Digitaler Glanz und ein Kameramann als Held

Jedes Jahr dasselbe: Die Berlinale freut sich, die Presse jammert, die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Dazwischen: grandiose Restaurierungen, die Filmfreaks beglücken.

 

Mehrere Jubelmeldungen täglich sollten Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt in eben diese hinaustragen, wenn es nach dem Festival ginge. Aber ach: Die versammelte Presse, von Klatsch bis Klasse, spielt ihr übliches Spiel und nörgelt. Rein (fast) gar nichts passt den Herrschaften an Dieter Kosslicks Wettbewerbsprogramm, der mit dem in Grönland angesiedelten Nobody Wants the Night von Isabel Coixet schon in jeder Hinsicht frostig eingeleitet wurde. Werner Herzogs bizarres Wüstenstück Queen of the Desert (mit Nicole Kidman, James Franco, Robert Pattison, no less) ließ alle eher ratlos zurück. Worauf sich bis jetzt die meisten einigen können, ist Andrew Haighs mit Charlotte Rampling und Tom Courtenay exzellent besetztes Ehedrama 45 Years. Auch Jafar Panahis Taxi liegt gut im Rennen und könnte – der immer wieder mal „politisch“ motivierten Preisvergaben der Berlinale eingedenk – durchaus Chancen haben. Schließlich ist der Filmemacher im Iran seit Jahren mit Berufsverbot belegt, und solange dieser schändliche Zustand andauere, werde Panahi, so ließ Dieter Kosslick verlauten, seinen Platz im Berlinale-Programm haben.

Vermutlich nicht den Goldenen Bären gewinnen wird hingegen Victoria, der neueste Film des deutschen Regisseurs Sebastian Schipper, der einst mit Absolute Giganten (1999) ein großartiges Regiedebüt geliefert hatte. Dazu spaltet der Film die Meinungen zu sehr: Eine junge spanische Kellnerin lernt in einer Berliner Disco vier großmäulige Macho-Straßenjungs kennen, mit denen sie sich dennoch anfreundet und von denen sie sich schließlich zu einem haarsträubenden Abenteuer überreden lässt. Diese eher unwahrscheinliche erzählerische Prämisse muss man akzeptieren, oder man kann mit dem Film rein gar nichts anfangen. Hat man sich aber darauf eingelassen, nimmt einen Schipper mit auf eine emotionale und physische Tour de Force durch Berlin, wie man sie selten gesehen hat. Verstärkt wird das aufreibende Geschehen dadurch, dass der Film in Realzeit und ohne einen einzigen Schnitt gedreht wurde: 140 Minuten lang ist man – dank des dänischen Kameramanns Sturla Brandth Grøvlen – hautnah am Geschehen, aber nicht mit nervigem Handkameragewackel und endlosen Close-ups auf Nasenhaare und Pickel, sondern mit einem wahren Furioso an visuellen Einfällen. Völlig verdient scheint Grøvlen in den Endcredits als Erster auf, noch vor dem Regisseur. Bewundernswert sind auch die junge Darstellerin Laia Costa und die vier jungen Männer, die wirklich bis ans Äußerste gehen.

Wer nicht in den Wettbewerb „muss“, der hat es sowieso gut in Berlin: Das Angebot an gezeigten Filmen ist so groß, dass einem die Wahl schwer fällt. Warum nicht einmal in die Retrospektive „Glorious Technicolor“ (ab April auch im Filmmuseum in Wien) hineinschauen? Endlich wieder einmal Leave Her to Heaven (1945) von John M. Stahl anschauen, dieses in allen Farben schillernde Noir-Melodram mit einer superbösen und/oder bemitleidenswerten Gene Tierney, noch dazu in einer aufwändig restaurierten 4K-Abtastung, in dem nicht nur die Farben neu leuchten, sondern auch der Ton deutlich zu hören ist? Martin Scorsese war als Farbkonsulent bei der Restaurierung dabei. Warum nicht wieder mal Wim Wenders´ frühe Handke-Adaption Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1971), gedreht in einem unfassbar abgefuckten Wien und im Burgenland und getragen von Wenders‘ endloser Liebe zum Kino und zur (Jukebox)-Musik. Auch hier wurden Farben und Ton beispielhaft restauriert. Die nicht geklärten Musikrechte, die, wie Wenders vorab selbst erklärte, die Aufführung des Films im Kino nahezu 40 Jahre lang verhindert hatten, wurden besorgt und erneuert bzw. wurden allzu teure Musikstücke durch „Nachempfindungen“ behutsam ersetzt. Es ist eine wahre Freude, und, man muss es selbst als Purist zugeben, eine der Segnungen der digitalen Technologie, dass solche Restaurierungen heutzutage möglich sind. Handkes und Wenders‘ gemeinsam geschriebene und bewusst gestelzte Dialoge in einem fast absurden Hochdeutsch sorgten auch 2015 noch für Erheiterung.

Apropos Liebe zur Musik: Brett Morgen hat mit viel Liebe (und offenkundig mit viel Geld) Cobain: Montage of Heck, ein aufwändiges Porträt des charismatischen Nirvana-Sängers, geschaffen, mit voller Unterstützung von Courtney Love und von Cobains (geschiedenen) Eltern. Man erfährt nicht gar so viel Neues, wie der Regisseur vor der Vorführung gerne glauben machen wollte, aber immerhin gibt es zahlreiche Super8-Aufnahmen aus Cobains Kindheit und Jugend zu sehen, Videos aus dem Privatleben des Ehepaars Cobain/Love samt Tochter Frances. Tagebücher, Kinderzeichnungen und Notizen des Musikers wurden animiert, seine von ihm für seine erste Freundin zusammengestellten Mix-Tapes abgespielt, bis nun (vermutlich) nichts mehr unveröffentlicht ist. Und dennoch steht turmhoch über all dem akribisch ausgegrabenen und auf die Leinwand gebrachten Material – die Musik. Wenn Nirvana loslegen (mächtig laut bei der Berlinale-Vorführung), dann wird einem wieder einmal klar, wie brutal Schmerz und Wut klingen können und wie unglaublich gut diese Band war. Dass Cobain bei seinem letzten Konzert von der Bühne stieg und den verblüfften Fans seine Gitarre überließ – das ist der Stoff, aus dem die Mythen sind.

 



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