John Wayne und die Gehörlosen

Anlässlich der Ukrainischen Kinotage in Wien: ein Gespräch mit Myroslaw Slaboschpyzkyj über seinen aufsehenerregenden Film „The Tribe“.

 

Der 1974 in Kiew geborene ukrainische Regisseur und Drehbuchautor Myroslaw Slaboschpyzkyj, ausgebildet am Kiev State Institute of Theatre and Arts, gewann 2012 für seinen Kurzfilm Nuclear Waste den Silbernen Leoparden beim Locarno Film Festival . Sein Spielfilmdebüt The Tribe (Plemya) gewann 2014 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes den Grand Prix Nespresso in der Sémaine de la Critique und war in der Folge bei über hundert Festivals weltweit zu sehen, so auch bei der Viennale 2014. Insgesamt erhielt der Film bzw. der Regisseur mehr als 40 Preise und Auszeichnungen.

Der gehörlose Sergej kommt in ein Internat für Behinderte, in dem eine brutale Gang herrscht und der Neuling sich seinen Platz in der Hierarchie erst erkämpfen muss. Als er mit Anja, der Geliebten des Anführers, eine Affäre beginnt, wird er zur Persona non grata, und sein Leben gerät in Gefahr. Der Film, in dem nur mit Gebärdensprache kommuniziert wird, ist aus einer Serie von Plansequenzen komponiert und besticht durch ästhetischen Eigensinn, ohne sich in Formalismus zu erschöpfen. Im Gegenteil: Gerade durch die Kargheit der visuellen Komposition erhalten die Bilder eine kreatürliche Urkraft, wie man sie im Kino selten erlebt.

Ist das ukrainische Wort „hluchyj“ (taub) eine korrekte Bezeichnung für Ihre Protagonisten, oder wäre „gehörlos“ oder „wenig hörend“ passender?
Nein, taub bzw. gehörlos – das ist okay. Taubstumm darf man nicht sagen, taub schon. Es gibt da unterschiedliche Abstufungen, es gibt ja auch taub gewordene Menschen. Es ist aber ein korrekter Begriff.

Wie sind Sie auf dieses Thema und die Idee gekommen, einen Film über Gehörlose zu machen? Sie haben ja zuvor auch einen Kurzfilm über Gehörlose gedreht.
Ich bin mir sicher dass Menschen – alle Menschen – sich nicht mit Hilfe von Worten unterhalten, sie unterhalten sich mithilfe von Emotionen, Energien und so weiter. Und ich hatte eine formalistische Idee: eine Hommage an den Stummfilm zu machen. Im Stummfilm gab es keine gesprochenen Dialoge, nur Zwischentitel und Erklärungen.

Verstehen Sie die Gebärdensprache der Gehörlosen?
Nein. Da muss man genau fragen, wo man ist, weil diese Sprache überall anders ist. In der Ukraine ist sie anders als in Deutschland, anders als in Frankreich, anders als in den USA. Und sie haben etwas Ähnliches wie Esperanto, eine internationale Gebärdensprache. Unser Film wurde auf Ukrainisch, teilweise auf Russisch gedreht – so wie die gehörlosen Menschen in der Ukraine, in Kiew sich eben unterhalten. Deshalb verstehen deutsche oder französische Gehörlose sie nicht. Diese Sprache verstehen nur die Leute von hier. Gegenüber von meiner Schule gab es damals ein Internat für Gehörlose. Ich habe gesehen, wie sie sich unterhalten, diese Erinnerung ist mir geblieben. Und nun ist es mir gelungen, meine Idee zu realisieren: zuerst mit einem kurzen Film und dann mit einem abendfüllenden.

Was zieht Sie an der Welt der Gehörlosen so an?
Nichts im Speziellen. Es gibt in diesem Film auch kaum eine soziale Botschaft. Es ist kein Film über die Probleme von „Behinderten“. Mich zieht einfach die Welt an sich an. Es ist ein etwas provokanter Film, aber ich wollte keine falsche Rücksicht nehmen. Das sind absolut normale Leute, sie kommunizieren nur eben in Gebärdensprache. Es geht hier nicht um die spezifischen Probleme der Gehörlosen. Es ist ein harter Film, dessen Struktur an Western erinnert. Sehr eigenartig gefilmt, provokant, mit gehörlosen Schauspielern. Der Film ist nicht speziell für Gehörlose gemacht, sondern für Hörende und Nichthörende. Für uns alle.

Können Sie sich in die Rolle eines Gehörlosen versetzen oder können Sie sich vorstellen, was absolute Stille ist?
Wie gesagt, das habe ich mir nicht als Aufgabe gestellt. Ich habe die Gehörlosigkeit nicht erforscht. Ich wollte zeigen, wie das ist, wenn, wie man so schön sagt, „alles im Arsch“ ist. Das habe ich in meinem Film dargestellt. Hätte ich das Ziel, zu zeigen, was Gehörlosigkeit ist, würde ich mich damit beschäftigen.

Es ist ein Film über harte Verhältnisse in einer Schule für Gehörlose. Er basiert natürlich auf Erzählungen gehörloser Menschen, ich hatte nach dem Kurzfilm gute Beziehungen zu der Community. Das ist eine ziemlich hermetische Gesellschaft, da gibt es eine Barriere zwischen uns, den Menschen, die hören, und jenen, die nicht hören. Das ist aber auch deren Problem. Wir hatten einmal einen Runden Tisch mit einem Journalisten, der fragte, warum das Problem der Gehörlosen, der soziale Aspekt, nicht aufgearbeitet wird. Die Gehörlosen beziehen Sozialhilfe und haben einen Ausweis. Bei jedem anderen Menschen können Sie ein Interview per Telefon machen, Sie brauchen keine Helfer. Bei gehörlosen Menschen brauchen Sie einen Mediator, der Sie zusammenbringt. Deshalb ist es eine Welt, die ziemlich geschlossen ist. Die Gehörlosen vertrauen kaum jemandem, der nicht aus ihrer Welt stammt. Das war die Hürde, die ich überwinden musste.

Warum haben die Gehörlosen Ihnen vertraut?
Ich glaube, weil ich ehrlich mit ihnen war. Sie haben mich gekannt, weil ich mit ihnen bei dem Kurzfilm Taub (Glukhota) gearbeitet hatte. Der Film wurde bei der Berlinale gezeigt. Dann sind wir zurückgekommen, und die Premiere in der Ukraine fand im Kulturzentrum für Gehörlose statt. Das war eine geschlossene Veranstaltung, wir waren dort, das Drehteam, aber sonst nur die Gehörlosen, die uns eingeladen haben und die Leitung der Gemeinde. Sie waren die ersten, die den Film nach der Berlinale beurteilten. Wir hatten sehr viele Gespräche, natürlich mit Hilfe von Dolmetschern. Sie haben den Film gut angenommen. Also vielleicht deshalb.

Können Sie sich mit einem der Protagonisten von „The Tribe“ identifizieren?
Na ja, als Regisseur dreht man sein ganzes Leben einen Film über sich selbst. Ich bin viel älter als die Protagonisten, daher ist es schwierig, sich zu identifizieren. Als ich in der Schule war, gab es auch harte Verhältnisse, vielleicht nicht so eine schlimme gegenseitige Schinderei wie in dem Film, eher das, was man im Englischen „bullying“ nennt. Aber es gab auch bei uns Prügeleien auf der Toilette

Haben Sie selber daran teilgenommen?
Ja, musste ich manchmal. Als ich den Film in den USA vorstellte, im Museum of Modern Art in New York, hat mich jemand gefragt: Warum sind bei Ihnen die Kids so kriminell, und warum haben sie keine Waffen? Ich sagte, bei uns sind Waffen verboten. Man kann sie nicht so leicht bekommen wie in den USA. Die Amerikaner waren erstaunt, dass man Waffen nicht besitzen darf. In amerikanischen Schulen sind die Kids teilweise bewaffnet. Vielleicht gibt es das auch bei uns. In der Schule hatte ich keine Erfahrungen mit Waffen. Ich weiß nicht, wie es jetzt aussieht.

Die Szenen mit den Prügeleien sind sehr lang und machen mehr Angst als eine kurze Szene mit Waffen.
Wir haben versucht, es mehr oder weniger realistisch zu machen. Hätten wir Waffen gehabt, hätte es anders ausgesehen. Es war aber nicht so. Dabei liebe ich Schießereien: wenn man an die Filme von John Woo denkt, wo die Schießereien so phantastisch schön gemacht sind …

Man hat das Gefühl, dass die Protagonisten nicht „wir“ sind. Man kann sich mit niemandem identifizieren. Es ist eine geschlossene Gesellschaft, und man sieht den Film wie ein Außenstehender mit einer distanzierten Sichtweise. Sind Sie damit einverstanden?
Natürlich sind die nicht wie Sie und ich. Das ist klar, auch vom Alter her. Ich glaube, es hat mit der Wahrnehmung zu tun. Der Film wurde tatsächlich wie eine Beobachtung gemacht, bewusst voyeuristisch. Das ist nichts Neues, das machen viele Regisseure. Es ist auf eine semi-dokumentarische Art und Weise, die ich liebe, gemacht, und so entsteht dieses Gefühl der Distanz. Der Film ist nicht auf die amerikanische Art und Weise gemacht, wo du dich mit dem Protagonisten identifizierst und mit dem Helden mitfühlst. Aber gleichzeitig ist er wie ein amerikanischer Western konstruiert: eine kleine Stadt im wilden Westen. John Wayne kommt in die Stadt geritten. Es gibt Banditen. John Wayne verliebt sich in das Mädchen des Anführers. Piff paff, und er reitet bei Sonnenuntergang weg. Das ist Western, das ist Klassik. Ich gebe zu, es gibt in The Tribe keine positiven Helden. Aber die Kamera folgt der Hauptfigur.

Er führt uns durch die sogenannten Kreise der Hölle ...
Im Prinzip sollten wir mit dem Helden mitleiden und Empathie empfinden. Obwohl er kein moralisches Vorbild ist. Er begeht keine ganz schlimmen Taten, aber er ist kein moralisches Vorbild. Ich denke, der Krieg in der Ukraine und diese Ereignisse haben gezeigt, dass das ein sehr menschliches Verhalten ist. Wenn man in eine ganz bestimmte Umgebung und Milieu kommt, hat man nur ein Ziel – sich anzupassen und zu überleben.

Andererseits: Wäre er nicht ein Teil des „Stammes“ geworden, wäre die Liebe nicht in sein Leben getreten.
Ja, genau. Die Liebe verändert ihn, sie verändert die Situation. Es gibt so eine Deutung des Titels The Tribe, die gefällt mir. Das ist eine vorchristliche Welt ist, weil der Stamm die Heiden sind.

Wie sehr sehen Sie den „Stamm“ als Modell der Gesellschaft?
Sie sind eine Bande. Der Staat ist auch nach diesem Prinzip gebildet. Etwas modifiziert, aber doch ähnlich. Es gibt unterschiedliche Stufen der Monstrosität. Es gibt Bedingungen, die für einen Menschen geeignet sind, und andere gar nicht. Und wenn in diese vorchristliche Welt die Liebe eintritt ... Die erste Liebe ist immer mit Sex und Hormonen verbunden, das ist so im Teenager-Alter. Mit 17 spricht man über nichts anderes. Und auch, wenn die Liebe hier etwas rau aussieht, es ist trotzdem Liebe.

Wie haben die Dialoge im Drehbuch ausgeschaut?
Genauso wie in jedem anderen Drehbuch. Ich habe die Dialoge geschrieben, und sie haben sie in der Gebärdensprache gesprochen. Wenn es uns nicht deutlich genug war, das ist ein paar Mal passiert, haben wir gebeten, ob man diesen Satz oder diese Phrase mit anderen Gebärden sprechen könnte. Sie spielen einfach den Text, der geschrieben wurde.

Gab es sonstige Schwierigkeiten mit der Sprache?
Ja. Absolut gehörlose, von Geburt an gehörlose Menschen verwenden die Gebärdensprache. Sie haben das Alphabet, aber sie verwenden das Alphabet, um irgendwelchen Begriffe und Bezeichnungen auszusprechen, zum Beispiel die Commerzbank oder ich heiße so und so. Für alles andere: Tisch, Liebe, Regen gibt es eine bestimmte Hieroglyphe, ein Zeichen. Die Sprache ist anders aufgebaut als zum Beispiel Russisch. Ich weiß nicht, wie Deutsch funktioniert, aber wenn sie einen Brief schreiben, sieht es so aus: Ich zu dir kommen wollen morgen. Das Objekt wird mit dem Prädikat nicht abgestimmt. Es gibt Schwierigkeiten bei den Deklinationen und mit den Fällen. An der Universität schreiben die meisten Gehörlosen so wie ich auf Englisch.

Die Kamera bewegt sich wenig, kommt den Jugendlichen niemals zu nah. Ist das so, um die Distanz zu halten?
Ja, das ist eine dokumentarische Herangehensweise. Mein Kameramann Valik Vasyanovych ist Kameramann von der Ausbildung her, aber auch Regisseur. Er hat mehrere wunderbare Dokumentarfilme gedreht. Der Film wurde so gedreht, dass es keine „reverse angles“ gibt, keine Veränderung des „point of view“. Es soll auf die Zuschauer so wirken, dass es einen Mann mit der Kamera gibt, der den Figuren mit der Kamera folgt, der sich dem Mann nähert, der geschlagen wird, der den Berg herunter läuft usw. Es sind technisch schwierig gemachte Bilder, und es wurde lange gedreht.

Wie viele Kameras hattet ihr?
Wir hatten nur eine Kamera und einen Standpunkt, und der Punkt veränderte sich nicht. Die Kamera bewegte sich hinter dem Helden, drehte sich um ihre Achse, lief den Berg hinunter.

Wie war das Budget des Films?
Das wissen die Produzenten besser. Bei uns ist alles noch immer billiger, verglichen mit Europa. Wir haben noch ein bisschen Inflation mitbekommen, weil wir das Geld in nationaler Währung bekommen haben. Wegen der Revolution und des Krieges begannen die Kurse stark zu schwanken.

Kann man das politische System, das, was jetzt passiert, den Krieg, ein wenig mit dem „Tribe“ vergleichen?
Ich habe das Drehbuch 2012 geschrieben, kein Mensch in Kiew hätte sich vorstellen können, dass es Maidan geben wird. Niemand, inklusive mir. Ich begann den Film zu drehen, das war vor Maidan oder parallel mit Maidan, und wir haben den Film beendet, als Putin die Krim okkupiert hat. Die Dreharbeiten haben ein halbes Jahr gedauert. Alle haben natürlich den Film als eine Metapher der Revolution und des Krieges verstanden. In einem bestimmten Sinne ist dies ja auch eine Hymne an den Aufstand. Aber als ich den Film drehte, hatte ich keine politische Botschaft, ich musste die künstlerischen Aufgaben lösen. Leo Tolstoj hat in seinen Büchern auch die Revolution nicht vorausgeahnt. Aber viele halten diesen Film für eine Metapher der Revolution.

Waren Sie selber am Maidan?
Ich war einige Male dort, aber ich war kein aktiver Teilnehmer der Revolution. Viele meiner Schauspieler waren dort, und ich hatte Angst, dass jemand erschossen wird und ich den Film nicht fertig drehen kann. Einer aus unserer Crew arbeitete dort mit der Kamera, bevor es zu den heftigen Unruhen kam. Als ich dort war, war es noch ungefährlich.

Die Szene mit der Abtreibung ist extrem lang und schwer anzuschauen. Was wollten Sie damit erreichen?
Das ist eine absolut reale Abtreibung, von der mir eine Frau erzählte, die sie auf diese Art und Weise gemacht hat. Sie hat mir davon erzählt, und ich habe mich entschlossen, sie zu verwenden, weil ich das niemals so gesehen habe und mir niemals hätte vorstellen können, das es so sein kann. Bevor wir diese Szene filmten, bereiteten wir uns eine Woche lang vor. Wir haben uns an die beste Geburtenklinik von Kiew gewandt, und der Chef-Gynäkologe weiß, wie man eine Abtreibung macht. Wir hatten einen weiblichen Gummirumpf, mit den Geschlechtsorganen, mit der Gebärmutter, ein Modell, an dem Medizinstudenten üben. Das ist wie eine Schaufensterpuppe, nur ohne Hände und Kopf. Während der Dreharbeiten saß der Arzt bei mir am Monitor und schaute zu, damit es gut und echt aussieht. Wir hatten vorher einige Proben, und ich habe ihm erzählt, wie die Abtreibung aussehen soll. In dieser Szene wurde alles richtig gemacht. Es wird ein Uterusdilatator eingeführt, dann eine Kürettage gemacht, wie es sich gehört. Das benötigt sehr viel Zeit. Ich bin sehr stolz auf diese Szene.

Die Abtreibung war absolut ungefährlich und untraumatisch, und wissen Sie, ich fühle mich da wie ein Magier, der auf der Bühne eine Frau durchsägt und in Wirklichkeit passiert nichts Schlimmes. Die Abtreibung macht einen sehr großen Eindruck auf die Zuschauer. Dabei ist das eine Szene, die im Prinzip nicht bedrohlich ist. Das war wie Zauberei, aber es sieht so realistisch aus, dass viele Zuschauer während der Szene ohnmächtig geworden sind.

Was ist notwendig, um den „Stamm“ zu verlassen? Was und wie kann ein gehörloser Mensch sich äußern, den man in dieser harten Welt nicht hört?
Man kann davon weglaufen, man kann dagegen aufstehen. Es gibt zwei Methoden. Das Mädchen hat die Wahl, und sie trifft eine Entscheidung. Sie wird den Stamm verlassen und nach Italien gehen. Es gibt diesen Ausweg, aber was aus ihr wird, ist eine andere Frage.

Viele Menschen aus der Ukraine gehen ins Ausland.
Es ist sehr realistisch, weil viele Menschen von hier wegfahren. Der eine nach Deutschland, um dort Ausbildung zu bekommen, der andere nach Frankreich, weil es dort unterschiedliche Möglichkeiten gibt. Ausbildung ist ein sehr starker Faktor. Wenn man jung ist, kann man heiraten und dort bleiben. Für Anja ist es natürlich keine Option, da geht es nicht um Ausbildung, aus naheliegenden Gründen. Sie wird dort wohl Prostituierte. Warum Italien? Weil die meisten Ukrainer in Italien und Spanien sind.

Würden Sie gerne im Ausland arbeiten wollen?
Ich arbeite mit dem Ausland, ich habe jetzt einen deutschen Produzenten

Ich meine, in Hollywood ...

Ich werde durch eine große amerikanische Agentur, CAA, vertreten, die auch Spielberg vertritt. Das alles passierte, nachdem der Film in den USA in den Verleih kam. Wir haben in den USA einige Preise bekommen, ich habe einen Agenten, und ich habe einen Manager in Hollywood, das sind zwei verschiedene Menschen. Ich bekomme Drehbücher und habe ab und zu Skype-Konferenzen mit Produzenten, mit Executives von großen und kleineren Studios. Ich bin, was das betrifft, ganz ruhig, die Welt ist sehr klein. Von Kiew nach Berlin zu kommen, geht viel schneller, als hier in der Rushhour von einem Ende der Stadt zum anderen. Für die USA braucht man mehr Zeit. Es ist ein bisschen komplizierter, man hat Jetlag.

„The Tribe“ war bei sehr vielen Filmfestivals...
Der Film wurde bei rund hundert Festivals gezeigt. Ich war nicht bei vielen. Es gab mehr als 40 Preise. Aber überall wo ich das Glück hatte zu sein, war sehr schön. Ich war in San Sebastian, Karlovy Vary, zweimal in Locarno. Dort war ich auch in der Kurzfilm-Jury. Zehn Tage lebte ich im bezahlten Hotel gegenüber dem Lago Maggiore. Für meine Karriere und den Film am wichtigsten war aber natürlich das Filmfestival in Cannes. Das ist wie die Weltmeisterschaft des Kinos, und die Teilnahme dort war sehr wichtig für das weitere Schicksal des Films.

Ich war auch in Amerika, zum ersten Mal, und das gleich in Los Angeles. Dort, wo die ganzen Stars sind. Um 6 Uhr in der Früh beginnt der Rock’n’ Roll, die Doppelgänger der Stars sind auch schon da. Ich hatte einen schrecklichen Jetlag, bei zehn Stunden Zeitunterschied. Ich hatte das Gefühl, dass ich in einen Film hineinkomme, den ich früher schon gesehen habe. Das Filmfestival von Mailand war auch wunderbar. Es wird von jungen Burschen gemacht, und es gibt sehr viel junges Publikum. Es ist sehr pulsierend und cool. Auch das BFI in London war wunderbar, ich bekam einen Preis, und das gerade am Tag, als ich 40 wurde.

Alexander Sokurov sagt, das Kino sei eine totalitäre Kunst und der Kontrolle des Autors untergeordnet. Sind Sie damit einverstanden?
Zum Glück oder zum Unglück gibt es im Kino diverse Faktoren, die sich günstig oder ungünstig gestalten können. Ob der Film gelingen wird oder nicht, hängt letztlich aber doch vom Regisseur ab. Ja, die ganze Verantwortung liegt beim Regisseur. Ich unterschreibe das.

Wie sah die Situation mit der Oscar-Nominierung der Ukraine für Sie aus? Ich habe die Geschichte ein wenig verfolgt, aber es war sehr tricky.
In Wirklichkeit ist es sehr einfach. Es existierte eine selbst ernannte Organisation, ein ukrainisches Komitee, das fünf Jahre lang die Filme für den Fremdsprachen-Oscar nominiert hat. Es war sehr schwierig, da reinzukommen. Zwei Menschen haben ihre Stimmen vergeben für Filme, für die sie Geld bekommen haben – ein typsisches Beispiel der ukrainischen Korruption. Es war kurz nach der Revolution. Danach hat sich unser Regiverband eingemischt, es gab eine Initiativgruppe. Schließlich wurde dieses Komitee liquidiert, das gibt es jetzt nicht mehr.

Wurde dieser Korruptionsfall bewiesen?
In der Ukraine ist niemand für etwas verantwortlich. Das ist unsere nationale Besonderheit. Im nächsten Jahr wird es ein neues Komitee geben, und sie werden den Film auswählen. Das Komitee wurde demokratisch gewählt. Natürlich wird das The Tribe nicht mehr helfen. Aber eine solche Situationen wird es nicht mehr geben. Vielleicht haben die ja mein Leben ruiniert, das weiß ich noch nicht, das werden wir später sehen. Aber das ist so eine Geschichte.

Sie mögen Lars von Trier sehr. Gibt es ukrainische oder russische Filmemacher, die Sie mögen?
Natürlich. Es gab und es gibt wunderbare Regisseure. Ich mochte Leviathan von Andrey Zvyagintsev sehr. Bakur Bakuradze ist ein interessanter Regisseur. Man darf niemanden vergessen. Sigarev ist sehr interessant, z.B. The Land of Oz, auch Alexei Popogrebsky, How I Ended This Summer. ‪In der Ukraine sind das Volodymyr Tykhyy und Valentyn Vasyanovych.

Und Sergej Loznitsa?
Ich bin mit ihm befreundet, und wir treffen uns immer, wenn sich eine Möglichkeit ergibt. Und natürlich muss man sich unbedingt an Kira Muratova erinnern. Sie hat in der sowjetischen Zeit begonnen, sie ist eine sehr ernsthafte Meisterin. Es gibt eine verrückte Idee des Produzenten Denis Ivanov, drei Geschichten über Odessa zu machen. Kira Muratova, Loznitsa und ich. Also wenn das passiert, werde ich sehr glücklich sein.

Und wer hat Sie am meisten beeinflusst?
Ulrich Seidl hatte auf mich einen großen Einfluss. Er ist einer der Regisseure, dessen Schaffen ich seit langem verfolge.

Wurde „Im Keller“ schon in Kiew gezeigt?
Ich bin ein sehr beschäftigter Mensch, nicht mondän und salonfähig. Ich führe kein sehr öffentliches Leben. Aber ich habe seinen Film gesehen. Seidl ist bei uns sehr beliebt.

Welche Pläne haben Sie jetzt?
Ich bereite mich jetzt auf die Dreharbeiten von Luxemburg vor. Das ist der Arbeitstitel. Es ist eine Ko-Produktion zwischen Frankreich, Norwegen, Deutschland, Holland und der Ukraine. Sehr viele Länder und ein sehr kleines Budget. Und es gibt noch sehr viel Bürokratie zu erledigen.

Wo wird der Film gedreht?
In Tschernobyl. Ich habe für dieses Projekt den Global Filmmaking Award beim Sundance Filmfestival bekommen und auch den Arte International Prize für das „vielversprechendste Projekt“. Es gab schon sehr viele komische Situationen, wegen des Titels.

Warum?
Wenn Sie nach Tschernobyl kommen, sagt man Ihnen, dass das Territorium der Sperrzone dem Territorium des Großherzogtums Luxemburg entspricht. Es hat die gleiche Größe. Es gibt Grenzen in der Tschernobyl-Zone, die bewacht werden. Natürlich kamen alle möglichen Produzenten aus Luxemburg zu uns, weil sie wissen wollten, was das für ein Film sein soll, „Luxemburg“. Dieses Missverständnis hat sich dann in Berlin geklärt, und sie haben ein Abendessen veranstaltet, wo wir uns trafen, um einfach darüber zu sprechen und uns über dieses Missverständnis lustig zu machen.

Eine persönliche Frage zu Ihrem unaussprechlichen Familiennamen. Ist er polnisch oder ukrainisch?
Das ist die mütterliche Linie. Sie können sich die Ukraine geografisch vorstellen?

Ich stamme selber aus Lviv.
Ach, ich lebte meine ersten acht Jahre in Lviv. Dort lebten meine Großeltern, das war von 1974 bis 1982. Meine Großeltern waren aus dem Kiewer Gebiet, also keine Galizier. Mein Großvater blieb nach dem Krieg und arbeitete bei der Flugeinheit in Sknyliv. Er war bei Militär, ist dann in die Pension gegangen. Der Familienname ist witzig und unaussprechlich, alle machen sich lustig darüber. Das gilt auch zum Beispiel für Sylnoschpyzkyj (Anm: im Ukrainischen heißt sylno stark und slabo schwach). Niemand kann es aussprechen.

Ja, dazu kommt die Transkription in diversen Sprachen ...
Viele fragen mich bei Festivals: Wie spricht man Ihren Namen aus? Man trainiert es, aber man stottert öfters. Zuletzt hat Präsident Poroschenko anlässlich der Premiere bei meinem Familiennamen gestottert. Ich dachte immer, ich habe einen polnischen Familiennamen, ich kam nach Warschau, um den Film vorzustellen, und die Polen sagen, was hast du für einen Familiennamen? Und ich sage, der ist doch polnisch, und sie sagen, diese Buchstabenverbindung ist völlig uncharakteristisch für die polnische Sprache. Also ist er wohl doch ukrainisch.



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Interview ~ Ruslana Berndl

Plemya / The Tribe (Ukraine 2014)


Regie Myroslaw Slaboschpyzkyj
Mit
Grigorij Fesenko, Jana Nowikowa,
Rosa Babij, Alexander Dsjadewitsch

Länge
130 min, Ukrainische Gebärdensprache

Der Film (ab 18 Jahren!) ist am 15. November um 19.30 Uhr bei den Ukrainischen Kinotagen in der Wiener Urania zu sehen.

Tickets und Info www.facebook.com/events/145041052517798/



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