Digitalisierung wurde die Umsetzung von technischen Verbesserungen im visuellen und im Audiobereich möglich. Denken Sie dabei nur an HFR, IMAX, Atmos, 4K-Technologien. Des Weiteren werden Kameratechniken laufend perfektioniert, wie man z.B. bei Oblivion [von Joseph Kosinski, mit Tom Cruise, Start: 12. April, Anm.] sehen wird. Oblivion ist der erste Film, der auf einer F65-Kamera in 4K gedreht wurde und das Auge des Publikums erneut überraschen wird.

Im Gegensatz dazu: Sowohl Paramount als auch Universal sind eben 100 Jahre alt geworden. Welche Rolle spielt Tradition denn überhaupt noch im Filmbusiness?
Unser Denken und Handeln wird nach wie vor von Traditionen geprägt; diese sollten deshalb fest in unserem Bewusstsein verankert sein. Wichtig ist allerdings, zeitgemäße Weiterentwicklungen aktiv anzugehen und umzusetzen. Also die richtige Balance zwischen Tradition und Modernität zu finden. Im Sinne eines Slogans, der allerdings nicht von mir ist: „We want to entertain you“.

Apropos Tradition: Wie sehen Sie die Veränderungen in der klassischen Verwertungskette? Was halten Sie von Ideen wie z.B. von der, einen Film am selben Tag im Kino, auf DVD, im PayTV oder On Demand zu starten?
Das könnte spannend werden, inwieweit sich die unterschiedlichen Vorzüge der technischen Darbietungsform gegeneinander positionieren würden.

Eine ganze Generation ist inzwischen herangewachsen, die nichts dabei findet, Filme auf kleinen Computerbildschirmen oder gar auf dem Handy anzuschauen. Meinen Sie, wird sich das durchsetzen?
Welche technischen Veränderungen sich langfristig durchsetzen werden, lässt sich schwer prognostizieren. Bislang hat sich das Spielfilmformat seit mehr als 100 Jahren ganz gut behauptet. Kurzclips und Serienformate, Live-Events und andere Unterhaltungsformen sind stetig wachsende Programmmärkte, die für den „Kinobesuch“ eine Herausforderung darstellen. Hier gilt es, die Vorteile und das Besondere eines Kinobesuches permanent herauszuarbeiten. Sicherlich eine große Aufgabe für die Kinobetreiber, den Wohlfühlfaktor ständig zu verbessern.

Ein wenig still geworden ist es um die Piraterie-Debatte. Wie sehen Sie das? Hat man von Seiten der Film-Industrie resigniert?
Piraterie beschäftigt uns tagtäglich in ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen. Die gesamte Problematik wird in dem aktuellen Artikel in der „Zeit“ vom 7. Februar sehr anschaulich dargestellt. Massive wirtschaftliche Interessen aus der Internet-Industrie beeinflussen die große Urheberrechtsdebatte schon heute, und das nicht immer im Sinne der Kreativen und Filmschaffenden.

Was sind für Sie die großen Attraktionen in Ihrem Line-Up 2013?
Das Universal-Programm zeichnet sich seit Jahren durch seine Vielfältigkeit besonders aus. Wir hatten eben Zero Dark Thrty und die Filmfassung des weltweit erfolgreichen Musicals “Les Misérables”. Neben gerade in Österreich erfolgversprechenden Komödien wie Immer Ärger mt 40 und Voll abgezockt (Identity Thief), der kürzlich das beste US-Box Office-Wochenende des Jahres erzielte, versprechen wir uns mit Oblivion mit Tom Cruise, R.I.P.D. mit Jeff Bridges und Ryan Reynolds und 47 Ronin phantastische und actiongeladene Erlebnisse. Ein weiterer, absoluter Höhepunkt des Jahres ist das emotionale, bildgewaltige Abenteuerepos zwischen Orient und Okzident, Der Medicus, basierend auf dem Weltbestseller mit über sechs Millionen verkauften Büchern allein in Deutschland und Österreich.



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