Im Zug nach Nirgendwo

John Hurt, britischer Ausnahmeschauspieler, über seine Rolle in "Sonwpiercer" als ebenso weiser wie rätselhafter Anführer Gilliam, über festgefahrene Klassensysteme, „Doctor Who“ und darüber, warum sich auch Theatergrößen immer wieder gerne für Blockbuster hergeben.

 

Haben Sie geahnt, worauf Sie sich einlassen, als Sie Bong Joon-ho zum ersten Mal trafen?
Ehrlich gesagt, nein. Aber ich kann mich noch sehr gut an unser Gespräch erinnern, denn ich dachte danach nur: Das machst du auf jeden Fall! Zu dem Zeitpunkt hatte ich das Drehbuch noch nicht gelesen, aber die Art, wie Bong über den Film redete, hat mir sehr imponiert. Er war extrem begeistert von dem Projekt und sehr sympathisch – es war ein ganz wunderbares Treffen. Und als ich dann das Drehbuch in die Hand bekam, hat sich mein Gefühl schnell bestätigt.

Was muss ein Drehbuch haben, damit Sie zusagen?
Damit ich mich für ein Projekt entscheide, kommt es vor allem auf drei Faktoren an: Erstens, ein gutes Drehbuch, aus dem hervorgeht, dass der Film das ist, was er sein will, sprich,  dass er funktioniert. Was Snowpiercer angeht: Der Film ist eine äußerst merkwürdige Reise in die Seele der Menschheit, was nicht heißen soll, dass es darin nun gleich um alle großen Fragen der menschlichen Existenz geht. In dem Moment, wo sie das Ganze auf einen Mikrokosmos beschränken, gelingt es dem Autor beziehungsweise dem Regisseur, sich auf etwas Konkretes zu konzentrieren. Und die These, die der Film innerhalb dieses Mikrokosmos behandelt, fand ich äußerst spannend. Dann habe ich mir meine Figur etwas genauer angesehen und mich gefragt, ob ich der Rolle eine spezielle Persönlichkeit geben kann, etwas Eigenes. Und die dritte, sehr wichtige aber nicht immer einzulösende Vorgabe: ein Regisseur, mit dem man arbeiten kann, anstatt lediglich für ihn zu arbeiten. Dass bei dem Film alle drei Faktoren zusammenkamen, war großes Glück.

Snowpiercer spielt im Inneren eines Zuges, an dessen Bord ein rigides Klassensystem herrscht, das nicht nach einem Oben und Unten eingeteilt ist, sondern nach einem Vorne und Hinten. Die Missstände sind die Gleichen.
Ja, denn Klassensysteme gibt es im Grunde überall in den verschiedensten Ausprägungen, auch wenn die Umstände andere sein mögen. In Großbritannien zum Beispiel haben wir derzeit mit dem Überresten eines solchen Systems zu kämpfen. Mit anderen Worten: Es ist vielleicht nicht mehr so stark ausgeprägt, wie es einmal war, aber es ist noch immer erkennbar. Ob in Indien oder Korea, die Menschheit kreiert und pflegt derartige Klassen- oder Kastensysteme, egal wo und in welcher Form.

Was genau steckt hinter dem Aufstand, den Ihre Figur an der Seite des Revolutionsführers Curtis im Film anzustiften versucht?
Wie bei jeder Revolution geht es um Macht, um Gleichstellung und um Gerechtigkeit. Gilliam ist davon überzeugt, dass es für jeden Menschen einen bestimmten Platz im Gefüge gibt, aber auch, dass jeder Mensch Anspruch auf ein lebenswürdiges Dasein hat, nicht, dass manche Leute wie Könige leben, während andere im Dreck ersticken. Die Figur ist sehr interessant, weil ein Teil der Wahrheit über Gilliam erst ans Licht kommt, wenn er sich nicht mehr verteidigen kann. Aber im Grunde ist die Ungleichheit gar nicht das Hauptproblem, sondern vielmehr die Überbevölkerung, die im Zug herrscht. Und das ist das Spannende an der Geschichte, denn auch in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft wird das Bevölkerungsproblem noch immer lieber unter den Tisch gekehrt. Es ist eine Diskussion, auf die sich keiner gerne einlässt, weil es im Grunde keine Lösung gibt – zumindest keine humane.

Wenn Sie frei wählen könnten, in welchem Waggon würde man Sie finden?
Wer weiß das schon, ich wäre sicher irgendwo im hinteren Teil des Zuges, aber wo genau, ist schwer zu sagen. Wenn Sie mich allerdings hier und jetzt in den Zug stecken würden, dann wäre ich sicherlich in der vorderen Hälfte. Ich weiß, dass ich zu einer gewissen Elite gehöre, dem Top 1% der Gesamtbevölkerung, wenn Sie so wollen, aber man denkt ja nicht permanent in diesen Dimensionen. Und das gilt übrigens auch nicht nur für mich, weil ich Schauspieler bin oder sonstwas. Sie wären ganz genauso im vorderen Teil des Zuges untergebracht. Man fragt sich dann nur, was aus den anderen 99% werden soll? Der Gedanke ist ganz schön erschreckend.

Dass Sie Schauspieler geworden sind, war auch keine Selbstverständlichkeit.
Nein, ganz und gar nicht, aber mir wurde die Möglichkeit dazu gegeben, wofür ich bis heute unendlich dankbar bin. Ich bin in einem Land aufgewachsen, das in meine Bildung investiert hat, das mir ein Stipendium gewährte, kein großes zwar, aber immerhin. Es hat gereicht, um das zu werden, was ich mir als neunjähriger Bub in den Kopf gesetzt hatte.

Warum ausgerechnet mit Neun?
Da habe ich zum ersten Mal in einem Theaterstück in der Schule auf der Bühne gestanden. Und ich weiß noch wie gestern, wie aufgeregt ich damals war, weil ich in dem Moment das Gefühl hatte, zu wissen, wo ich hingehöre.

Hat sich daran über die Jahre etwas geändert?
Nein. Was sich ändert, sind die Rollen. Die Schauspielerei ist ein Beruf, der sich zwangläufig mit dem Alter ändert. Denn ich spiele jetzt natürlich andere Rollen als in meinen Zwanzigern. Manchmal ist er schon erstaunlich, wenn man sich in einem alten Film sieht, das kommt einem dann fast wie ein ganz anderes Leben vor.

Denken Sie da an etwas Bestimmtes?
Nicht unbedingt. Ich schaue mir auch nicht gerne an, was ich in der Vergangenheit gemacht habe. Mir ist es allerdings neulich passiert, dass ich eigentlich ausgehen wollte, als plötzlich 1984 im Fernsehen begann. Ich hatte den Film seit über 15 Jahren nicht gesehen und sagte mir: Okay, fünf Minuten schaue ich mir an. Ehe ich es merkte, hatte ich den Film bis zum Ende gesehen und bin ziemlich spät zu meiner Verabredung gekommen, wie Sie sich vorstellen können. Aber das war es wert. Im Nachhinein dachte ich: Wow, das ist eigentlich ein ziemlich toller Film.

Wie denken Sie, werden Sie sich in ein paar Jahren an Ihren Auftritt in Doctor Who zurückerinnern?
Über Doctor Who lässt es sich eindeutig leichter reden als über Snowpiercer. Die Serie hat ihren ganz eigenwilligen Stil, und die Wissenschaft ist extrem scheinheilig, um es milde auszudrücken. Andererseits ist es unheimlich kompliziert zu lernen, weil nichts wirklich Sinn macht. Aber David Tennant und Matt Smith, die haben das beide drauf, und sie haben mir sehr dabei geholfen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich zunächst keine Ahnung hatte, wie erfolgreich Doctor Who mittlerweile weltweit ist. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als mein Freund Tom Baker die Hauptrolle spielte. Ich fand damals, das passte einfach ganz wunderbar zu ihm und seiner Persönlichkeit. Als er aufhörte, ging es meines Wissens ziemlich bergab mit der Serie, bis David Tennant für frischen Wind sorgte.

Sind Sie ein Science-Fiction-Fan?
Das möchte man meinen, bei dem was ich bisher gemacht habe. Aber wenn ich ehrlich bin, nein, nicht wirklich. Ich bin das Objekt der Vorstellungskraft anderer. Was auch immer sie in mir sehen, danach richte ich mich.

Mit einem Budget von 40 Millionen Dollar ist Snowpiercer die bisher teuerste koreanische Filmproduktion aller Zeiten und der Blockbuster des letzten Jahres in Korea...
Das mag schon sein, aber ich muss sagen, das hat man dem Film bei den Dreharbeiten nicht wirklich angemerkt. Das Ganze hatte eher etwas von einer unabhängigen Produktion, was mir persönlich auch am liebsten ist, weil mehr Raum bleibt für Ungewöhnliches und Experimentelles. Ich habe auch noch nicht so viele Blockbuster gedreht, die ganz klar als solche definiert waren. Abgesehen von Hercules, den ich gerade gemacht habe, das ist tatsächlich ein Blockbuster, wie er im Buche steht.

Was macht Sie und andere etablierte britische Film- und Theaterschauspieler Ihrer Generation so attraktiv für das US-amerikanische Fantasy-Action-Kino? Ian McKellen zum Beispiel ist aus derartigen Hollywood-Produktionen mittlerweile gar nicht mehr wegzudenken?
Dabei interessiert sich Ian McKellen im Grunde nicht die Bohne fürs Kino. Er wird mir wahrscheinlich den Hals umdrehen, dass ich das jetzt sage, aber in Wahrheit schlägt sein Herz für das Theater. Dafür hat er mit Filmen eindeutig eine ganze Menge Geld verdient – viel mehr als ich.

Was reizt Sie am Film?
Film ist eine Kunst, die ich sehr schätze. Es ist eine andere Sprache, anders als Literatur, und es ist eine noch relativ junge Kunst, die dabei ist, ihren Weg zu finden. Und ich hoffe, dass die Leute auch weiterhin ins Kino gehen werden. Auch wenn Film niemals so lebendig und unmittelbar sein kann wie Theater, lassen sich im Kino immer wieder ganz wundervolle, faszinierende und überwältigende Erfahrungen machen.



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Interview ~ Pamela Jahn

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