Eine Goldene Palme im Herzen

Das 69. Cannes Filmfestival überzeugte durch einen lebendigen und feinen Wettbewerb. Allein die Entscheidungen der Jury ließen am Ende zu wünschen übrig.

 

Die Enttäuschung ließ sich nicht verbergen: Kaum hatte am gestern Abend im Twitter-Universum das Wort über Ken Loachs zweiten Palmengewinn die Runde gemacht, erhitzten sich die Gemüter über das gewohnte Maß hinaus. Keine Palme für Toni Erdmann? Nicht die Goldene, und auch keine andere? Und nicht einmal eine lobende Erwähnung? Dabei hatte Maren Ades Film – der originellste Film im diesjährigen Wettbewerb, mit einem genialen Drehbuch und exzellenten Darstellern – unmittelbar nach der Pressevorführung eine erstaunliche, fast unwirkliche Euphorie unter Journalisten und Industriegästen ausgelöst, die in der jüngeren Geschichte des Festivals ihresgleichen sucht. Ehe man sich‘s versah, führte Toni Erdmann, eine deutsche Tragikomödie wohlgemerkt, sämtliche Kritiker-Rankings an und entpuppte sich als Lieblingsfilm schlechthin. Allein die Jury um Mad-Max-Macher George Miller konnte, wie sich am Sonntagabend herausstellte, dem Film offensichtlich nichts abgewinnen. Toni Erdmann, haushoher Favorit in fast allen Preiskategorien, die Cannes zu bieten hat, ging am Ende gänzlich leer aus.

Stattdessen wurde Cannes dieses Jahr ein Siegeszug für den britischen Film. Neben Ken Loach, der nach seinem Triumph 2006 mit The Wind That Shakes the Barley für sein bewegendes Sozialdrama I, Daniel Blake zum zweiten Mal die Goldene Palme entgegennehmen durfte, erhielt die Britin Andrea Arnold für ihr quer durch die USA streifendes Teenage-Road-Movie American Honey ebenfalls erneut eine Auszeichnung. Für sie ist es bereits der dritte Jury-Preis in Cannes, und man fragt sich tatsächlich, was Miller und seine Jury-Kollegen – darunter der französische Regisseur Arnaud Desplechin, Oscar-Gewinner László Nemes sowie Altmeister Donald Sutherland, Sängerin Vanessa Paradis und die Schauspielstars Kirsten Dunst und Mads Mikkelsen – an dem atmosphärisch überzeugenden, aber erzählerisch katastrophal mäandernden und überlangen Film gefunden haben mag, wenn man bedenkt, mit welchem Kaliber an Wettbewerbsbeiträgen man es heuer zu tun hatte.

Park Chan-Wook (The Handmaiden), Kleber Mendonça Filho (Aquarius), Jim Jarmusch (Paterson) sowie die beiden rumänischen Beiträge – Cristi Puius Sieranevada und Cristian Mungius Bacalaureat – sie alle hätten eine Palme verdient, eigentlich fast egal welche. Und zwar ihre eigene! Denn obwohl zumindest Mungiu nicht ganz mit leeren Händen ausging, musste er sich den Preis für die beste Regie am Ende mit Olivier Assayas für Personal Schopper teilen, eine moderne Geistergeschichte mit einer bemerkenswert souveränen Kristen Stewart in der Hauptrolle. Stewart allein ist es, die den Film vor dem Mittelmaß rettet.

Richtige Stinker gab es in diesem qualitativ anspruchsvollen Mix kaum, aber mit einer Sache hatte dann doch keiner mehr gerechnet: The Last Face von Sean Penn wurde von der ausgewählten, hoch profilierten Kritiker-Runde des Branchenblatts Screen International nach der Pressevorführung am Freitagmorgen mit dem in der Geschichte des Magazins bisher unerreichten Tiefstwert von 0.2 von vier möglichen Höchstpunkten bewertet. Doch kaum hatte man den Unmut über Penns verunglücktes Liebesdrama zwischen zwei Ärzten (gespielt von Charlize Theron und Xavier Bardem), die im Wirrwarr des liberianischen Bürgerkriegs aneinander Halt suchen, überwunden, ließ Asghar Farhadi den Wettbewerb mit The Salesman am Ende noch einmal zu neuer Höchstform auflaufen. Der siebte Film des iranischen Ausnahmeregisseurs (A Separation, The Past) dreht sich erneut um ein Ehepaar, dessen Beziehung nach einem gewalttätigen Angriff an ihre Grenzen gerät. Es dauert eine Weile, bis Farhadi seine Geschichte um Moral und Würde richtig in den Griff bekommt, doch sobald seine beiden Hauptfiguren (hervorragend gespielt von Taraneh Alidoosti und Shahab Hosseini) gänzlich aus ihrer Bahn geworfen werden, entwickelt The Salesman eine leise Wucht, der man sich nur schwer entziehen kann, wofür er – zumindest das eine gerechte Juryentscheidung – mit dem Preis für das Beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, während Hosseini zum besten Schauspieler gekürt wurde.

Und zugeben: Beim Rennen um die beste schauspielerische Leistung unter den Männern war die Auswahl tatsächlich relativ überschaubar. Neben Peter Simonischeks Paraderolle in Toni Erdmann, fand vor allem Adam Driver, der in Jim Jarmuschs Kritikerliebling Paterson einen in sich gekehrten, Poesie verliebten Busfahrer mimt, die meisten Befürworter unter den Festivalgängern. Zudem sollte auch Dave Johns‘ ergreifende Darstellung als Daniel Blake, eines vom britischen Sozialsystem schikanierten herzkranken Schreiners, in Ken Loachs leise wütendem Palme d’Or-Gewinner nicht unerwähnt bleiben, denn auch ihm hätte man durchaus den Darstellerpreis gegönnt.

So weit, so männlich dominiert das Ganze. Tatsächlich wird dieses 69. Cannes Filmfest über das aktuelle Kinojahr hinaus jedoch vor allem als einer der stärksten Jahrgänge für Frauen vor und hinter der Kamera in die Geschichte eingehen. Obwohl mit nur drei Regisseurinnen in dem insgesamt 21 Beiträge umfassenden Wettbewerb fast schon traditionell unterrepräsentiert, konnten sich nach Maren Ades triumphalem Auftakt mit Toni Erdmann, in dem eine nicht weniger famose Sandra Hüller in der Hauptrolle den Ton angibt, insbesondere die zahlreichen erstklassigen Darstellerinnen auf der Leinwand behaupten. Eine davon war, wie bereits erwähnt, die einstige Twilight-Wunderwaffe Kristen Stewart, die sich langsam, aber sicher zu einer der gefragtesten Schauspielerinnen innerhalb und außerhalb Hollywoods mausert. Aber auch andere, weniger bekannte Kandidatinnen für den Darstellerinnenpreis gab es reichlich: Unter den elf Wettbewerbsbeiträgen, die eine (oder gleich mehrere) starke Frauenrolle in den Vordergrund rücken, hätte man den Preis beispielsweise Sonia Braga gegönnt, die in dem stimmigen Drama Aquarius des Brasilianers Kleber Mendonça Filho eine störrische Bestsellerautorin und Musikkritikerin spielt, die sich längst nicht so leicht, wie die Baufirma es sich erhofft hat, aus ihrem zum Abriss verurteilten Apartment vertreiben lässt. Oder etwa Kim Tae-ri und Kim Min-hee für ihr wunderbares, ebenso sinnliches wie kluges Spiel in Park Chan-Wooks Meisterwerk The Handmaiden. Und auch Ruth Negga hätte für ihre exzellente und überzeugende Darstellung in dem überraschend konservativen, aber deshalb nicht weniger intensiven Familiendrama Loving von Jeff Nichols durchaus Anerkennung verdient, sowie nicht zuletzt Emma Suárez, die Pedro Almodóvars Julieta zu einem sehenswerten Ereignis machte.  Dass es schließlich Jaclyn Rose für Brillante Mendozas Ma’ Rosa wurde, verwundert, aber es verärgert nicht. Denn Rose liefert eine ebenfalls recht ergreifende Darstellung als Mutter, die wegen Drogenhandels festgenommen wird und in die Fänge der korrupten Polizei gerät.

Darüber hinaus zeichnete die Jury in diesem Jahr scheinbar mit Vorliebe Beiträge aus, die ihre Wurzeln in im Theater haben. Neben den zwei Palmen für Farhadi, dessen Film wirklichkeitsnahes Drama mit Arthur Millers Bühnenklassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ mischt, konnte auch der mittlerweile 27-jährige Cannes-Veteran Xavier Dolan erneut bei der Jury punkten – wenn auch zu Unrecht. Natürlich zählt der umtriebige Frankokanadier, der bereits 2014 für seinen fünften und bislang reifsten Film Mommy mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet worden war, zu den aufregendsten Regisseuren des Gegenwartskinos. Doch heuer war die zweitwichtigste Ehrung des Festivals für seine Leinwandadaption von Jean-Luc Lagarces Theaterstück „Juste la fin du monde (It's Only the End of the World)“ eine der größten Überraschungen des Abends. Denn Dolans noch so ehrenwerter Versuch, das Überhöhte einmal mehr zu erden und auf diese Weise zum Sturz zu bringen, geht in dem Fall leider nicht ganz auf. Mithilfe von grellen Bildern, klaustrophobischen Nahaufnahmen und intensiv ausgelebten Emotionen versucht er vergeblich, einen Weg in seine Geschichte um einen todkranken jungen Mann zu finden, der nach zwölf Jahren zu seiner zerstrittenen Familie zurückkehrt, um sich zu verabschieden. Aber letzten Endes kann selbst die hochkarätige Schauspielerriege (Nathalie Baye, Léa Seydoux, Vincent Cassel und Marion Cotillard) in dem kammerspielartigen Setting, in dem Dolan das Ganze inszeniert, nicht das Unmögliche vollbringen und weder ihre Figuren noch den Film vor der eigenen Genervtheit retten.

Eines steht nach dieser merkwürdigen Preisvergabe fest: Allein über ein ungeschriebenes Gesetz dürften sich die Jurymitglieder einig gewesen sein, nämlich, dass originelle Komödien, und seien sie noch so genial, einfach kein Anrecht auf eine Goldene Palme haben. Gleiches gilt scheinbar auch für allzu offensichtlich polarisierende Filme wie etwa Nicolas Winding Refns künstlich blutige Modeindustrie-Satire The Neon Demon – was jedoch nicht heißen soll, dass der Beitrag seinen Platz im Wettbewerb nicht verdient hätte, viel eher noch als beispielsweise Arnolds fatal überbewertetes American Honey oder Nicole Garcias spröde Literaturverfilmung From the Land of the Moon. Darüber hinaus verwundert vor allem, dass andere sehenswerte Filme, wie etwa die viel besprochene „Anti-Biografie“ Neruda des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín oder David Mackenzies packender und hervorragend besetzter Krimi-Western Hell and High Water (mit Jeff Bridges, Chris Pine und Ben Foster), in die undankbaren Nebenschienen des Festivals abgeschoben wurden. Das gleiche Schicksal widerfuhr auch Captain Fantastic, dem zweiten Spielfilm des US-Schauspielers Matt Ross (bekannt aus 12 Monkeys und American Psycho), der am Samstagabend mit dem Regiepreis der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet wurde. Der Film, eine wilde Mischung aus tragikomischem Familiendrama und schrägem Road-Movie, zählte für viele zu den überzeugendsten Arbeiten des Festivals.

Umso erfreulicher ist es, dass viele der Produktionen, die es in diesem Jahr in die Auswahl von Cannes geschafft haben, bereits in diesem Sommer auch in den heimischen Kinos anlaufen, darunter Captain Fantastic, Almodóvars Julieta und Spielbergs zauberhafter Familienfilm The BFG, der wie auch Shane Blacks The Nice Guys außer Konkurrenz gezeigt wurde. Am meisten gespannt sein darf man aber natürlich auf Maren Ades wundervollen Film Toni Erdmann, der bereits im Juli in Österreich startet, und der zumindest in den Herzen der internationalen Kritiker eine Ehrenpalme sicher hat.



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