Die dritte Pille

Kritik des reinen Vergnügens: „The Pervert‘s Guide to Cinema“ von Slavoj Žižek.

 

Er hinterfragt den „Fetisch“ Demokratie, entlarvt den Verlust der Autoritäten als bloß scheinbaren und beklagt den Mangel an Vorstellungskraft, Alternativen – und seien es auch utopische – zum kapitalistischen System zu entwickeln. 2015 veröffentlichte er rund 1400 Seiten darüber, wieso man von Marx zu Hegel zurückkehren und mit Lacan „durch Hegel hindurchgehen“ müsse, um die Gegenwart zu verstehen. „Weniger als nichts“ heißt dieses Werk über Gott und die Welt und die Dialektik von fast eh allem, der Autor selbst bewarb es als einen „Hegel-Leitfaden für Imbezille, deren IQ sich, beleidigend gesprochen, ungefähr auf dem Niveau ihrer Körpertemperatur (in Grad Celsius) bewegt“.

Über die Grenzen seines Fachbereichs hinaus bekannt, man könnte sagen zu einem Star-Denker wurde Slavoj Žižek schon vor knapp 20 Jahren. Nicht geschadet haben dabei seine manische Publikations- und weltweite Vortragstätigkeit, drängende Buchtitel wie „Was Sie immer schon über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten“, oder auch plastische Analogien wie z.B. seine Toilettentheorie: Beim französischen Modell des Aborts verschwinden die Exkremente sofort hinten im Loch, das Revolutionäre der Franzosen eliminiere diese quasi umstandslos. Briten und vor allem Amerikaner lassen Fäkalien – ganz pragmatisch – von einem Wasserstrudel allmählich wegsaugen. Und die Deutschen (bzw. die Österreicher)? Zumindest nach altem Kloschüsselmodell können sie ihre Erzeugnisse versonnen betrachten, bevor sie sie wegspülen.

Lächerlich, aber nicht leicht vom Tisch zu wischen: Das gilt für so manches, was dem Kopf des frei flottierenden Theoretikers, psychoanalytisch versierten Philosophen und überzeugten Kommunisten Žižek entspringt. Gegner halten ihn immer noch für einen Scharlatan, Provokateur und Selbstdarsteller oder verunglimpfen ihn als „Extremlinken“. Bewundernd-ironisch klingt die Beschreibung seiner Person im Feuilleton der konservativen „Welt“ anlässlich des Erscheinen seines Hegel-Buchs: „Žižek ist wie ein Spielautomat, bei dem man garantiert den Jackpot knackt. Man muss nur ein bisschen Spielgeld hineinwerfen, schon wird man unter einem Haufen von Münzen begraben.“ Was jedenfalls für ihn spricht, ist seine selbst auferlegte Mission, zunächst oft weit hergeholt wirkende Thesen so allgemein verständlich wie nur möglich darzulegen und mit Beispielen bildhaft zu machen. Er gestikuliert mit Händen und Füßen, ist sprunghaft und anekdotisch in seinen Gedankengängen, fast permanent nervös im Gestus, und doch weiß er die Logik, zumindest jene nach Freud/Lacan‘scher Denkweise, auf seiner Seite.

Žižek beharrt auf seiner Methode der Umkehrung, stellt oft gängige Sichtweisen auf den Kopf, um ihnen tiefere Wahrheiten abzugewinnen. Wie kongruent sein Denkstil und seine Körpersprache erscheinen, konnte man schon in dem 2010 auf DVD erschienenen Porträt Alien, Marx & Co. (Susan Chales de Beaulieu, Jean-Baptiste Farkas, filmedition suhrkamp 19) beobachten. Wirklich unterhaltsam und allein schon wegen der zahlreichen originellen Interpretationsansätze für Cinephile empfehlenswert ist der 2006 fertig gestellte, nun auf DVD verfügbare The Pervert‘s Guide to Cinema (absolut Medien, fes 37): Žižeks Nähe zum sowohl popkulturell relevanten (Genre-) als auch zum Autorenkino kommt hier in mundgeblasenen Gedankengirlanden anschaulich zum Ausdruck.

Realer als die Realität

Lustvoll durchwandert Žižek die Zwischenreiche und Abgründe der meisterlich konstruierten Parallelwelten eines Alfred Hitchcock oder eines David Lynch wie einer, der sich nicht nur theoretisch mit Begehren, Triebstrukturen, Unterdrückung und Überfiguren auskennt. Der erste „Lehrsatz“ dieses Filmseminars: „Das Kino erfüllt nicht unser Begehren, es lehrt uns, wie wir begehren sollen.“ Die Kunst des Kinos sei es, das Begehren zu wecken, damit zu spielen, gleichzeitig aber einen Sicherheitsabstand zu halten. Das Begehren deutlich zu machen, dabei aber zu zähmen. Vierzig großteils berühmte Filme schlüsselt Žižek mit Werkzeugen der Psychoanalyse nach Jacques Lacan sowie nach dialektischen und ideologiekritischen Maßstäben auf, wobei Regisseurin Sophie Fiennes ihn sich selbst als pädagogischen Führer durch diverse verrätselte Filmuniversen inszenieren lässt, zwischen denen er (auch buchstäblich an originalen oder nachgestellten Drehorten der Filme) so oft hin- und herspringt wie es seinen assoziativen Denkmustern eben entspricht. Die Werke Hitchcocks (besonders Vertigo, Psycho und The Birds) und Lynchs (Wild at Heart, Lost Highway, Mulholland Dr.) wären an erster Stelle zu nennen, aber auch Filmen von Chaplin, Eisenstein, Bergman, Tarkowskij, Kieslowski und nicht zuletzt Hanekes Die Klavierspielerin widmet er breiten Raum.

Um das Verhältnis von Phantasie, Fiktion, Realem und Realität geht es hier zuvörderst. „Kino als die Kunst der Erscheinungen erzählt uns etwas über die Realität selbst. Darüber, wie Realität sich ausbildet und verfestigt“, sagt Žižek. Seine Kernthese bezogen auf das Erzählkino ist, dass Fiktion nicht etwas anderes sei als Realität, sondern gewissermaßen ein Teil von ihr. Ihre Wirkung sei zuweilen realer als die Wirkung der Realität selbst. Weil wir nämlich Dinge, die so brutal, so traumatisch oder auch so freudvoll sind, dass sie das symbolische, narrative Konstrukt unserer eigenen Realität ins Wanken bringen könnten, geradezu fiktionalisieren müssen, um ihnen irgendwie beikommen zu können. Oder anders herum formuliert: „In der Illusion steckt etwas Reales, realer als in der Realität, die dahinter steht.“

Deshalb fordert Žižek z.B. auch, aus dem Matrix nachgestellten Weißraum heraus mit dem Zeigefinger in die Kamera fuchtelnd, neben der berühmten blauen und der berühmten roten eine dritte Pille: Nicht bloß die Wahl zwischen Illusion und Realität hätte Neo haben dürfen, sondern eine dritte Möglichkeit, mit der man die Realität innerhalb der Illusion wählen kann. Durchaus konsequent daher eine seiner zentralen Annahmen: „Unser fundamentaler Irrtum heutzutage ist nicht, Ausgedachtes zu ernst zu nehmen. Er besteht im Gegenteil darin, Fiktionen nicht ernst genug zu nehmen.“ Als herausforderndes Beispiel, das auch seinen Hang zum verkehrten Denken erkennen lässt, führt Žižek brutale Videospiele an. Was, wenn der Egoshooter oder Vergewaltiger, dessen Identität der Gamer annimmt, das wahre Selbst des Gamers ist? Liegt dem Ich des Videospielers diese brutale Figur womöglich näher als die Rolle, die er im realen Leben mit all seinen sozialen Zwängen spielen kann, spielen muss? Solche scheinbaren Widersprüche sind dem Denken Žižeks programmatisch eingeschrieben, eines seiner Markenzeichen ist, alle Phänomene des modernen Lebens aus der Sicht von Marx (bzw. neuerdings eher Hegel) und Lacan (als Neuinterpret Freuds) zu betrachten.

Von Stalin zu Pluto

Es ist ein Vergnügen, Žižek in einem Motorboot vor Ort in der Bodega Bay die Vögel in Hitchcocks The Birds als rohe, inzestuöse Energie, die überdies mit bösem Blick auf das von ihr angerichtete Unheil schaut, auslegen zu sehen. Es macht Spaß, seine psychoanalytische Deutung der Marx-Brothers nachzuvollziehen, welche die drei ungleichen Charaktere zu einem verquer kongenialen Gespann zusammenliest. Und seine Theorie, dass mit dem Ton auch Tiefe, Innenleben, Schuldfähigkeit, Schuldgefühle, mit anderen Worten: das komplexe ödipale Universum in den Film kamen, demonstriert er besonders schlüssig. Die menschliche Stimme als „verselbständigtes Monster“, ob in The Great Dictator oder später in The Exorcist, hat es ihm besonders angetan, von dort ufert die Exegese aus zum autonomen Körperteil (der Arm Peter Sellers‘ in Kubricks Dr. Strangelove) und schließlich zum „nicht kastrierten Doppelgänger“ Edward Nortons in Finchers Fight Club. Eine seiner Lieblingsszenen ist jene in Teil vier der Alien-Reihe, als Ripley mit ihren in verschiedenen Versuchsstadien gescheiterten, monströsen Klon-Abbildern konfrontiert wird. Žižek: „Die Alternativversionen unserer selbst verfolgen uns!“ Dass seine Alien-Exegese in der Frage „Schlummert vielleicht in uns allen ein Alien?“ kulminiert, ist keine Überraschung. Seine eigene Antwort (an anderer Stelle) dagegen schon: „Wir selbst sind die Aliens, die unsere animalischen Körper kontrollieren.“

Žižek gibt als Person auf dem Bildschirm ein interessantes Bild ab, wie Jens-Christian Rabe im Booklet zu Alien, Marx & Co. schrieb. Man dürfe ihn sich als Antipoden von Gilles Deleuze vorstellen, der gerade dieses Priesterhafte, Geschwätzige, Überwältigende der Psychoanalyse, wie es bei Žižek deutlich wird, so heftig verabscheute. Und doch, so Rabe über das Pädagogische und zeitdiagnostisch Ambitionierte an Žižeks Denken: „Viel Besseres kann der Philosophie im Fernsehen nicht passieren.“ Es gibt halt nicht so viele allgemein nachvollziehbare Erklärungsmodelle, warum unsere Libido das virtuelle Universum der Phantasien braucht (und warum wir gelegentlich ganz normalen Sex brauchen, um der exzessiven Realität unserer sexuellen Phantasien zu entkommen). Auch wenn man Žižeks Auslegungen nicht teilt, das eigene Denken vermögen sie gehörig anzuregen. Und nirgendwo sonst kommt man von einem Sowjet-Musical (Kubanskie kazaki, 1949) via Stalin zu einem Disney-Kurzfilm (Pluto‘s Judgement Day, 1935).

„Wir brauchen das Kino buchstäblich, um die Welt von heute zu verstehen“, resümiert Slavoj Žižek am Ende von The Pervert‘s Guide to Cinema. Und empfiehlt in seiner unnachahmlichen Art, lassen Sie es sich langsam auf der Zunge zergehen: „Wenn Sie nach dem suchen, was in der Realität realer ist als Realität selbst, dann beschäftigen Sie sich mit filmischer Fiktion!“

Im Herbst folgt in der filmedition suhrkamp Slavoj Žižeks „The Pervert‘s Guide to Ideology“.



Kein Kommentar vorhanden.


The Pervert‘s Guide to Cinema
Präsentiert von Slavoj
Žižek


UK/AT/NL 2006
Regie
Sophie Fiennes
Sprache
Englisch mit deutschen Untertiteln
Bonus
Ausführliches Booklet mit Episodenregister,
einem Regie-Interview und zwei vertiefenden Aufsätzen Žižeks zu Hitchcock
Länge
150 (3 x 50) Minuten
filmedition suhrkamp 37
absolut Medien

 

The Pervert‘s Guide to Cinema



Tags


Social Bookmarks