Ein Koffer Chaplin

Taschen widmet einem der großen Filmkünstler eine prächtige Veröffentlichung

 

Ingmar Bergman, Stanley Kubrick, Pedro Almodóvar, Die James-Bond-Reihe – mit der opulenten Archives-Reihe widmet sich der Verlag Taschen seit dem Jahr 2008 Legenden der Filmgeschichte. Kein Wunder also, dass man nun auch jenem Mann, der vielen immer noch als das Gesicht des Kinos gilt, ein Denkmal in Buchform errichtet hat: Charlie Chaplin (1889–1977), der mit der Figur des Tramp einen unverwechselbaren Look für sich kreierte, mit Stock, Bärtchen und Melone zur zeitweise bekanntesten Figur des Planeten avancierte und durch die Kombination von Humor und Humanismus unsterblich wurde. Ein wahres Multitalent, das als Schauspieler, Regisseur, Autor und Komponist gleichermaßen glänzte und in seinen zahlreichen Werken stets für die Underdogs Partei ergriff. Wie von Taschen gewohnt, lässt man sich in Sachen Illustrationen und Aufmachung nicht lumpen und so ist das gewichtige Buch, das in einem praktischem Tragekoffer daherkommt, zunächst einmal ein Fest in visueller Hinsicht: 900 Bilder finden sich da zwischen den Halbleinendeckeln, darunter zahlreiche unveröffentlichte Standfotos, Poster und Storyboards (sowie in den ersten 10.000 Stück ein Filmstreifen mit 12 Einzelbildern aus City Lights).

Doch das Buch überzeugt auch voll und ganz auf textlicher Ebene und versammelt zahlreiche Aufzeichnungen Chaplins, die in Form einer Oral History ein lebendiges Bild des Menschen und Künstlers entwerfen – von den frühen Jahren in England über die großen Erfolge in den USA bis hin zu den letzten Jahren in der Schweiz. Herausgeber Paul Duncan, dem unbeschränkter Zugang zu den Chaplin-Archiven gewährt wurde, hat hier exzellente Arbeit geleistet und eine überaus plastische, gleichermaßen unterhaltsame wie tiefgründige Biografie kreiert. So macht das Buch unter anderem sichtbar, dass Chaplin nicht nur auf der Leinwand Flagge zeigte – Modern Times (1931) beispielsweise nahm prekäre Arbeitsverhältnisse aufs Korn, The Great Dictator (1940) rechnete satirisch mit totalitären Systemen ab – sondern sich auch im Leben nicht vor politischem und sozialem Engagement drückte. Neben berühmten Filmen wie City Lights (1931) findet auch das noch stärker von Realismus geprägte Frühwerk – darunter A Night Out (1914) oder The Champion (1915) – Beachtung. Ausführlich geht Duncan außerdem auf Chaplins Suche nach dem „Schönen“ in der Kunst und im Leben nach. Somit ist diese Veröffentlichung ein würdiger Tribut an einen Schöngeist im besten Sinne – und an einen eindrucksvollen Menschen.

Paul Duncan: Das Charlie Chaplin Archiv. Hardcover, Halbleinen, mit Filmstreifen, 41,1 x 30 cm. Taschen Verlag, Köln 2015. 560 Seiten, € 150



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