Jede Generation hat ihre Genies

Jan Harlan, 1937 in Karlsruhe geboren, war über Jahrzehnte hinweg als Executive Producer Stanley Kubricks rechte Hand und privat sein Schwager. Seit Kubricks Tod im Jahr 1999 verwaltet er nun den Nachlass des genialen Regisseurs. Jan Harlan wird bei der Wiener Retrospektive zu Gast sein und sich den Fragen des Publikums stellen.

 

Bei der großen Stanley-Kubrick-Werkschau im Wiener Gartenbaukino sind Sie Ehrengast. Alle Filme Kubricks für Warner Bros. werden auf ausdrücklichen Wunsch des Kubrick-Estate nicht mehr analog, sondern in neuen digitalen Restaurierungen gezeigt. „Spartacus“ und „2001: Odyssee im Weltraum“ gelangen allerdings in altehrwürdigen 70mm-Kopien zur Aufführung. Was meinen Sie, wie hätte Stanley Kubrick zur Digitalisierung seiner Filme gestanden?
Digitalisierung gab es zu seiner Zeit eigentlich noch gar nicht. Es fing so gerade an mit DVDs. Natürlich war das ein Fortschritt im Gegensatz zur VHS. Und natürlich hat er das begrüßt. Er wäre sehr begeistert gewesen von den neuen Flatscreens und Blu-rays. Er hat sich immer für moderne Technik interessiert. Die hat ja aber nichts zu tun mit dem Inhalt. Die Substanz von Film ist davon nicht berührt. Ich sehe lieber einen alten, guten, verkratzten Film, als einen modernen, schlechten, der technisch brillant ist. Das Wichtigste ist, was darin ausgesagt wird und ob ich zufrieden aus dem Kino gehe.

Was erwarten Sie sich von der Kubrick-Retro im Gartenbaukino?
Ein interessiertes Publikum, wie immer bei einer Retrospektive.

Viele Filme Kubricks sind Langzeiterfolge, die durch Mundpropaganda des Publikums im kommerziellen wie künstlerischen Zuspruch wuchsen und noch immer wachsen. Auch manch verständnislose Kritik konnte seinem Werk nicht schaden wie zum Beispiel bei „2001: Odyssee im Weltraum“, das zuerst als „Hollywood-Amateurfilm mit religiösem Hintergrund“ bezeichnet wurde, doch inzwischen längst weltweit in Umfragen über die besten Filme aller Zeiten ganz vorne liegt.
2001
ist ein rein philosophischer Film. Die Verbeugung vor dem Unbekannten. Filmkritiker hinken oft hinterher und sind befangen, wenn was Neues kommt und jemand am Gitter rüttelt. „Pushing the envelope“, sagen die Amerikaner. Bei ihnen muss alles so sein, wie man es erwartet, jedenfalls bei vielen Leuten aus der Branche. Ein Beispiel aus der Historie: 1813 schrieb einer der namhaftesten Musikkritiker zur Uraufführung von Beethovens 7. Sinfonie, die ja ein gewaltiges Crescendo hat, am nächsten Tag in der Zeitung: Das größte Verdienst von Herrn Beethoven sei ohne Frage gewesen, die Musik auch Schwerhörigen zugänglich gemacht zu haben. Er kam sich dabei wohl maßlos witzig vor. Und genau so verhielt es sich anfangs auch bei der Rezeption eines neuen Films von Stanley.

Als sein Nachlassverwalter haben Sie unter anderen mit Buchpublikationen über das nicht-realisierte „Napoleon“-Projekt oder „2001: Odyssee im Weltraum“ sein Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Werden neue Bände erscheinen?
Von „2001“ sind alle 1500 Bände der Luxusedition mittlerweile vergriffen. So müssen Neuinteressierte inzwischen auf die Paberback-Ausgabe zugreifen. Die ist nicht so schwer und somit praktischer. Wir bemühen uns sehr um ein Buch zu Shining und auch zu Dr. Strangelove. Ich habe bereits die Rechte von Sony dafür.

Meine Favoriten sind „2001“, „Uhrwerk Orange“, „Barry Lyndon“ und „Wege zum Ruhm“, doch ich muss sagen, dass mir auch „The Shining“, je häufiger ich ihn sehe, immer besser gefällt. Es ist nicht nur ein formal hervorragend gemachter Horrorfilm, sondern darin steckt auch ein großes Familiendrama. Was war Kubricks eigener Favorit?
Stanleys größte Leistung, wie er es selbst gesehen hat, war sein finales Epos Eyes Wide Shut. Er hat 30 Jahre lang daran gearbeitet. Bereits 1969 hatte ich ihm die Rechte für Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ besorgt.

Teilen Sie diese Auffassung?
Ich teile diese Auffassung, verstehe auch, warum er es so empfand. Es war der weitaus schwierigste Film, auch fürs Publikum. Die meisten kapieren ihn nicht. Das ist ein richtiges Problem. Wenn man ihn nur einmal sieht und mag ihn nicht, dann geht man auch nicht ein zweites Mal rein. Dabei ist es so wichtig, dass man den Film ein zweites Mal sieht. Die Ausnahmen sind die mediterranen Länder; da war er ja enorm erfolgreich. Eyes Wide Shut war ein riesiger Erfolg in Frankreich, Spanien, Portugal, Italien und Japan, aber in Deutschland, Amerika, England lief er miserabel. Da habe ich mit einem Ihrer Kollegen gesprochen in Rom. Der sagte, es wäre ganz klar warum: „Es hat mit dem Katholizismus zu tun!“ Ich fragte perplex: „Wieso?“ Er entgegnete: „Wir behandeln das Thema Sex, Eifersucht und Lust, während ihr dumme Witze darüber macht.“ Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich bin kein Psychologe. Ich zitiere lediglich einen journalistischen Psychologen. Auch aus Japan bekam ich damals eine Mail vom dortigen Boss von Warner Brothers: Der Film wäre ein riesiger Erfolg, und Paare verlassen das Kino und halten dabei die Hände. Eyes Wide Shut ist offensichtlich etwas Besonderes in Japan.

Hatte Stanley Kubrick über seine Verehrung von Arthur Schnitzler und die filmische Adaption der "Traumnovelle", die er ja ins heutige New York verlegte, einen (anderen) Wien-Bezug beziehungsweise ein Faible für Österreich?
Nein. Was ihn faszinierte, war die Allgemeingültigkeit, weniger Wien und auch nicht die Zeit, in der die Novelle geschrieben wurde. Es war von Anfang an New York und die Gegenwart, denn das Thema Eifersucht und sexuelle Phantasien ist global und immer gültig – das Thema ist ja nicht überholt. Kubrick hat 30 Jahre lang immer wieder überlegt, wie man diese so intime Geschichte auf die Leinwand bringen kann. Schließlich ist es ihm gelungen, seiner Meinung nach. Kritiker, die sich das um 10 Uhr morgens ansehen mussten, um dann für die Abendzeitung eine Kritik zu schreiben, waren meist total überfordert. Kubrick selbst hielt Eyes Wide Shut, da kann ich mich nur wiederholen, für seinen größten Beitrag zur Filmkunst.

Er hat mit vielen Schauspielergrößen zusammengearbeitet. Gab es auch welche, die er bewunderte und mit denen es nicht zustande kam?
Oskar Werner, den er seit Entscheidung vor Morgengrauen verehrte, wäre 1969 in der Titelrolle eine wunderbare Möglichkeit für Napoleon gewesen, leider wurde der Film nicht realisiert.

Kubricks Tod vor fast 17 Jahren hat eine große Lücke hinterlassen. Er wurde nur 70 Jahre alt. Es wird nie wieder einen Regisseur geben wie ihn. Sehen Sie aber doch jemanden, der in seine Fußstapfen treten könnte? Was halten Sie vom mittlerweile auch über 70-jährigen Terrence Malick, der auch einen ganz ausgeprägten audiovisuellen Inszenierungsstil hat?
Tree of Life
mochte ich sehr. To the Wonder und Knight of Cups muss ich noch sehen. Jede Generation hat große Komponisten, große Maler, große Filmemacher – die sind nur anders und werden auch nicht immer gleich erkannt. Ingmar Bergman wurde seinerzeit völlig abgelehnt. Inzwischen weiß man, wer Ingmar Bergman ist. Die französischen Impressionisten waren nicht erfolgreich. Inzwischen zahlen Sie 25 Millionen Euro für ein Original aus dieser Zeit. Sehr gut an neuen Filmen hat mir Pawel Pawlikowskis Ida über eine Nonne im Nachkriegs-Polen gefallen – und auch die Tragikomödie Force Majeure von Ruben Östlund.

Kubrick war Ihr Schwager, und Sie haben über 30 Jahre intensiv mit ihm zusammengearbeitet. Waren Sie ihm, als Sie ihm zum ersten Mal begegneten, gleich nah?
Er war der Mann meiner Schwester. Ich war noch so jung, 17 oder 18, und interessierte mich für meine eigene Arbeit und was ich daraus machen wollte. Mein erster Gedanke war: „Meine Schwester heiratet einen Amerikaner! Good Luck!“ Erst als ich dann selbst in Amerika lebte, habe ich ihn richtig gut kennengelernt. Besonders ab 1964, wo er in seiner Wohnung mit Schriftsteller und Ko-Drehbuchautor Arthur C. Clarke an 2001 werkelte. Ich hatte gar nicht daran gedacht, mit ihm zusammenzuarbeiten, empfahl ihm aber als Musikliebhaber, als er etwas Großes für den Auftakt suchte, eine Karajan-Schallplatten-Einspielung von „Also sprach Zarathustra“, die er auch tatsächlich verwendete. Ich ging dann wieder nach Europa zurück und heiratete. 1969 kontaktierte er mich und fragte, ob wir zusammen nach Rumänien gehen wollten zur Location-Suche. Ich ließ mich dann von meiner Firma beurlauben und suchte für ihn Archive auf. Ich habe beruflich immer Betriebsplanung gemacht und so auch das Organisieren für Stanley übernommen. Ich habe nichts damit zu tun, was Sie auf der Leinwand sehen.

Kubrick arbeitete sehr methodisch und langsam, konnte auch deswegen viele Projekte nicht realisieren. Neben „Napoleon“ und einer Zusammenarbeit mit Isaac B. Singer über ein Holocaust-Thema, das nicht zustande kam, wurde auch aus der Verfilmung von Louis Begleys  Roman „Wartime Lies“, die „Aryan Papers“ heißen sollte, nichts. Immerhin konnte Steven Spielberg sein Projekt „A. I. - Künstliche Intelligenz“ 2001 postum vollenden. War da aber nicht auch einmal eine große Wikinger-Saga, die ihn interessiert hatte?
Richtig. Das war 1978 „Eric Brighteyes“ (zu Deutsch „Eric Hellauge“, jetzt endlich wieder in deutscher Übersetzung beim Verlag Die Tintenschmiede erschienen, Anm. d. Verf.). Es gab noch kein Drehbuch geschweige denn eine Besetzungsliste. Wir haben zusammen einfach darüber phantasiert und ich habe Henry Rider Haggarrds 1890 erschienenen Roman sogar für Stanley gekürzt.

Was hat Kubrick daran so fasziniert?
Haggard, der seinen größten Erfolg mit „She“ hatte, lieferte mit „Eric Brighteyes“, wirklich eine inspirierende Geschichte ab: Es geht um einen Mann und zwei Frauen im Jahr 1000, kurz vor der Christianisierung, in Island. Die eine Frau ist gut und liebt ihn. Die andere ist eine blonde Hexe – und liebt ihn auch. Der Schluss des Films wäre eine riesige Oper geworden. Die gute Frau ist schon tot. Es kommt zu einer riesigen Schlacht. Eric Brighteyes fällt. Die böse Hexe, bei der die Liebe doch größer ist als alles andere, nimmt ihn auf ihr Schiff und zündet es an. Und es verbrennt, wie in der „Götterdämmerung“, alles. Das hätte wohl in seiner typisch untypischen Weise einen grandiosen Kubrick-Film ergeben!



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Interview ~ Marc Hairapetian

Stanley Kubrick. Eine Werkschau
30. September bis 18. Oktober, Gartenbaukino, Wien

www.gartenbaukino.at

Termine mit Jan Harlan:

2.10., 15 Uhr: STANLEY KUBRICK: A LIFE IN PICTURES
Im Anschluss an den Dokumentarfilm von Jan Harlan gibt es ein ausführliches Bühnengespräch. Eintritt frei!

2.10., 18.30 Uhr: 2001 – A SPACE ODYSSEY
Einführung und Gespräch mit Jan Harlan

3.10., 18 Uhr: THE SHINING (European Cut)
Einführung und Gespräch mit Produzent Jan Harlan

3.10., 20.45 Uhr: EYES WIDE SHUT
Einführung und Gespräch mit Produzent Jan Harlan

4.10., 18 Uhr: FULL METAL JACKET
Einführung und Gespräch mit Produzent Jan Harlan

4.10., 20.45 Uhr: A CLOCKWORK ORANGE
Einführung und Gespräch mit Produzent Jan Harlan



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