„Ich verstehe meine Filme ja selbst nicht ganz!“

Nonsens-Visionär Terry Gilliam im Gespräch über sein Retro-Science Fiction-Drama „The Zero Theorem“, Hauptdarsteller Christoph Waltz, sein „Don Quichotte“-Projekt und natürlich über den Sinn des Lebens.

 

Mit der britischen Komikertruppe Monty Python hat Terry Gilliam einst seine anarchistischen Späße in Life of Brian und als Ritter der Kokosnuss getrieben. Es folgten die Fantasy-Spektakel Time Bandits und Brazil – beim Streit um Kürzungen seines Kultfilms lehrte er die Universal-Studios das Fürchten. Nach dem oscarprämierten Erfolg der poetischen Großstadttragödie The Fisher King setzt Gilliam erneut auf kreatives Risiko: In Twelve Monkeys schickte er Bruce Willis in surreale Welten, mit Fear and Loathing in Las Vegas macht er Johnny Depp zum Junkie. The Cabinet of Dr. Parnassus war die nächste Wundertüte, überschattet allerdings vom Tod des Hauptdarstellers Heath Ledger während der Dreharbeiten. Um den Film zu retten, übernahmen seine Star-Kollegen Colin Farrell, Johnny Depp und Jude Law gemeinsam dessen Rolle. Nun gibt sich Christoph Waltz die Ehre als glatzköpfiges, Sinn suchendes Computer-Genie in The Zero Theorem.

Mister Gilliam, auf Ihrer Website berichten Sie von 937 Interviews, die Sie in den Vereinigten Staaten gerade für den Film gegeben hätten. Was war die lustigste Frage?
Oh Gott, ich versuche immer, all diese Interviews möglichst schnell wieder zu vergessen. (Lacht.) Das Problem ist, dass es meist nicht besonders viele lustige Fragen gibt - dabei hätte ich so gern ein paar Überraschungen im Gespräch. Offensichtlich mochten die meisten diesen Film und haben ihn ziemlich ernst genommen. Es scheint, ich werde mittlerweile als seriöser Regisseur betrachtet! (Lacht)

Ich versuche es mit einer deutschen Frage. Auf einer Slot-Maschine steht in Leuchtschrift „Arbeit macht Fun“.
Das ist Ihnen tatsächlich aufgefallen? (Lacht.)

Als Deutscher müsste man mit solchen Scherzen vorsichtig sein ...
Natürlich sollten Deutsche solche Späße nicht machen. Deshalb muss ich es ja für euch tun! Meine Methode besteht darin, möglichst viele Dinge in einen Film zu packen und ich freue mich, wenn Zuschauer gelegentlich einiges davon entdecken. Vermutlich muss man Deutscher sein, dass einem dieser Schriftzug überhaupt auffällt. Ganz ernsthaft: Ich verwende gern gravierende Dinge, um sie zu trivialisieren, das ist mein Job! Das tue ich ebenfalls mit all diesen Werbebotschaften, die im Film überall flackern unter dem Motto: Konsumenten aller Länder vereinigt euch!

Es macht Ihnen nichts aus, wenn die Zuschauer Ihre Filme nie ganz verstehen?
Ich verstehe meine Filme ja selbst nicht vollständig. Wenn ich Kritiken lese, denke ich oft: „Wow, mein Film ist interessanter als ich dachte!“ Wobei ich schlechte Kritiken ignoriere, weil die Texte selten spannend sind. Ich habe nichts gegen Verrisse, nur interessant müssen sie eben sein. Schlechte Kritiken scheinen oft einen ganz anderen Film zu beschreiben als jenen, den wir gemacht haben – daraus kann ich nichts lernen.

Wie gut würde das Talking-Heads-Album „Stop Making Sense“ das Gilliam-Theorem beschreiben?
Überhaupt nicht! Meine Filme sollen Sinn ergeben, allerdings scheitere ich dabei ständig – das ist ein großer Unterschied. Ich gebe dafür gern ein Beispiel: Nach der Premiere von The Zero Theorem beim Festival von Venedig schrieb die Kritikerin einer wichtigen Zeitung, dass all die Python-Pointen nicht funktionierten. Dabei gibt es überhaupt keine Python-Pointen im Film! Für mich ist das ein sehr trauriger Film und alles andere als eine Komödie!

Ist es ein Film über den Sinn des Lebens?
Wie so viele Menschen glaubt der Held, dass es einen Sinn des Lebens gibt. Die Bibel, der Koran oder die Psychologie versuchen ebenfalls, eine Antwort auf diese Frage zu geben – aber es funktioniert nicht. Es gibt diesen jüdischen Witz über einen Schiffbrüchigen, der betet, dass Gott ihn rettet. Als ein Boot ankommt, schickt er es weg, weil er warten will, dass Gott ihn rettet. Zwei weitere Schiffe schickt er ebenfalls weg. Dann beklagt er sich bei Gott. Worauf dieser antwortet: „Ich hab dir drei Boote gesandt, du Trottel!“

Was ist für Sie persönlich der Sinn des Lebens?
Puh! Glücklicherweise habe ich Kinder, eine Frau und ein schönes Haus. Ich habe ein paar Filme gedreht, auf die ich stolz bin und die einigen Leuten etwas bedeutet haben. Das sind Dinge, die meinem Leben einen Sinn geben.

Sind Sie einverstanden, wenn man The Zero Theorem als Update von Brazil bezeichnet?
Ich hatte immer Angst vor diesem Vergleich. Natürlich zeigen beide Filme meine Sicht auf die Welt. Aber der große Unterschied ist: In Brazil war der Held ein Träumer und das ist diese Hauptfigur nicht.

Die Besetzung Ihrer Filme ist stets hochkarätig. Wie wichtig sind die großen Stars für Sie?
Stars machen Filme interessanter, vor allem wenn es gute Stars sind. Ich arbeite gern mit guten Schauspielern und bin bei der Besetzung ausgesprochen vorsichtig. Es müssen Leute sein, die ich wirklich bewundere, die intelligent sind und mit denen die Arbeit Spaß verspricht. Mir ist wichtig, dass dieser gemeinsame Trip zu einem Vergnügen wird, bei dem wir uns gegenseitig überraschen. Ich gelange immer mehr zur Überzeugung, dass es die Schauspieler sind, die einen Film ausmachen.

Was macht die besondere Qualität von Christoph Waltz für Sie aus?
Christoph musste 52 Jahre alt werden, bevor die Welt sein Talent anerkannte. In solch einer Karriere muss es viel Frustration und Neid gegeben haben – und diese Qualitäten kommen seiner Figur hier sehr zu Gute. Wir hatten jedenfalls großen Spaß beim Drehen und haben viel gelacht. Wir haben wie Kinder miteinander gespielt: Genau das gefällt mir an guten Schauspielern.

Warum haben Sie diese visuelle Wundertüte nicht in 3D gedreht?
Ganz einfach: 3D kostet viel mehr Geld. Wir hatten nur ein Budget von 8,5 Millionen Dollar, was für ein solches Projekt recht wenig ist. Je mehr ein Film kostet, desto mehr nervöse Menschen tauchen auf, die sich einmischen wollen. Dieser Film hatte ursprünglich ein Happy End, das haben wir auch gedreht – vermutlich hat gerade das den Produzenten gut gefallen. Allerdings kam ich zur Überzeugung, dass dieser Schluss nicht funktioniert, und so habe ich ihn einfach geändert.

Für Joanne K. Rowling waren Sie der Wunsch-Regisseur für Harry Potter – haben Sie je bereut, diesen Job abgelehnt zu haben?
Nein, immerhin bekam ich dafür einen kostenlosen First-Class-Flug nach Los Angeles. Zu jener Zeit habe ich an meinem „Don Quichotte“-Projekt gearbeitet und mir war klar, dass ich diesen Job nie bekommen würde. Das Studio wollte Harry Potter in sichere Hände geben und hatte wenig Lust auf Überraschungen oder einen Regisseur, der streitlustig ist.

An „Don Quichotte“ arbeiten Sie seit über 15 Jahren. Ist Scheitern der richtige Ansatz für solch ein Projekt?
Scheitern ist dafür der einzig mögliche Ansatz! Solch ein Film muss so verrückt sein wie Don Quichotte selbst. (Lacht.) Nach jedem Desaster musst du wieder aufstehen und die Welt neu erfinden.

Muss man sich Terry Gilliam als glücklichen Sisyphos des Kinos vorstellen?
Sisyphos ist mein Lieblingsheld der griechischen Mythologie, nicht umsonst befindet er sich auf meinem Briefkopf und rollt dort die Kugel auf den Berg.

Was ist der aktuelle Stand bei „Don Quichotte“ – wird John Hurt die Hauptrolle spielen?
Ja, John Hurt scheint nun ziemlich klar. Für den Sancho hat sich in den letzten Wochen die Lage ständig geändert. Ich habe einen Schauspieler dafür, aber es ist unklar, ob er tatsächlich verfügbar sein wird – was außerhalb meiner Kontrolle liegt. Das ist alles sehr verrückt ...

Haben Sie keine Angst, dass Sie in ein großes Loch fallen, wenn Sie den Film einst fertig stellen?
Nein, das wird eine große Erleichterung sein. Ich hasse diesen Film und ich hasse Don Quichotte. Es ist wie ein Tumor, der in mir wächst. Erst wenn er aus meinem Körper entfernt ist, habe ich mein Leben zurück. (Lacht.)

Apropos Erleichterung – wie haben Sie das Monty-Python-Revival in der Londoner O2-Arena in diesem Sommer erlebt?
Ich hatte mich auf diesen Live-Auftritt nicht besonders gefreut, aber es war großartig. Das Publikum war fantastisch. Obwohl diese Halle so groß ist, herrschte eine ganz intime Atmosphäre. Wir hatten eine gute Zeit und jeder ging danach zufrieden nach Hause.

Wird es weitere Live-Auftritte geben?
Es gibt keine Pläne, keiner von uns hat es jedenfalls vor. Wenn man mit einem solchen Höhepunkt abtritt, warum sollte man das zerstören? Allerdings haben wir jetzt diese großen Kulissen und niemand weiß, was man nun damit tun soll.

Gibt es nicht verlockende Angebote aus Amerika?
Stimmt, es wäre auch einfach, das zu wiederholen. Aber ich sehe das im Augenblick nicht. Im nächsten Jahr wird mit Sicherheit nichts passieren – und wer weiß, wer von uns 2016 überhaupt noch übrig ist.



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Interview ~ Dieter Oßwald



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