Der Instinkt für die Menschen

Götz Spielmann hat eben seinen neuen Spielfilm „Oktober November“ abgedreht. Ein Gespräch am Set im niederösterreichischen Annaberg mit dem Regisseur und mit Nora von Waldstätten, einer der beiden Hauptdarstellerinnen.

 

Eher lapidar, wie bei Götz Spielmann üblich, liest sich die Inhaltsangabe: Zwei sehr verschiedene Schwestern entstammen einem Gasthof in den Alpen. Einst ein stattlicher Betrieb, doch schon seit längerem kaum mehr rentabel. Sonja, die jüngere, lebt in Berlin. Sie ist sehr erfolgreich, zu einer bekannten Schauspielerin geworden. Verena hat das Elternhaus nie für lange verlassen, lebt noch immer in dem kleinen Dorf, mit Mann und Kind. Und mit dem Vater, einem müde gewordenen Patriarch, einem Herrscher ohne Reich. Diesen ereilt ein schwerer Herzinfarkt, der ihn in Todesnähe bringt. Er überlebt, doch Heilung ist nicht mehr möglich: der nächste Infarkt wird wahrscheinlich tödlich sein. Sonja fährt nach längerem wieder nach Hause. Wo sie sich seit langem kaum mehr zugehörig fühlt. Wo Verena, ihre Schwester, ihr so fremd geworden, und wo der Vater seit der Krankheit so überraschend verändert ist. Als hätte er mit allem seinen Frieden gemacht. Als wäre er gelassen zum Sterben bereit. Aber etwas muss vorher noch erledigt werden. Oktober November – eine Familiengeschichte.

Aber wer Spielmanns Werk kennt, weiß, dass diese dürren Sätze nicht allzu viele Rückschlüsse auf den fertigen Film zulassen. Denn seine Filme füllen sich mit Leben erst durch die intensive Arbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern, mit dem Kameramann und allen anderen Mitgliedern seines Teams, das – wie stets bei ihm – eine geschlossene, unauflösbare Einheit bildet.

Was war deine erste Idee für diese Geschichte?
Ich weiß es nicht mehr. Für mich ist in dem ständigen Arbeitsprozess alles so sehr miteinander verwoben. Vielleicht hat es angefangen als Geschichte von zwei Schwestern, die ganz verschiedene Leben führen und beide die andere um ihres beneiden. Wirklich aufgegangen ist das Projekt für mich, als ich gespürt, erkannt, verstanden habe, dass dieses Thema vom Sterben des Vaters für die Geschichte nicht nur ein Anlass ist, sondern in gewisser Weise auch ein Schwerpunkt. Plötzlich ist das für mich zu etwas Faszinierendem geworden.

Wie besetzt du deine Charaktere?
Wie jeder andere auch. Es gibt eine Casterin, in dem Fall Lisa Olah. Man schaut sich Bänder an, macht Probeaufnahmen. Castings, trifft Leute. Bei manchen Figuren hat man schon beim Schreiben eine Ahnung, wer das spielen könnte. Ursula Strauss war für mich schon gesetzt. Peter Simonischek kannte ich schon gut, weil wir eine sehr schöne Theaterarbeit zusammen gemacht haben in Graz. Bei sechs Wochen Proben lernt man sich schon ganz gut kennen. Da habe ich mich auch sehr früh entschieden. Sebastian Koch habe ich durch ein anderes Projekt kennen gelernt, bei dem er mich als Regisseur haben wollte. Da hatte ich auch das Gefühl, dass diese Nebenfigur bei ihm sehr gut aufgehoben ist. Grundsätzlich besetze ich fast ausschließlich nach menschlichen Kriterien, das schauspielerische Können ist Grundvoraussetzung. Wenn jemand das nicht spielen kann, dann kommt er sowieso nicht in Frage. Aber dann ist mein Instinkt für den Menschen das Ausschlaggebende, weswegen ich auch nicht besetze, ohne jemanden getroffen oder mit jemandem gearbeitet zu haben. Also niemals nur nach dem Namen oder nach einem Katalog. Auch wenn es nur eine Dreitagesrolle ist, den Schauspieler muss ich vorher gesprochen, gesehen, gespürt haben.

Bei deinen Filmen geht nie am Ende einfach alles auf. Deshalb kann man wohl davon ausgehen, dass auch die Nahtoderfahrung keine Lösung bereit hält.
Aber eine Hinwendung zu etwas Lebendigerem, etwas Schönerem vielleicht. Wie soll ich jemandem anderem Lösungen anbieten können? Das ist vermessen und nicht besonders intelligent. Wer das versucht, seien das jetzt ästhetische oder politische Ideologen, verkennt einfach, welch ein unerhörter Kosmos jeder einzelne Mensch ist. Was da an Erfahrungen und Wissen da ist, von dem man als Außenstehender gar keine Ahnung haben kann. Aber was ich hoffe, ist, dass meine Arbeit als positive Energie übernommen wird, mit der die Zuschauer anfangen, was für sie richtig ist.

Nora, wie bist du zu diesem Projekt gekommen?
Lisa Olah hat mich angerufen und gefragt, wann ich das nächste Mal in Wien bin. Dabei bin ich gerade aus Wien gekommen und wollte einige Dinge in Berlin erledigen. Aber als sie mir sagte, dass Götz Spielmann seinen neuen Film besetzt, wollte ich nur wissen, wo und wann wir uns treffen können. Ein paar Tage später saß ich mit ihm zusammen. Das war für mich sehr aufregend, weil ich von Revanche zutiefst beeindruckt und bewegt war und dieser Film bis heute einen starken Nachhall in mir hat. Ich kannte Götz vorher nicht persönlich. Am Ende dieses ersten Kennenlernens hat er glücklicherweise gesagt, dass er gerne eine Arbeitsprobe mit mir machen will. Und dieses Casting allein war schon so besonders, ich habe in eineinhalb Stunden schon so viel gelernt, dass ich mir gewünscht habe, zu erleben, wie sich ein ganzer Film anfühlt. Und es macht etwas mit mir als Schauspielerin, als Mensch, mit Götz arbeiten zu können.

Wie ist das für einen Schauspieler, wenn im Drehbuch nicht so sehr die Dialoge im Mittelpunkt stehen, sondern nur ein gleichwertiger Teil eines komplexen Gebildes aus Stimmungen und Landschaften sind?
Götz´ Drehbuch hat eine ganz besondere Form. Er hebt den Text nicht heraus, ein Dialogsatz steht z.B. mitten in einer Ortsbeschreibung, da sind allein optisch die verschiedenen Bestandteile eines Films viel stärker miteinander verbunden. Es ist alles gleich wichtig, das Gefühl, der Körper und die Bewegung dazu, die Stimmung. Manchmal schreibt er ganz konkret, in dieser Einstellung muss man sich das so vorstellen, dass die eine Figur im Hintergrund in der Unschärfe ist und die andere vorne. Es ist alles sehr präzise in seinem Universum, da muss man nichts mehr dazu suchen oder improvisieren. Das Buch ist so eine starke Vorlage, dass man als Schauspielerin die Aufgabe hat, diese Amplituden zu füllen, in beide Richtungen, in die Höhe und in die Tiefe. Bei den Dreharbeiten geht es ihm sehr darum, dass man eben nicht spielt, dass man nicht an dieser Oberfläche kratzt, die man schnell und einfach herstellen kann, sondern viel tiefer gehen kann, an die Substanz. Es hat deshalb viel mehr mit dem Sein zu tun, einer Schwingung, einer Energie.

Du bist ja auch im wirklichen Leben eine erfolgreiche Schauspielerin, die in Berlin lebt. Kannst du darüber hinaus deine Rolle kurz beschreiben?
Sonja ist eine sehr erfolgreiche Fernsehschauspielerin und hat im Grunde ihre Heimat sehr weit hinter sich gelassen. Sie kommt aus einem kleinen Dorf, aus einer Familie, wo der Beruf der Schauspielerin etwas völlig Utopisches ist. Sie hat da einen gewissen Biografie-Sprung hingelegt. Sie kommt, als der Vater schwer erkrankt, nach längerer Zeit wieder nach Hause und trifft dort die Familie, und man merkt, dass viele Sachen unausgesprochen sind, viele Schräglagen nicht thematisiert werden, was ganz normal ist in dieser dörflichen Welt. Z.B. dass die Schwestern sich fremd sind, obwohl Schwestern immer ein besonderes Band verbindet. Man wächst zusammen auf, und natürlich liebt man sich, aber sie sind auch sehr verschieden. Die eine ist sehr pragmatisch, sehr geerdet, sie ist auch im Ort geblieben und hat sich um die Wirtschaft gekümmert, während die andere, auch weil die eine die Stellung hält, diese Freiheit leben durfte. Beide wissen erst mal wenig vom Leben der anderen, sie zeigen einander nicht, dass sie nicht wirklich glücklich oder ganz sind, da wird nicht gesagt, das war jetzt ein komischer Moment, reden wir darüber. Aber durch die Krankheit verändert sich der Vater, und durch den sich abzeichnenden Tod kommt dieses feste Gefüge, diese Meinungen, die man voneinander oft unausgesprochen hat, ins Wanken, und es entsteht die Chance, sich neu zu positionieren. Für mich geht es im Film auch sehr stark ums Erwachsenwerden. Das ist natürlich vom Blickpunkt meiner Figur und von meiner Lebensdekade aus gesehen. Dass man wirklich erkennt: Wer bin ich , wohin will ich? Es ist eine Reise, die meine Figur erlebt, die aber natürlich nicht abgeschlossen ist. Das ist aber nur eine Schicht des Filmes, weil bei der Figur des Vaters geht es stark darum, was passiert, wenn man den Tod akzeptiert, wie viel stärker man dann das Leben spürt und wahrscheinlich auch nützt.



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Text + Interview ~ Günter Pscheider



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