Ein filmgewordenes Tourette-Syndrom

Das überraschend schamlose italienische „Exorzist“-Rip-Off Antichristvon 1974 dekliniert das Subgenre konsequent durch. Ein großer Spaß, auch für Agnostiker.

 

In der großen Zeit des italienischen Genrekinos wurde geklaut, dass es nur so krachte. Das, was in der maximal effizienten Erzählökonomie Hollywoods keinen Platz hatte, kam hier zu seinem Recht: In Italien verlor der Genrefilm zwischen 1960 und 1980 vorübergehend sein Maß und lotete die Grenzen aus, die eine durchkomponierte Erzählung vom filmischen Irrsinn trennen. Im Fall des Horrorgenres fielen die italienischen Rip-offs am wüstesten aus; nicht verwunderlich, schließlich lotete auch der zeitgenössische US-Horror in dieser Zeit für ein paar Jahre die Grenzen des Zeigbaren aus. In Italien legten Regisseure wie Ruggero Deodato, Lucio Fulci und Dario Argento dann noch eins drauf.

Aus dieser vielleicht reichsten, unregulierten Zeit des filmischen Horrors stammt die heute weitgehend vergessene The Exorcist-Variation L‘anticristo von Alberto De Martino, erschienen 1974, knapp ein Jahr nach William Friedkins Film. Ausgangslage und grober Plotverlauf sind der gleiche: Der Teufel fährt in eine Frau (bei Friedkin war es ein zwölfjähriges Mädchen), die sich in der Folge seltsam benimmt und sexuell aggressiv aufführt, den Männern ganz buchstäblich den Kopf verdreht und im Finale unter lautem Geschrei mit einem Gottesmann um das Seelenheil seines Opfers und den rechten Glauben kämpft.

Das unausgesprochene Geheimnis von The Exorcist war, dass der Film – vom Autor der Romanvorlage William Peter Blatty wohlgemerkt als katholisches Manifest verstanden – nahelegt, in dem besessenen Mädchen die eigentliche Identifikationsfigur zu sehen. Der Verdacht drängte sich auf, dass trotz der unverhohlen wertkonservativen Stoßrichtung des ganzen Unternehmens der Dämon hier den eigentlichen Helden darstellt; immerhin trumpfte das Böse hier, wie so häufig, spektakulärer, witziger und fokussierter auf als die Repräsentanten des Guten.

Im Fall von L‘anticristo springt das, was im US-Original in den Subtext verbannt blieb, dem Zuschauer nun gleichsam mit dem Hintern voran ins Gesicht. Der Film konzipiert das Motiv des besessenen Weiblichen nicht als Polemik gegen nicht-traditionelle Familienformen (die alleinerziehende Mutter bei Blatty/Friedkin), die dem Dämonen in The Exorcist ein ideales Einfallstor bieten, sondern, ganz traditionell, als sexualisierten Kampf des Teufels gegen die katholische Kirche. Austragungsort sind nun die Hallen der Villa einer italienischen, religiösen Großbürgerfamilie. Es wird eine etwas krause Reinkarnationsmythologie etabliert, im Kern aber ist die sexuelle Frustration der nach einem Autounfall in ihrer Kindheit gelähmten Hauptfigur Ippolita (Carla Gravina) die Prämisse der Besessenheit. Bei dem Unfall war ihre Mutter umgekommen, der Vater saß am Steuer. Der wiederum wird ganz offensichtlich – L‘anticristo vertut nicht viel Zeit mit subtilen Andeutungen – von seiner Tochter in einer nicht grade gesund wirkenden Weise geliebt. Der Teufel findet also ein zähes Gemisch aus Schuld, sexuellem Elend und inzestuösem Begehren vor, und hält, wie in Rosemary‘s Baby, per Beischlaf Einzug in seinen Wirt.

in diesem Setting wütet lustvoll das ekstatische Böse. Es gibt rührende Special Effects zu sehen, die mit dem für damalige Verhältnisse perfekten Illusionismus von Der Exorzist nicht mithalten können. Das eigentliche Spektakel aber ist eine aggressive (und nicht zitierfähige) Obszönität, die L‘anticristo passagenweise wie ein filmgewordenes Tourette-Syndrom wirken lässt. Carla Gravina schenkt sich nichts, spuckt, kotzt, verzieht das Gesicht und gibt ab dem Beginn des dritten Aktes laufend Ferkeleien von sich; dass der Teufel in der deutschen Fassung vom Synchronsprecher Bud Spencers gesprochen wird, tut dem Vergnügen keinen Abbruch, im Gegenteil. L‘anticristo reproduziert also nicht die unterkühlte Ästhetik des amerikanischen Originals, sondern setzt auf opulente Dekors, Overacting, Melodramatik (verstärkt durch die wie immer großartige Musik Ennio Morricones) und lässt dabei keinen wesentlichen Aspekt der düsteren Seite der wahnhafteren Spielarten des Katholizismus aus: kollektive Hysterie, der Teufel als Lustobjekt, Inquisition, Folter, Scheiterhaufen, sexuelle Repression – alles da, alles ohne falsche Scham auf die Leinwand gekübelt.

Dass bei der deutschen Wiederveröffentlichung nicht die italienische, sondern nur die englische und die deutsche Tonspur enthalten sind, ist schade; davon abgesehen aber kann man mit dieser DVD viel Freude haben. Wobei sich der vollständige Reiz des Ganzen wahrscheinlich nur überzeugten Katholiken erschließt.

 



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L’Anticristo / Der Antichrist , Italien 1974


Regie Alberto De Martino
Buch
Gianfranco Clerici, Alberto De Martino,

Vincenzo Mannino
Kamera
Joe D‘Amato
Schnitt
Vincenzo Tomassi
Musik
Ennio Morricone
Mit
Carla Gravina, Mel Ferrer,

Arthur Kennedy, George Coulouris,
Alida Valli
Filmlänge
106 Minuten
Sunfilm



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