Die Metaebene als Rutschpartie

Ein Film über das Filmsehen. Fünf enthusiastische Exegeten versuchen sich in „Room 237“ an der abschließenden Ausdeutung von Stanley Kubricks „The Shining“ und kommen dabei zu mehr oder weniger abstrusen Schlüssen.

 

The Shining ist Stanley Kubricks einziger Horrorfilm geblieben. Die basalen Komponenten sind überschaubar – ein abgeschiedenes Hotel, ein wahnsinniger Familienvater, eine Axt –, der Ausgang ist dementsprechend vorhersehbar. Kubrick hat das offensichtlich nicht genügt, im Nachhinein hat er polemisiert gegen die angebliche Klischeehaftigkeit des Genres. The Shining ist ein virtuos inszenierter Film und bietet zahlreiche großartige Momente und beeindruckende Bilder; als Horrorfilm funktioniert er nur bedingt, vielleicht weil er, wie Wolfgang Frömberg gerade noch einmal vermerkt hat, von „bildungsbürgerlicher Großkotzigkeit“ durchdrungen ist. Der Streit zwischen dem Regisseur und Stephen King, dem Autor der Romanvorlage, ist legendär. Letzterer hatte eine modernisierte, hocheffektive Haunted-House-Geschichte geschrieben und eine komplexe und selbstreflexive Auseinandersetzung mit der eigenen schriftstellerischen Arbeit eingeflochten (im Film wie im Buch wird Jack Torrance über einem Manuskript verrückt). Kubrick hat dieses Genrestück zu einem eigenen Autorenstück umgemodelt, das von King nicht viel mehr als die Plotkonstellation übernimmt.

Anders als der Roman suggeriert der Film fortwährend Bedeutsamkeit. Die Konstellation Hotel-Familie-Axt darf nicht alles sein. The Shining wurde zum Gegenstand ausführlicher hermeneutischer Anstrengungen, im Netz findet man hunderte Seiten mit Interpretationen. Fünf besonders enthusiastische Exegeten sind die Protagonisten in Rodney Aschers Dokumentarfilm Room 237 und dürfen ihre jeweilige Perspektive anhand der Filmbilder exemplifizieren. Die Form, die Ascher für seinen Film gefunden hat, ist adäquat: Der Zuschauer bekommt keine Talking Heads zu sehen, sondern Szenen und Sequenzen aus The Shining und anderen Filmen Kubricks, die mit steilen Thesen versehen werden, welche sich so direkt am Material überprüfen lassen. Anschlussfehler – erst steht da ein Stuhl an der Wand, dann ist er mit einem Mal verschwunden – werden zum Anlass genommen, um auf die prinzipielle Bedeutsamkeit noch der kleinsten Details zu insistieren.

Die Thesenbildung wird im Verlauf von Room 237 zunehmend gewagter. Dass das Overlook Hotel ein Ort ist, an dem die Gewalt der Geschichte symbolisch wiederkehrt, mag vielleicht noch angehen; dass sich diese Wiederkehr anhand einer im Bildhintergrund arrangierten Backpulverdose belegen lässt, auf der ein Indianer zu sehen ist, eher nicht. Vielleicht erzählt The Shining aber auch vom Holocaust, schließlich ist die Schreibmaschine, auf der Jack Nicholson seinen, na ja, Roman schreibt, ein deutsches Fabrikat. Spätestens ab dem Moment, in dem The Shining als Beleg für Kubricks streng geheime Mitwirkung an der Inszenierung der Mondlandung herangezogen wird, wechselt Room 237 das Genre und wird zur Komödie.

Ascher gelingt es jedoch, seine Figuren und ihre Exkurse nicht zur Freakshow werden zu lassen. Zum einen ist sein Film ein Essay über eine Lust an der Hermeneutik, die nur noch ihrer eigenen Logik folgt. Darüber hinaus legt Room 237 nahe, selbst als Reflexion des Dreiecks Regisseur–Filmbild–Zuschauer verstanden zu werden, das konstitutiv für die Filmerfahrung ist. Er hätte The Shining zu einer Zeit gesehen, in der er sich mit der Vernichtung der europäischen Juden durch die Deutschen beschäftigt hätte, berichtet einer der Exegeten – und sieht in den Bildern Verweise auf die Shoah. Eine andere Interpretin erkennt in einem Bild, das ihr Sohn malt, eine unheimliche Wiederkehr einer Szene aus The Shining. Und die These, Kubrick sei der Regisseur der Mondlandung, war ganz offensichtlich schon fertig, bevor ihr Vertreter sich in den Kinosessel gesetzt hat. In allen drei Fällen bestimmt eine Erfahrung oder wenigstens eine Idee, die man außerhalb des Kinos gemacht beziehungsweise entwickelt hat, die eigene Filmwahrnehmung. Diese Erfahrung kann dann mehr oder weniger relevant, die Idee mehr oder weniger idiotisch sein. Immer geht sie ein in die Wahrnehmung des Rezipienten. So liefern die fünf mehr oder weniger idiosynkratisch argumentierenden Interpreten Belege für etwas ganz Grundlegendes: Der Zuschauer speist sich im Kino selbst gleichsam in die Filmbilder ein, das, was man Filmerfahrung nennen kann, ist zugleich sein Produkt wie auch das der Bilder.

Bleibt die Frage, wie sich dann, wenn man sich über den Sinn des Gesehenen zu verständigen meint, zwischen plausiblen und irrwitzigen Thesen unterscheiden lässt. Im Zweifelsfall hilft der Blick für das Offensichtliche. Regisseur Rodney Ascher jedenfalls möchte seinen Film nicht als eigenen Beitrag zur expandierenden Shining-Forschung verstanden wissen, sondern argumentiert im Sinne Stephen Kings: „I just see it as sort of a story about juggling the responsibilities of your career and family and as cautionary tale of what may happen if you make the wrong choice. And even maybe looking at the ghosts as these figures that represent fortune or prestige or things that you might be chasing at the expense of paying proper attention to your family.“ Das ist, was die Bilder ganz buchstäblich zeigen, das ist, was auch der Roman erzählt. Aber auch diese Wahrnehmung liegt näher, wenn man eine ähnliche Erfahrung macht oder gemacht hat. Für den, der sich hingegen der Aufdeckung des Geheimnisses um die Mondlandung verschrieben hat, steht die Rakete auf dem Pullover von Danny Torrance im Mittelpunkt. Die für alle gültige Wahrnehmung kann es mithin nicht geben, und das gilt auch für die Produzentenseite. Kubrick hat wenigstens einen Hinweis in seinem Film gegeben, dass er auf die Vorlage Kings nicht viel gibt (man achte auf den Unfall im letzten Drittel des Films, den geschrotteten PKW, und vergleiche die Szene mit dem Beginn des Romans).

Abgesehen davon, dass die hermeneutischen Exzesse, die Room 237 präsentiert, großen Spaß machen, plädiert der Film für die Relativität der Filmwahrnehmung und zeigt, schon indem er einen denunziatorischen Gestus vermeidet, ein großes Herz auch für die Perspektiven und Wahrnehmungen, die man selbst nicht teilt. Dass er damit implizit dem kalten Blick widerspricht, die das Werk Kubricks auszeichnet und bestimmt, sei zum Schluss zumindest noch erwähnt.

 



Kein Kommentar vorhanden.


ROOM 237


USA 2012
Regie
Rodney Ascher
Mit
Bill Blakemore, Geoffrey Cocks,
Juli Kearns, John Fell Ryan, Jay Weidner

Bonus
Trailer
Filmlänge
99 Minuten
Rapid Eye Movies



Tags


Social Bookmarks