Der Spion, der mich lehrte

Spätestens seit der Oscarnominierung für A Single Man (2009) und dem darauffolgenden Preishagel für The King’s Speech (2010) gilt Colin Firth auch international als einer der gefragtesten Charakterschauspieler. Dabei hat der überlegte Brite über die Jahre vornehmlich auf Rollen gesetzt, wie man sie von ihm erwartet, weil sie ihm ungemein gut stehen: allen voran der sympathisch-verdruckste Gentleman, der Rückgrat hat, auch wenn ihm mitunter die Worte fehlen, und der in fast jede Literaturverfilmung passt, von klassisch-kitschig über traditionell bis modern und düster-dramatisch. Mit seinem jüngsten Auftrag als Harry Hart (Codename: Galahad) in Kingsman: The Secret Service betritt er diesmal nicht nur insofern Neuland, als dass es sich bei dem von Matthew Vaughn (Kick-Ass) inszenierten Film um eine Comicadaption handelt, sondern vor allem in Sachen Körpereinsatz. Ein Gespräch über Kampfsporttraining, unseriöse Geheimagenten und die unschlagbaren Vorzüge englischer Maßarbeit.

 

Mr. Firth, dass Sie einmal die Hauptrolle in einem Actionfilm übernehmen würden, damit haben Sie nicht nur Ihre weiblichen Fans überrascht. War es sehr anstrengend?
Es ist schon verrückt – alle gehen davon aus, dass es schrecklich harte Arbeit gewesen sein muss, mich körperlich auf die Rolle vorzubereiten. Und zum Teil stimmt das auch, es war anstrengend, aber es hat mir auch riesigen Spaß gemacht.

Hatten Sie persönlich gar keine Bedenken, die Rolle anzunehmen?
Die größten Zweifel hatte ich im ersten Monat, kurz nachdem wir mit dem Training begonnen hatten. Da war ich mir wirklich nicht sicher, ob ich tatsächlich all die Muskeln und Körperteile wieder in Bewegung setzen konnte, die ich jahrelang vernachlässigt hatte. In meinem Alter gehören Ausfallschritte und Kniebeugen ja nicht unbedingt zum Standardprogramm, da geht’s eher vom Stuhl ins Auto und wieder zurück. Dagegen musste ich jetzt lernen, mich auf dem Boden zu rollen und junge Kerle über die Schulter zu hieven, und das tat am Anfang schon ganz schön weh. Zudem stand die genaue Choreografie bis kurz vor Drehbeginn nicht fest, deshalb mussten wir wirklich auf alles vorbereitet sein. Das heißt: sechs Monate rigoroses Kampfsporttraining, mindestens drei Stunden täglich oder mehr. Allerdings habe ich zur gleichen Zeit auch Woody Allens Magic in the Moonlight in Frankreich gedreht, das war also manchmal schwierig zu koordinieren. Aber meine Trainer sind mir dann hinterhergereist, und ganz ehrlich, mit denen wollen Sie es sich nicht verscherzen. Einer war Weltmeister im Thaiboxen, ein anderer sechsmaliger Olympia-Goldmedaillengewinner im Turnen, ganz zu schweigen von Jacky Chans Trainer und den Typen vom Sondereinsatzkommando, die einem beibringen, wie man diese ganzen verrückten Bewegungen macht und dabei gleichzeitig mit einer Waffe herumhantiert.

Hatten Sie eine Ahnung davon, wie man  mit Waffen umgeht?
Nein, nicht wirklich. Ich habe mal einen Film über den Falklandkrieg gemacht, da haben wir Gewehre benutzt, aber das ist schon Jahre her. Mit Handwaffen hatte ich bisher keine Erfahrung. Und eines kann ich Ihnen versichern: Ich bin definitiv kein Waffentyp.

Was haben Sie sonst noch gelernt, was  Sie möglicherweise später noch einmal gebrauchen können?
Ich habe gelernt, wie man Saltos macht, aber das braucht man heutzutage leider nicht allzu oft.

In Kingsman spielen Sie einen eleganten Geheimagenten in der besten Tradition der früheren 007-Abenteuer. Wer ist denn eigentlich Ihr liebster James Bond?
Ah, da fragen Sie mich was. Und Sie werden jetzt sicher enttäuscht sein über meine Antwort, weil sie banaler und langweiliger kaum sein könnte. Aber ich mochte sie bisher wirklich alle sehr gern, jeden auf seine Weise. Und ich finde, auch Craig macht seinen Job fantastisch, gerade weil es bisher keinen Bond wie ihn gab, und es wäre sehr schade, jetzt einen Wechsel zu sehen. Pierce Brosnan war lange Zeit mein Favorit, weil er so eine wunderbare Selbstironie an den Tag gelegt hat. Aber wenn ich mich wirklich auf einen Bond festlegen müsste, dann Roger Moore, der wahrscheinlich unseriöseste 007. Mit ihm bekam James Bond mehr Witz verliehen und ich mag die Filme am liebsten, obwohl es merkwürdig ist, dass ich das jetzt sage, weil Craig sicherlich mit Abstand der ernsteste Bond ist und ich ihn trotzdem auch großartig finde – diese harte Nummer, das passt zu ihm. Aber derjenige, der mich am ehesten zum Schmunzeln bringt, den ich am unterhaltsamsten finde, ist und bleibt Roger Moore.

Das britische Autorenduo Matthew Vaughn und Jane Goldman hat sich in den letzten Jahren mit ihren Comicverfilmungen einen Namen gemacht.  Was glauben Sie, warum funktionieren Filme wie Kick Ass und X-Men: First Class so gut?
Ich denke, das liegt zum Teil in dem Paradox, dass die Filme sehr innovativ und originell wirken, sich im Grunde aber auch wieder auf bekannte populärkulturelle Bezüge und Referenzen stützen. Was ich damit meine ist, dass die beiden kein komplett neues Genre erfunden haben oder sonst was, sondern vielmehr, dass sie sich  an bestimmten Zutaten und Elementen aus diversen Superhelden-Filmen oder klassischen Spy-Movies der sechziger und siebziger Jahre bedienen, um dann ihre Geschichten aus dem Blickwinkel eines ewigen Kindes zu erzählen, das nach Unterhaltung giert. Matthews Filme haben einen Spaßfaktor, der wesentlich ist für ihren Erfolg. Und sie haben Herz. Bei aller Action, Komik und Effekthascherei gelingt es ihm trotzdem, zwischen seinen Helden und dem Publikum eine Beziehung aufzubauen, in die man als Zuschauer investiert. Zumindest ging mir das bei Kick Ass so. Und Kingsman ist in der Hinsicht nicht viel anders. Trotz allem Chaos und aller Gewalt, die einem entgegen strömt, hat der Film auch eine emotionale Kraft, und abgerundet wird das Ganze dann mit einem Soundtrack von Dire Straits bis Ellie Goulding – das hat schon was.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Matthew Vaughn im Vergleich zu anderen Regisseuren, mit denen Sie bisher gedreht haben, Tom Ford zum Beispiel?
Interessant, dass Sie gerade Tom erwähnen. Die beiden sind sich in der Hinsicht ähnlich, dass sie während der Dreharbeiten nicht viele Anweisungen geben, um den Schauspielern mehr Freiraum zu lassen. Darüber hinaus war die Zusammenarbeit mit Tom allerdings etwas Besonderes. Sobald er ans Set kam, konnte man das spüren. Das hat etwas mit der Art zu tun, wie er auftritt, und mit der Formalität, mit der er die Dinge angeht. Aber sobald die Kamera lief, hatte man innerhalb dieses Mikrokosmos eine unglaubliche Freiheit, was ich bisher bei kaum einem anderen Regisseur so erlebt habe. Damit hat er viele Leute überrascht, die davon ausgegangen sind, dass jemand wie Tom, der aus dem Fashionbereich kommt, wahrscheinlich wahnsinnig kontrollwütig und ästhetisch sehr festgelegt ist. Aber dem war nicht so. Wir haben A Single Man in 21 Tagen abgedreht, zumeist mit einer einzigen Kamera auf dem Tripod, die innerhalb der wundervoll arrangierten Sets lediglich hin und wieder die Position wechselte. Davon abgesehen hatte man, wie gesagt, freien Spielraum. Aber trotzdem wusste man auch ohne irgendwelche Erklärungen von Tom, worum es ihm ging, welcher Ton angebracht war, welchen Rhythmus die Geschichte haben sollte.

Apropos Fashion, Sie bringen mit Kingsman gleichzeitig auch eine eigene Anzugkollektion auf den Markt.
Ja, das stimmt. Dabei handelt es sich um schlichte, präzise und auf dem Leib geschneiderte Anzüge, mitunter die besten englischen Maßanzüge, die ich jemals getragen habe – und das will schon was heißen.  Aber natürlich wollen wir Tom damit keine Konkurrenz machen. Ich denke, er ist derzeit ohnehin ganz oben im Geschäft, zumindest für meinen Geschmack. Aber gleichzeitig sind die Kingsman-Anzüge erstaunlich komfortabel und explizit gefertigt, und Matthew behandelt sie fast wie einen eigenen Charakter im Film. Alles Zweireiher versteht sich – kugelsicher!

Wie viel oder wie wenig von dem Colin Firth, wie man Sie bisher auf der Leinwand erleben durfte, steckt tatsächlich in Kingsman?
Der Clou liegt darin, dass ich im Grunde derselbe bin, nur diesmal mit einem Decknamen und undercover im Einsatz. Das ist ein bisschen so wie bei Robert de Niro in Stardust, nur anders herum. Vor ihm fürchten sich immer alle, weil er für gewöhnlich die Leute über den Haufen schießt. Und keiner hat damit gerechnet, dass er plötzlich als Transvestit daherkommt.

Wie stehen Sie zu Ihrer Figur – was gefällt Ihnen an Harry Hart, was stört Sie an ihm?
Seine politischen Sichtweisen lehne ich eher ab, und auch seine recht romantische Sicht auf gewisse orthodoxe Traditionen der englischen Upperclass. Das heißt aber nicht, dass mich seine Ansichten an ihm stören, ich teile sie lediglich nicht. Was ich an ihm mag, sind sicher die offensichtlichen Dinge: sein Mut, sein Ethos. Die Tatsache, dass er alles daran setzt, um dem jungen „Eggsy“ wieder auf die richtige Bahn zu verhelfen. Dass er sich der Verantwortung stellt und versucht, einen Fehler wieder gut zu machen, den er vor Jahren begangen hat, obwohl das offensichtlich eine nicht unwesentliche Herausforderung für ihn darstellt.

Was ist für Sie die größte Herausforderung in Ihrem Beruf?
Die Schauspielerei an sich, mit allem, was dazu gehört. Es gibt sicherlich Kollegen, denen das alles mit links von der Hand geht – mir nicht. Ein unschlagbarer Vorteil bei den vielen Kampfszenen bestand darin, dass es klare Anweisungen gab. Entweder war man gut oder man war schlecht, zu schnell oder zu langsam, Gewinner oder Verlierer. War man nicht schnell genug, musste man es noch einmal machen, oder noch einmal, bis es schnell genug war, keine Diskussion. Darüber hinaus ist es leider nicht so eindeutig. Da gibt es nicht wirklich Maßstäbe, an denen man sich abarbeiten kann. Ob eine Darbietung gut oder schlecht ist, bleibt immer subjektiv. Der Zuschauer entscheidet. Aber selbst wenn sich alle einig sind, dann kommt irgendwo wieder ein Kritiker daher, dem es nicht gefallen hat, der alles in Grund und Boden schreibt. Natürlich gilt das nicht nur für die Schauspielerei, sondern für fast jede Art künstlerischer Tätigkeit. Aber wie gesagt, die Schlägereien fand ich in der Hinsicht einfacher, eindeutiger, obwohl auch Stuntchoreographie kein Kinderspiel ist, nur die Regeln sind etwas handfester, im wahrsten Sinne des Wortes.

Was muss eine Rolle haben, damit Sie sich einigermaßen wohlfühlen in Ihrer Haut?
Schwer zu sagen. Man hofft immer, dass man der Figur gerecht wird. Dass man irgendwie gut genug ist, obwohl das natürlich nicht ausschließt, dass man sich in der eigenen Einschätzung täuscht.

Wie finden das Ihre beiden Söhne zu Hause, dass Sie jetzt auch als Actionheld unterwegs sind?
Die Jungs finden es natürlich Klasse, dass es vielleicht endlich einmal eine Rolle gibt, auf die auch sie stolz sein können. Zugegeben, Nanny McPhee und Mamma Mia! sind nicht unbedingt die Filme, mit denen sie in der Schule hausieren gehen. Mit Kingsman sieht das eventuell anders aus – oder sagen wir mal so: Sie schöpfen zumindest gerade neue Hoffnung!   



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Interview ~ Pamela Jahn

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