„I fucked a lot“

Der Verleih Bildstörung hat drei Filme von Alejandro Jodorowsky in einer opulenten DVD-Box veröffentlicht. Eine Gelegenheit, sich an einen der eigensinnigsten Regisseure der 1970er Jahre und an das subversive Kino der damaligen Zeit zu erinnern.

 

Die frühen Filme von Alejandro Jodorowsky waren in Deutschland bislang kaum zu bekommen. Das Debüt Fando und Lis (1968) hatte keinen Verleih, El Topo (1970) war jahrelang indiziert. Das Gutachten des Bremer Senators für Jugend und Sport ist ein weiterer Beleg für die (damalige) kenntnisfreie Haltung der deutschen Behörden im Umgang mit schwierigen Filmen. Einer dem Filmverlauf entsprechend irrwitzigen Plotzusammenfassung folgt ein Fazit, das das Verbot begründet und zugleich ein unfreiwilliger Attraktor ist: „Dieser Film besteht aus einer Aneinanderreihung von Brutalitäten grausamster Art. Damit nicht genug, es werden neben unzähligen Morden, Blasphemie, Menschenverachtung, Frauendiskriminierung, Rassenhaß und Pornographie in variierender Art dargestellt.“ So vielversprechend klang das in Deutschland noch 1987, da ging es um die Indizierung der VHS.

In den USA lief die Rezeption besser, dort galt El Topo als eines der wichtigsten Werke des unabhängigen Kinos der 1970er Jahre, und wenn die Filmgeschichtsschreibung richtig liegt, hat der Film die Institution des Mitternachtskinos begründet: nächtliche Projektionen vor einem Publikum, das Drogen nicht einfach nur zum Spaß nahm, sondern als bedeutsame Mittel der Bewusstseinserweiterung verstand. Die Atmosphäre während der Vorführungen soll weihevoll gewesen sein: „Sie haben sich versammelt, um das Licht zu sehen“, beschreibt Glenn O'Brien 1971 in einer Reportage für die Village Voice (zitiert im Standardwerk „Mitternachtskino“ von James Hoberman und Jonathan Rosenbaum). „Die Leinwand ist erfüllt von abstrakten Landschaften, Wüste und Himmel –, und von neuem vollzieht sich das Ritual (…) Jodorowsky ist hier, um zu beichten; das jugendliche Publikum ist hier, um seine Kommunion zu empfangen.“

Damals ging es also offensichtlich noch ums Ganze.

Texte, Platten und Filme, popkulturelle Artefakte also, sind, hat Klaus Theweleit geschrieben, immer auch Geschichtsspeicher, die Affekte, Atmosphären und Haltungen aufbewahren und abrufbar werden lassen. Dass die drei ersten Filme Jodorowskys nun, nach der Aufhebung der Indizierung von El Topo vor zwei Jahren, in einer opulent ausgestatteten Box erschienen sind (inklusive Soundtracks-CDs, Dokumentation und Interviews, viel mehr kann man nicht machen), ermöglicht Nachgeborenen wie mir, sich an das sich subversiv verstehende Kino der Sechziger zu, wenn man so will, erinnern. An ein Kino also, das mit den Jugendbewegungen und der Bohème der damaligen Zeit verbunden war, das sich als Medium der Befreiung verstehen wollte – und heute vor allem wie ein uneingelöstes Versprechen wirkt.

Das Werk Jodorowskys ist, bei allen offensichtlichen Bezügen zum Surrealismus, zu Artaud, Breton und Buñuel vor allem, singulär geblieben: assoziativ, weitgehend plotfrei und, für damalige Verhältnisse, äußerst gewaltvoll. Heute springt als erstes die Hybris ins Auge, die damals, als selbst ernannte Gurus und Erlöser sich zahlreich auf dem Markt tummelten, eventuell gar nicht sonderlich befremdlich wirkte. Der Regisseur spielt die Titelrolle selbst, ein Westernheld mit magischen Fähigkeiten, der am Ende des zweiten Aktes gekreuzigt wird und wiederaufersteht, um eine Gemeinde von Freaks ins Licht zu führen. Jodorowskys siebenjähriger Sohn spielt den Sohn des Helden und muss gleich zu Beginn die Mutter symbolisch verabschieden, ihr Foto wird im Sand vergraben, dann wird er von seinem Vater zurückgelassen. Ein atmosphärisch noch immer befremdlich wirkender Antiwestern entspinnt sich.

Während die Bildkomposition von Konzept und Formwillen zeugt, ist das Geschehen ansonsten derart symbolbefrachtet, dass der Zuschauer mit dem allen in der Konsequenz anstellen kann, was er möchte. Der Film entstand in einer Zeit, in der die Befreiung von den narrativen Konventionen des Hollywood-Kinos Teil eines allgemeinen Befreiungsideals war; heute hingegen, wo es die bis in die letzte Plotfaser durchkomponierten Erzählungen des US-Serienfernsehens sein sollen, die die genauesten Beschreibungen der Wirklichkeit liefern, wird nach so etwas wie Befreiung gar nicht mehr gefragt; dass die Welt so aussieht, wie in The Sopranos und Breaking Bad behauptet, ist kein Geheimnis mehr, es macht aber auch nichts.

Im letzten Akt wird El Topo zum Mönch, schwört der Gewalt ab, am Schluss aber endet das ganze doch wieder im Blutbad. Trotz des offensichtlichen Eigensinns des Regisseurs – die meisten Filme von Alejandro Jodorowsky handeln zuerst einmal von Alejandro Jodorowsky – konnten diese Bilder 1970 von einem vergleichsweise großen Publikum als bedeutsam empfunden werden. Sie erzählen von Männern, die auf der Suche sind, nach der Wahrheit, nach sich selbst, man weiß es nicht so recht. Dass Frauen und Kinder bei dieser Suche vor allem stören – El Topo ist, wie gesagt, auch ein Western –, überrascht nicht. Heute erscheint der Film als eine in der Quintessenz recht klassische Männerphantasie. Pauline Kael hat bereits nach der Premiere vor vierzig Jahren darauf hingewiesen, dass sich hinter dem Sperrfeuer von Symbolen und Verweisen eine eher konventionelle Erzählung verbirgt: „Der Mann-Gott wird von einer bösen, machthungrigen Frau vom rechten Weg gelockt und erlangt durch die Liebe einer guten Frau Erleuchtung, um dann festzustellen, dass die Welt noch nicht reif ist für eine erleuchtete Erscheinung wie ihn.“

Allzu oft musste das subversive Kino der 1960er und 70er Jahre zuallererst die Virilität der Regisseure belegen. Jodorowsky ist in diesem Punkt ganz offenherzig, sowohl in seinen Bildern, wie auch in den Interviews. El Topo vergewaltigt die Frau, mit der er durch die Wüste reist. Wenig später geht sie auf die Knie und berührt einen Stein, aus dem Wasser hervor- und ihr ins Gesicht spritzt. Im ursprünglichen Skript hat Jodorowsky vermerkt („ganz pedantisch“ kommentieren Hoberman und Rosenbaum): „Dieser Stein ist ein exaktes Abbild meines Penis. Dick, nicht sehr lang, doch mit einer gewaltigen Eichel.“ Generell mache er seine Filme nicht mit dem Kopf, sondern mit seinen Eiern. Und: Mit restlos allen Schauspielerinnen seines dritten Filmes Der heilige Berg habe er geschlafen, „I fucked a lot“.

Vielleicht lässt sich der Charakter der Suche in El Topo also doch genauer bestimmen: Es geht um Männer, die sich in irgendeiner Weise mit der Welt verbinden wollen, auf ihrem Weg außer Gewalt und Größenphantasien aber nicht sonderlich viel zustande bringen. Jodorowsky camoufliert nichts und zeigt auch die vielen Leichen und Enttäuschten, die bei diesem Versuch auf der Strecke bleiben. Was ansonsten verborgen bleibt in den Erzählungen vom männlichen Erlöser wird hier mit aller Gewalt durchgespielt. Auch in dieser Hinsicht also ein Fall für Klaus Theweleit.

In Montana Sacra – Der heilige Berg (1973) wird der Ton esoterischer, zugleich ist der Film spielerischer als El Topo und erscheint heute vielschichtiger und auch – ob intendiert oder nicht, lässt sich nicht entscheiden – komischer als sein Vorgänger. Bei allem Spaß, den man nach wie vor mit diesen Bildern haben kann, wirkt das alles etwas antiquiert, das mag auch an der nicht eben subtilen Symbolik liegen. Der klassisch surrealistisch anmutende Fando und Lis beispielsweise ist in einer Zeit entstanden, in der das entsprechende Publikum die Assoziation „brennendes Klavier“ = „Zerstörungswürdigkeit der Bourgeoisie“ intuitiv wie selbstverständlich herstellen und, wichtiger noch, als bedeutsam empfinden konnte. Das geht heute, wo der Hunger nach umstürzlerischen Bildern im Vergleich zu den Siebzigern nachgelassen hat, nicht mehr so ohne Weiteres. Eine Papstfigur, die von einer Schauspielerin gespielt wird, eine Armee echter Eidechsen, verkleidet als Mönche und Konquistadoren, die ein Reenactment der Eroberung Mexikos aufführen – heute, da die Ästhetik des Surrealismus in die Werbung Eingang gefunden hat und wir uns im Kino tendenziell über kaum noch etwas wundern, erscheint das kaum mehr verstörend oder gar subversiv.

El Topo und Montana Sacra enthalten nicht so sehr die politischen Versprechen der Gegenkultur, sondern die Wahrnehmung des Anfangs von ihrem Ende, das sich manifestierte in der Hinwendung zu einem eklektischen Mystizismus. Es verbirgt sich also mehr und Interessanteres in diesen Bildern als die Omnipotenzphantasien ihres Machers. In allen dreien Filmen sind die affektintensivsten Bilder die von Gewalt und Zerstörung. Und auch hier gilt: Eine der größten Qualitäten dieser Filme ist ihre Offenherzigkeit. Dass die Gewalt einen Kern seines Weltbildes ausmacht, daraus hat Jodorowsky nie ein Hehl gemacht, wenn auch nie ganz klar wird, wie er sich als Künstler und Denker zu diesem Befund verhält. In seinen eigenen Worten: „I like violence. I love violence. I hate the weak person who won't do art and say 'Oh, that hurt me, that image.' Why do you make pictures for that person? They are blind. Poetry is violence. It is reality. They are so much in a violent world – so much, so much that they don't want to see that.“ Es steckt die Erfahrung der Manson-Morde und von Kent State in diesen Bildern und Erzählungen, in der Erlösermythologie, die in Gewalt mündet vor allem, und in den zahlreichen Massaker-Szenen.

Die Differenz zwischen dem Damals und dem Heute wird deutlicher, wenn man sich die Filme eines erklärten Bewunderers vor Augen führt. Nicolas Winding Refn, Jahrgang 1970, ist dezidierter Fan, Jodorowsky wiederum wurde, erzählt er in der als Bonus beigefügten Podiumsdiskussion auf dem Münchner Filmfest, durch Refns überhitzten Film Bronson (2008) der Glaube an das Kino zurückgegeben. Letzteres nämlich sei – und hier klingt Jodorowsky mit einem Mal wie Godard und viele der großen alten Regisseure der sechziger Jahre, die das Genrekino am Ende doch verachten – zu einer Verblödungsmaschine degeneriert. Wahre Kunst würde kaum noch gemacht. In Refns Bronson dagegen drehen sich die delirierenden Bilder um eine Figur, deren gesamtes Dasein von der Gewalt bestimmt ist. Drive (2008) und Only God Forgives (2011) haben die Verknüpfung von Gewalt und Männlichkeit weiter ausbuchstabiert und sich einer kühleren Ästhetik bedient, das Prinzip aber bleibt das gleiche: Immer sehen wir semi-autistischen Figuren dabei zu, wie sie mit der Welt kämpfen, Verletzungen fabrizieren und erleiden und am Ende von ihr verschwinden. Hier treffen sich beide Regisseure. Der Fatalismus, auf den sowohl Jodorowskys Filme wie auch die Refns zulaufen und der sich in beiden Fällen immer wieder in wirkungsintensiven Gewaltbildern kristallisiert, begründet diese Wahlverwandtschaft.

Jodorowsky hat eine für seine Generation nicht untypische Entwicklung genommen und sich einer Mischung aus Esoterik und Tiefenpsychologie verschrieben. Er nennt es Psychomagie, praktiziert in Paris, legt Tarotkarten und ist als Vortragsreisender unterwegs. Der Dokumentarfilm „Die Konstellation Jodorowsky“ (als Bonus auf der DVD) dokumentiert u.a. eine von dem chilenischen Ausnahmeregisseur selbst durchgeführte, etwas ominöse Familienaufstellung. Kunst, sagt er heute, müsse das Publikum vor allem heilen.

Was man nun von all dem halten soll, lässt sich schwer sagen. Gründe, die Filme Jodorowskys wie auch ihren Macher schrecklich zu finden, gibt es genügend, an der Faszination, die von diesen Filmen ausgeht, ändern sie nur wenig. Und es ist ja auch nicht so, als wäre irgendetwas geklärt. Am Ende muss da vielleicht einfach jeder selber durch, ganz für sich. Oder, mit einem Gleichnis Jodorowskys gesprochen: „Eines Tages zeigte mir jemand ein Glas Wasser, das halbvoll war. Und er sagte: 'Ist es halbvoll oder halbleer?' Also habe ich es ausgetrunken. Finito. Problem beseitigt.“

Auch im Wiener Filmcasino steht derzeit eine kleine Jodorowsky-Retrospektive auf dem Programm. Noch zu sehen: „El Topo“ (So. 13. April, 13 Uhr) und „Montana Sacra“ (So. 20. April, 13 Uhr).
www.filmcasino.at



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Filme von Alejandro Jodorowsky

Fando y Lis (MEX 1968)


Mit Sergio Klainer, Diana Mariscal
Bildformat
1,66:1,
Sprache
Spanisch
Untertitel
Deutsch
Filmlänge
93 Minuten

El Topo (MEX 1970)


Mit Alejandro Jodorowsky, Brontis Jodorowsky,
Mara Lorenzio

Bildformat
1,33:1
Sprachen
Deutsch, Spanisch
Untertitel
Deutsch
Filmlänge
125 Minuten

Montana Sacra / Der heilige Berg (MEX/USA 1973)


Mit Alejandro Jodorowsky, Horacio Salina,Ramona Saunders
Bildformat
2,35:1
Sprachen
Deutsch, Englisch
Untertitel
Deutsch
Filmlänge
112 Minuten

Bonus Audiokommentare von Alejandro Jodorowsky zu allen drei Filmen, Jodorowsky-Kurzfilm „Die Krawatte“ (1957, 21 min), Deleted Scenes, „La constellation Jodorowsky“ (1994, Dokumentation über den Regisseur), Interview, Podiumsgespräch mit Alejandro Jodorowsky und Nicolas Winding Refn auf dem Filmfest München 2013, Bildergalerien, Trailer, Booklet mit einem Interview und einem Essay, 2 CDs mit den Originalsoundtracks zu „El Topo“ und „Der heilige Berg“



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