Hier rauchen alle überall

Der Dokumentarfilmregisseur Roman Bondarchuk spricht über seinen Film „Ukrainian Sheriffs“, der das Leben in einem kleinen Dorf in der Südukraine zeigt – zwischen den Skurrilitäten des Alltags und dem Schatten des drohenden Krieges im Osten des Landes.

 

Roman Bondarchuk, geboren 1982, ist Absolvent der Karpenko-Kary Theatre, Cinema and Television University in Kiew. Sein Abschlussfilm Taxi Driver gewann den White Elephant Award der russischen Filmkritiker-Gilde und den russischen Producers’ Grand Prix beim Kinoshok Open Filmfestival für die GUS, Lettland, Litauen und Estland, sowie den Preis für "Mut und Poetik“ beim 4. Kinoteatr Filmfestival. Zu seinen Filmen zählen Radunyzja (2008), Euromaidan, Rough Cut (2013) und Dixieland (2015). Sein Dokumentarfilm Ukrainian Sheriffs (2015) hatte im Winter 2015 beim Internationalen Dokumentarfilmfestival Amsterdam Premiere und gewann dort den Spezialpreis der Jury. Im April 2016 war Roman Bondarchuk mit seinem Film beim Crossing Europe Festival in Linz zu Gast.

In einem südukrainischen Dorf ist das Hilfspolizistenduo Viktor und Wolodja mit Kriminalfällen wie dem Diebstahl zweier Enten betraut. Auch Nachbarschaftszwiste, randalierende Betrunkene, Raufereien oder Autopannen fallen in ihren Zuständigkeitsbereich. In ihrem gelben Lada fahren Viktor und Volodya von einem Einsatz zum nächsten. Und so vergeht Tag um Tag, Woche um Woche. Aber als die politischen Ereignisse am Maidan das Dorf erreichen, keimt separatistisches Gedankengut auf. Mit scharfsinniger Beobachtungsgabe folgt Roman Bondarchuk den Dorfhütern und stellt dabei seinen Blick für die irrwitzig-dubiosen Seiten des Alltags unter Beweis – für den Alltag jenseits des Krieges.

Wie kamst du zum Dokumentarfilm?
Ich habe an der Universität das Atelier von Jurij Illienko abgeschlossen. Wir haben damals begonnen, kommerzielle Musikvideos zu machen. Wir haben eine 35mm-Kamera gekauft und sind nach Cherson gefahren, in die Stadt, wo ich geboren wurde, wo meine Eltern leben, um einen Film zu drehen. Wir hatten kein Auto und auch sonst keine Unterstützung. Also haben wir begonnen, Geschichten zu sammeln und ein Drehbuch geschrieben. Wir baten Freunde, sich selbst zu spielen. Es wurde also eine Art Hybridfilm – ein Spielfilm, aber auf der Grundlage der gesammelten Geschichten und von Freunden gespielt.

Du wolltest also mit wahren, authentischen Geschichten arbeiten...
Es wurde für mich interessant, mit lebendigem Material zu arbeiten. Ich begann, in diese Richtung zu denken und habe ein paar kurze Dokumentarfilme gemacht. So bin ich reingekippt. Die Zeit, in der wir leben, ist einfach sehr spannend, alles verändert sich so schnell. Mit dem Spielfilm gibt es da nicht so viele Möglichkeiten.

Du hast gesagt, du kannst dir keine Spielfilme mehr anschauen, weil  sie dir falsch vorkommen.
Es ist langweilig für mich. Wenn ich Dokumentarfilme schaue, sehe ich eine andere Realität und lerne etwas bzw. ich lerne die Welt kennen und entdecke etwas Neues für mich. Im Spielfilm sehe ich einfach, dass die Realität von jemandem konstruiert wurde, und aus irgendeinem Grund sehe ich die Falschheit. Deshalb ist es für mich nicht einfach, Spielfilme anzuschauen. Ich kann Dokumentarfilme schauen, ich kann experimentelle Filme schauen, aber beim klassischen Spielfilm, da ist mir einfach leid um die Zeit.

Magst du es, wenn im Dokumentarfilm Elemente des Spielfilms verwendet werden?
Es kommt drauf an, wie es gemacht wird. Es gibt z.B. den Film Olmo and The Seagull. Das ist ein Drama zwischen zwei Schauspielern, die in einer Truppe spielen. Sie wird schwanger und wird aus der Truppe geschmissen, die Beziehung geht auseinander, und man versteht bis zum Ende des Film nicht, was Wahrheit und was erfunden ist. Weil sie Schauspieler sind und sie alles spielen können. Sie wird in Wirklichkeit schwanger, und das Kind ist auch echt. So etwas gefällt mir gut.

Hast du filmische Vorbilder?
Wir alle in unserem Kurs waren Fans des ukrainischen poetischen Kinos. Jury Illienko war unser Lehrer, und wir alle mochten Sergej Paradschanow und Andrej Tarkowski und den italienischen Neorealismus. Antonioni war jemand, dem alle nachstrebten und dem alle ähnlich sein wollten.  Aber natürlich hat sich auch herausgestellt, dass man vor allem sich selbst suchen muss.

Und im Dokumentarfilm? Dziga Vertov vielleicht?
Den Dokumentarfilm habe ich erst später entdeckt. Durch die schon erwähnte Arbeit habe ich verstanden, dass es mir gefällt, mit realen Personen zu arbeiten. An der Uni hatten wir das Studio für populärwissenschaftliche Filme, es produzierte Filme zum Beispiel darüber, wie Speiseöl hergestellt wird oder über psychologische Experimente. Und es gab die ukrainische Wochenschau, wo man sieht, wie ein Mitglied der Partei eine Parade abgenommen hat, solche Dinge. Das interessierte mich.

Wie kamst du dann zum Dokumentarfilm?
Es gab eine Aufnahmeprüfung an der Uni. 200 Leute bewarben sich beim Spielfilm, für den Dokumentarfilm wollte sich fast keiner anmelden. Ein Meister sagte, wir sollen zu ihm kommen, es sei sehr spannend. Dort haben wir entdeckt, dass es Creative Documentary gibt, es ist ein elitäres Genre und auch kompliziert. Da geht es darum, wie man die Realität konstruiert und wie man so einen Film aufbaut. Bis jetzt kennen die meisten Menschen in der Ukraine dokumentarische Filmkunst nur aus dem Fernsehen, wo es die üblichen talking heads gibt. Wir arbeiten noch daran, dass die Menschen sich für Creative Documentary interessieren.

Wodurch zeichnet sich der ukrainische Dokumentarfilm aus? Siehst du da Themen und Tendenzen?
Das ukrainische Dokumentarkino ist sehr interessant, schließlich finden sehr viele Veränderungen vor unser aller Augen statt. Das ukrainische Kino ist sehr offen und fokussiert auf aktuelle Ereignisse. Es entstehen interessante Filme, auch wenn sie nicht immer direkt von der „Front“ sind. Es sind einfache Geschichten aus dem Leben in unserem Land. Das gefällt mir sehr.

Reden wir über die Finanzierung. Es gibt Filmemacher, die mit sehr kleinem Budget tolle Filme produziert haben. Später, als sie mehr Budget hatten, haben sie nichts Großartiges mehr geschafft. Kann man auch ohne Finanzierung einen guten Film machen?
Ich weiß nicht, wie man es erklären kann und womit das zusammenhängt, dass ein Mensch einen genialen Film machen kann und dann viele durchschnittliche. Ich würde nicht sagen, dass man ohne Geld tolle Filme machen kann, als Mensch, der verzweifelt nach dem Geld sucht. Die Armut wirkt sich auch auf die Weltanschauung aus, und wenn der Regisseur arm und nervös ist und denkt, wie er morgen die Miete bezahlen wird, das ist schlecht. Er kann sich dann nicht auf seine Aufgaben konzentrieren. Dabei ist es eine wichtige Voraussetzung, dass der Regisseur über den Dingen des Alltags steht.

Wie war die Situation bei „Ukrainian Sheriffs“?
Ich fühle mich nicht arm und unglücklich. Ich habe ständig irgendwelche Arbeit, ich wähle die Filme aus, mache Beratung, Vorträge, ich denke nicht jeden Tag über die Miete nach. Wir hatten lange Zeit keine Finanzierung, um den richtigen Kameramann, die Technik, das Licht usw. zu finden. Dann wurde klar, dass sich alles verschiebt. Die Zeit vergeht, die ganze Situation ändert sich. Als wir die Sheriffs kennenlernten, haben sie uns Kolka gezeigt, einen alten Mann, und noch ein paar andere Protagonisten. Sie sind losgefahren und haben die Probleme gelöst, ich dachte: „Wow, die sind ja wie Superman.“ Und diesen Film kann man in einer Woche machen.

Der Bürgermeister hat beiden zu Sheriffs ernannt.
Ja, er sagte, Burschen, ihr werdet jetzt Sheriffs. Sie haben nachgedacht, ach, es wird eine Kamera geben, das wird irgendwo im Fernsehen zu sehen sein. Damit sie keine Probleme bekommen, begannen sie sich von uns zu verschließen. Das war noch in der Janukowytsch-Ära. Es waren wilde Zeiten, wo alle sich vor allen fürchteten. Und sie begannen, sich zu verstecken. Ich habe verstanden, dass man dort bleiben und zeigen muss, dass wir zu ihnen gehören. Dass wir hier im Dorf ein Haus haben und hier wohnen. Wir mussten Teil der Gemeinschaft werden, nur so würde das Eis schmelzen. Wären wir immer übers Wochenende zurück nach Kiew gefahren, wären wir die Snobs gewesen.

Warum hat dich dieser Ort so angezogen?
Erstens ist das südliche ukrainische Dorf sehr wenig in der Kunst und der Literatur vertreten. Zweitens ist mir dieses Dorf sehr sympathisch. Drittens: Als ich sah, wie der Bürgermeister mit einem Obdachlosen bei sich im Gartenhaus sitzt und ihn mit Pirogi füttert und sich seine Träume und Hoffnungen anhört, hab ich mir gedacht: Toll. Normalerweise ist das erste, was ein Mensch tut, wenn er an die Macht kommt, sich zu verschließen. Er hat Sekretäre, Leibwächter, Ausweise. Und hier ist dieser absolut offene Mensch. Ich glaube, ich könnte nicht zum Bürgermeister von Kiew gehen, so wie dieser Obdachlose hier.

Glaubst du, ist das charakteristisch für ein ukrainisches Dorf oder eher untypisch bzw. eine Ausnahme?
Als ich das sah, wollte ich es untersuchen. Ich dachte: Das ist eine Demokratie, eine offene Gesellschaft, eine Richtung, in die wir uns bewegen sollten. Solche Menschen interessieren mich sehr. Ich hatte früher einige Projekte, wo die Protagonisten spannend waren, aber sie wurden durch nichts bewegt, es gab keine Handlung. Sie waren einfach statisch. Hier haben die Protagonisten jeden Tag irgendwelche Anrufe, und sie müssen reagieren. Es ist ihre Arbeit. Ich dachte, diese Situation wird uns die Möglichkeit bieten, diverse Familien zu beobachten, die Situation im Dorf kennenzulernen und Schlussfolgerungen zu ziehen.

War für dich die Action, das Abenteuer wichtig?
Ja, ich dachte, es wird Action geben. Später habe ich verstanden, dass sie wiederum auch nicht so tolle Superhelden sind, dass das Leben viel komplizierter ist.

Hast du von Anfang an gedacht, dass der Film eine Komödie werden könnte?
2012 sah alles noch komödiantisch aus. Es war lächerlich, an irgendwelche Veränderungen in diesem Land zu denken, und es gab ein Dorf, in dem die Menschen, anstatt zu meckern, sich entschieden haben, ihre Zeit angenehm zu verbringen. Es war sehr lustig, die Treffen und Gespräche mit den Menschen hatten eine komische Färbung. Das zog mich an. Niemand mag larmoyante Filme. Wir haben einen großen Teil im Sommer 2012 gefilmt, als die Sonne schien und alle sorglos waren. Und plötzlich gab es Maidan und eine Pause, und als wir zurückkehrten, war das ein anderes Dorf. Wir sahen, dass alle besorgt waren und nur mehr über den Krieg und die Einberufungen zum Militär redeten.

Es war dann sicherlich schwierig, das Ganze zu verbinden.
Ja, das war kompliziert. Wir haben verstanden, dass wir einen Kontext brauchen. Wir haben verstanden, dass das Dorf ein Modell der ganzen Ukraine ist, dass wir die Parallelen und Analogien suchen müssen. Der Separatist, der bei uns für das große russische Land Tartaria agitiert, schien mir lange Zeit uninteressant, weil es viele seltsame Vögel im Dorf gibt. Es gibt dort ausreichend interessante Leute. Es gibt einen Archäologen, der irgendwelche Pfeile aus dem Boden ausgräbt. Dort kann man einen Roman à la García Márquez schreiben. Wir haben den Archäologen kennengelernt und mit ihm gesprochen. Mir hat es gefallen, dass er mit dem Gleitschirm über das Dorf fliegt.  Wir haben ihn ein wenig gefilmt. Er hat dann später versucht, die russische Fahne über dem Gebäude des Dorfrates aufzuhängen. Wir brauchten Zeit, um das alles zu verstehen.

Gab es noch andere interessante Details, die im fertigen Film nicht vorkommen? Etwas, was du vielleicht bedauerst?
Wir hatten rund 250 Stunden Material oder auch mehr, ich weiß es nicht mehr. Viele Sachen mussten draußenbleiben. Zum Beispiel waren wir mit den Sheriffs zusammen, und plötzlich ruft eine Frau an und sagt, ihr Mann hat sie geschlagen und sie hat ein blaues Auge. Sie rauchten weiter, und dann sagten sie, ja, das ist ganz schlimm, wir kommen jetzt und rügen deinen Mann. Wir kamen zu dem Mann und sahen, dass sein Gesicht von den Nägeln der Frau völlig zerkratzt war. Der Mann erzählte seine Version der Geschichte, wie der Abend aus dem Ruder lief, vielleicht mit Alkohol, oder es gab andere Probleme. Die Sheriffs bedauerten den Mann, rauchten und sagten zu ihm, dass sie wirklich eine Furie ist und er am besten mit ihr nichts zu tun haben sollte. Und fuhren zurück. Um den Mann zu erwischen, mussten sie dreimal zu ihm fahren. Mehrmals hat er nicht aufgemacht.

Das heißt, die Sheriffs sind auch so etwas wie Psychotherapeuten oder Psychologen...
Ja, auch, sie sind die einzigen Vertreter der Macht dort. Wenn man sie und den Bürgermeister wegschaffen würde, gäbe es dort keine Autorität. Wen soll man dann rufen?

Wenn es solche Sheriffs in jedem Dorf gäbe, würde sich dann das Leben in der Ukraine verbessern?
Das hängt von den Menschen ab, und wer diese Sheriffs wären. Das Gute an der Sache ist: Diese beiden Männer leben dort, sie kennen ihre Nachbarn und sie werden nicht so schlimme Dinge tun wie vielleicht ein ortsfremder Polizist, dem das alles einfach egal ist.

Wie hast du die Sheriffs dazu gebracht, dass sie sich öffnen?
Was gleich gelang, war es, dass sie niemals in die Kamera schauten. Sie verstanden, dass man das nicht braucht. Auch nicht zu mir zu reden. Sie haben gleich die Spielregeln verstanden. Schweierig war es, wenn ich sie bat, etwas Bestimmtes zu tun. Dann dachten sie, wenn ich sie um etwas bitte, dass es mit einer bestimmten Absicht ist, und machten alles genau umgekehrt.

Haben sie wahrgenommen, dass du auf ihrer Seite stehst, oder nicht?
Sie haben vor allem verstanden, dass mit unserer Ankunft alles lustiger wurde. Wir brachten Kaffee mit, weil das bei ihnen ein Problem ist. Sie mögen Kaffee sehr, können ihn aber nicht immer kaufen. Sie bekamen mehr Drive. Sie erzählten uns von den Neuigkeiten, von ihren Heldentaten. Wenn sie nicht das Gefühl gehabt hätten, dass ich auf ihrer Seite stehe, hätte ich nichts filmen können. Wir waren einfach lange Zeit mit ihnen zusammen. Es wurde auch klar: Wenn man sie bittet, sich zu einem Thema zu äußern, dann sieht das sehr künstlich aus, wenn sie zum Beispiel die Nachrichten kommentieren, die Politik ... Sie sind oft widersprüchlich. Wir ließen sie also nur über lokale Geschichten, lokale Ereignisse und die Reaktionen auf diese lokalen Ereignisse sprechen. Es gibt wenig Politik.

Findest du, dass dein Film politisch ist?
Man kann ihn vom Kontext des Landes nicht trennen. Eine interessante Beobachtung: Die Wahl von Petro Poroschenko zum Präsidenten fand statt, während wir den Film machten. Sie haben irgendwelche gestickten Handtücher aufgehängt, Lautsprecher aufgestellt. Der Leiter der Wahlkommission hat gesagt, nach der Hymne dürfen alle reingehen. Die Hymne wurde gespielt, usw. Es ging eigentlich nicht um die Wahl, sondern um ein lang erlerntes Ritual. Und es gab ein sehr interessantes Detail. Es kamen ein paar Schwalben und fingen an, ein Nest in der Schulhalle zu bauen. Die Wahlkommission sagte: Das ist gut, die Schwalben bringen gute Veränderungen. Das ist auch ein Charakteristikum: Anstatt zu schauen, wen man wählt, wird besprochen, welche Zeichen der Natur es gibt.

Die Ukrainer sind doch alle ziemlich abergläubisch.
Heidnisch! Alle haben Poroschenko gewählt, also 90 Prozent. Ich fragte einen unserer Protagonisten: „Hast du gewählt?“ „Natürlich habe ich gewählt, alle haben gewählt.“ „Wem hast du deine Stimme gegeben?“ „Wem? Petro! Alle dem Petro, ich auch.“ „Und für wen haben alle bei den vorigen Wahlen gestimmt?“ „Für Janukowytsch.“ „Du auch?“ „Ja. Alle waren für ihn.“ Ich glaube, er wusste nicht einmal, welche Kandidaten noch auf den Wahlzetteln standen.

Das ist Kollektivismus.
Ja, ein Fischschwarm. Einer dreht sich in eine Richtung, und alle schwimmen mit.

Kein Individualismus ...
Es ist schlimmer als fehlender Individualismus, es ist ein Ritual.

Das heißt, in dem Dorf regiert das Ritual.
Im Fall von Poroschenko gab es das Mantra, dass er den Menschen Arbeitsplätze geben wird. Dass er ein guter Wirtschaftsfunktionär ist. Und das hat auf alle gewirkt. Die Menschen machen sich furchtbare Sorgen, wie wird das aussehen, wenn sie anders sind und einen anderen Weg einschlagen. Diese ganzen Rituale mit „Koljadky“ (Weihnachtsliedern) sind wunderbar. Wir haben mit den Dorfsbewohnern eine wunderbare Nacht verbracht, wir tranken Wein, alle gratulierten zu Weihnachten, es war phantastisch. Das ist ein wunderbares Ritual, finde ich. Das Baden im Fluss, im Eisloch ist auch wunderbar. Ich kann nicht sagen, dass der Individualismus alle Probleme löst, weil dank diesen Ritualen das Dorf noch lebt, sie empfinden sich als eine Gemeinschaft, und viele Menschen verlassen das Dorf nicht, weil sie es so sehr schätzen.

Wie viele Bewohner gibt es dort?
Rund 3.000 Menschen.

Diese Art von Selbstorganisation, gibt es die auch in anderen Dörfern?
Das hängt vom Dorf ab. In Sburjiwka gab es keine Kolchosen, und sie sind seit langem ein freieres Leben gewöhnt.

Warum gab es dort keine Kolchosen?
Sie leben am Fluss, es gibt dort wenig Bodenfläche. Dort gibt es Wald und den Fluss. Es gibt keine Felder, man kann dort keine Kolchose machen. Es gab die Artels, eine Art Genossenschaft. Sie hatten auch nie ein Lenin-Denkmal. Als die Lenin-Demontage nach der Revolution begann, haben sie sich beschwert, dass sie nicht einmal jemanden haben, den sie demontieren können.

Am Ende ist das Land ist im Krieg, und sie feiern den 9. Mai, den Tag des Sieges über Nazi-Deutschland. Ist das für dich ein Paradox?
Natürlich ist das ein Paradox und die Quintessenz von dem, worüber dieser Film spricht. Wegen dieser ganzen Rituale tun sich die Menschen schwer, die Realität zu sehen und auf sie zu reagieren. Obwohl der Bürgermeister Marunjak erklärt, warum man in den Krieg ziehen und das Land verteidigen muss. Wenn man das Kriegerdenkmal in Gold färbt, finde ich das schön: Sie lesen endlich, was dort steht. Sie beginnen dieses Paradox wahrzunehmen und zu verstehen, dass der russische Soldat vielleicht nicht mehr unser Befreier ist, sondern vielleicht einer, der jetzt gegen uns kämpft. Das ist eine schwierige Frage. Aber das Volk fordert das Fest. Und wenn der Bürgermeister versteht, dass das ein Atavismus ist und angesichts der politischen Lage eine unangebrachte Sache und dem Volk kein Fest erlaubt, dann zeigt sich, das man die Reformen nicht so schnell durchführen kann.

Ist Marunjak dein Alter Ego oder dein Lieblingsprotagonist?
Er ist ein Mensch, der mich beeindruckt, er ist ein Philosoph, und es gibt keinen Zweifel, warum dieser Mensch das Dorf regiert oder warum er gewählt wurde. Mir gefallen seine Schlussfolgerungen, sein Denken, seine Taten. Ja, er ist mein Lieblingsprotagonist.

Was war für dich überraschend bei der Arbeit an diesem Film? Oder sagen wir, hat sich deine Beziehung zu dem ukrainischen Dorf verändert? Hattest du früher irgendwelche Vorurteile den Dorfleuten gegenüber?
Meine Beziehung zu dem Dorf war zuerst romantisierend. Als Wiege der Nation, als „ Kirschgarten bei dem Haus“ (Anmerkung: Zitat aus einem Gedicht des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko). Wir kamen am Wochenende an, brieten Schaschliks und fuhren zurück. Als wir dann dort gewohnt haben, verstanden wir, das die Realität nicht so eindeutig ist. Ich verstand, dass es dort nicht weniger Herausforderungen und Gefahren als in der Stadt gibt.

Würdest du einen zweiten Film dort drehen?
Ich brauche jetzt Ruhe von dem Dorf. Es gab übrigens eine schöne Geschichte mit dem jüngeren Sheriff, Wolodja. Seine Ehefrau hat er schon in der Schule kennengelernt, dann machte jeder eigene Erfahrungen. Er war zweimal verheiratet, sie auch, es gibt Kinder aus unterschiedlichen Ehen. Als sie 40 waren, haben sie sich endlich wiedergetroffen: Er wollte einen Lada kaufen (es handelt sich um den gelben Lada aus dem Film), und diesen Lada verkaufte eben diese Frau. Und er hat die Frau zusammen mit dem Auto nach Hause mitgenommen. Was für eine Geschichte! Eines Tages wurde sie krank und ging zum Arzt. Der sagte, sie habe einen Tumor und nicht mehr als drei Monate zu leben. Sie solle alle Sachen fertigbringen, die sie vorhabe. Was kann man da fertigbringen? Und dann, nach drei Monaten, begann sich der „Tumor“ zu bewegen. Sie sind ins Krankenhaus gefahren, und es wurde ihnen gesagt, sie sei schwanger. Sie war einfach schwanger! Soweit zur Kompetenz der Ärzte.

Wie war die Reaktion der Sheriffs auf den Film? Wurde der Film in Sburjiwka gezeigt?
Wir brachten die Sheriffs und den Bürgermeister nach Prag, sie waren sehr beeindruckt. Sie hatten ein sehr schönes Jugendstilhotel, mit rosa Marmor, sie gingen in Adidas-Sporthosen rauchen und standen wie zwei Sphinxe beim Eingang zur Premiere, und alle gingen vorbei und begrüßten sie. Die Menschen aus der Filmindustrie hatten den Film schon gesehen. Und die Sheriffs konnten einfach nicht verstehen, wie das möglich ist: Sie kommen das erste Mal im Leben nach Prag, und alle begrüßen sie. Das hat sie umgeworfen. Sie haben den Film akzeptiert, sie haben ihn jetzt dreimal gesehen, sie waren auch bei der ukrainischen Premiere. Ich bin glücklich, weil sie sagten, dass das Dorfleben wirklich so ist, wie es im Film gezeigt wird. Vielleicht kann man nicht vieles bei ihrer Arbeit lieben, aber jemand muss auch so eine Arbeit machen.

Welche Probleme haben die Sheriffs? Probleme mit der Selbstidentifikation?
Ich mache auch Fehler, auch wenn ich keine Probleme mit der Identifikation habe. Das Problem dort ist ein schlimmes Vakuum an Information und an Sprache. Sie sprechen dort Ukrainisch, es ist der südliche Dialekt der ukrainischen Sprache.

Übrigens: Dein Ukrainisch ist sehr schön.
Ich bin in der Familie eines Schriftstellers geboren, ich lebte in Cherson und konnte kein Russisch, bis ich drei Jahre alt war. Später fragte ich meine Eltern, ob es überhaupt ukrainischsprachige Kinder gibt, weil ich sie niemals sah. In den Dörfern spricht man immer Ukrainisch, aber in der Stadt Russisch. Ukrainisch hat einen minderen Wert. Es gibt noch immer die oligarchischen Fernsehkanäle, die Kolomojskij, Achmetov und ihren Freunden gehören. Sie produzieren Fernsehserien in großer Quantität und in Russisch, die besagen, dass die „Volksrepublik Donezk“ zu Recht besteht, dass dort gute Menschen leben und dass man sich mit denen anfreunden soll. Das ist schrecklich. Man soll sich mit Kriminellen anfreunden.

In den siebziger Jahren war es umgekehrt. Da gab es kaum anständige Menschen, die nicht im Gefängnis gewesen waren.
Ja, heute ist es umgekehrt. Es geht icht um die politischen Gefangenen oder Aktivisten, sondern um Kriminelle und Verbrecher, schlussendlich um die Werte. Es werden Geschichten erzählt, wer wen bestohlen hat oder wie einer den anderen mit dem Messer umgebracht hat. Das ist auch in die Sprache eingesickert, und wir verwenden auch unbewusst solche Worte. Es gibt eine Kolonie bei diesem Dorf. Viele Männer aus dem Dorf arbeiten dort. Die Geschichte des Sheriffs Viktor Grygorowytsch, und warum er so schön malt, hängt damit zusammen. Sein Vater arbeitete dort und brachte Bilder, die bei den Kriminellen konfisziert wurden. Sie malten dort viele Rosen und religiöse Sujets. Viktor mochte diese Bilder, so dass er sie nachmalte. Für mich es eine sehr aufschlussreiche Sache. Woher kommt das Gefühl für das Schöne? Aus der Kindheit. Und das ist seine Kindheitserfahrung.

Du hast vorher über ein Vakuum an Information gesprochen. Wie kann man das ändern?
Ich glaube nicht, dass man die Informationspolitik durch zivilisierte Methoden ändern kann. Es gibt Quoten und ein Gesetz, das Fernsehsender verpflichtet, die Werbung und die Sendungen ins Ukrainische zu übersetzen, aber wer erfüllt dieses Gesetz? Niemand. Man müsste Sanktionen, Strafen, Inspektionen, strenge Maßnahmen einführen. Wie z.B. in anderen Ländern das Rauchen in öffentlichen Räumen verboten wurde. Es gibt Strafen, und niemand raucht mehr in der Öffentlichkeit. Hier rauchen alle überall. Aber es geht nicht nur um die Sprache. Die Sprache ist sehr wichtig, aber wir wurden eben durch die Sprachen geteilt.

Wie sprichst du, wenn du mit deiner Familie zusammenbist?
In der Familie sprechen wir Ukrainisch.

Und mit Freunden?
Mal so, mal so. Die Sprachen wurden zum dem Instrument, mit dem man schon 2004 zu teilen begann. Osten, Westen. Oder noch früher. Das alles war vorbereitet.

Wie kann man das ändern?
Tja, womit soll man anfangen? Man muss nach neuen Mythen suchen. Man muss eine Methode finden, um den Menschen zu erklären, warum dieses Territorium wichtig ist und warum man dieses Territorium schützen muss. Warum die Menschen auf diesem Territorium leben, und worin es sich von anderen Territorien unterscheidet. Und grob gesagt, wer die Helden sind und wem man nacheifern muss. Das klingt jetzt etwas seltsam. Maidan hat sehr vieles gemacht, er hat vielen Menschen die adäquate Würdigung der ukrainischen Fahne zurückgegeben. Es gab einen Film, ich erinnere mich nicht, wie er hieß, über einen jungen Minenarbeiter. Darin gab es viele Lieder aus dem Donbass. Später wurde gesagt, dass das Volkslieder sind. Die ganze Mythologie des Donbass war in diesem Film verpackt. Mit diesem Film haben sie das ganze Territorium vereint und schufen den Mythos über die unglaublich fleißigen, starken, gesunden, furchlosen Arbeiter-Helden von Donbass. Das war einfach nur ein Film!

So arbeitet das Kino.
Damals gab es wenige Filme, es gab kein Fernsehen, und die Menschen glaubten daran, was sie sehen. Jetzt ist es komplizierter.

Jetzt ist man ziemlich verwirrt, es gibt sehr viele Filme und viele widersprüchliche Informationen, und es ist schwierig die richtige Information rauszufiltern.
Tja, in jedem Wohnzimmer läuft der private Sender von Kolomojskij, der Sender Achmetov, usw. Was soll man sagen? Die Frage ist, wie kann man gut denkende Menschen versammeln und etwas produzieren, was uns vereint?



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