Kino der intensiven Gefühle

Der Wettbewerb in Cannes bewegt sich dieses Jahr auf erfreulich hohem Niveau.

 

Erleichterung macht sich breit. Es ist Halbzeit in Cannes, mittlerweile scheint die Sonne und im Nachsinnen über die Filme der letzten Tage macht sich die Gewissheit breit, dass sich der diesjährige Wettbewerb durchaus sehen lassen kann, von Woody Allens lauwarmer Dreißiger-Jahre-Komödie Café Society (außer Konkurrenz), mit der das Festival in diesem Jahr offiziell eröffnet wurde, bis hin zu Paterson von Jim Jarmusch, der Samstag Abend den Großteil der Kritiker beglückte. Adam Driver spielt darin einen verträumten Busfahrer, der nicht nur so heißt, wie die Stadt, in der er lebt und aufgewachsen ist, sondern der sich obendrein als Poet versucht, was bis auf seine künstlerisch überengagierten Frau Laura (Golshifteh Farahani) jedoch bisher niemand weiß. Denn Paterson ist nicht der Typ, der mit seinem Talent hausieren geht. Er bevorzugt die Routine, das Schreiben im Stillen, kurz vor der Schicht, sowie die Abende in der Bar um die Ecke, wo er halt macht, wenn er mit Lauras Mops Marvin Gassi geht. Exzellent gespielt von Adam Driver in der Hauptrolle, braucht es nicht lang, bis man spürt, dass es sich bei Paterson um Jarmuschs eindringlichste Charakterstudie seit Broken Flowers (2005) handelt, und mehr noch: um seinen bisher persönlichsten Film. Die Lyrik (in Handschrift auf die Leinwand gekritzelt) stammt von dem amerikanischen Poeten William Carlos Williams, der ebenfalls in der Fabrikstadt in New Jersey aufgewachsen war, und es sind vor allem seine Worte, gepaart mit dem einzigartigen Gespür des Regisseurs für die flüchtigen Momente im Leben, die dem Film seine wunderbare träumerische Melancholie verleihen. Am Ende bleibt Paterson dennoch ganz und gar Jarmuschs Film, der eines Kinopoeten, dem es immer wieder gelingt, zu überraschen und noch den simpelsten Prämissen eine Originalität abzugewinnen, die so anziehend ist wie famos.

Ähnlich überzeugend, wenn auch fester im Hier und Jetzt verankert als Jarmuschs Film war Cristi Puius Sieranevada, dem der undankbare erste Slot im Wettbewerb zugeteilt wurde. Undankbar deshalb, weil die Filme, die ganz am Anfang laufen, üblicherweise weniger gute Chancen auf einen Preis am Ende haben. Puiu darf sich dennoch Hoffnungen machen, von der Internationalen Jury berücksichtigt zu werden, denn sein dreistündiges, bis auf wenige Längen überzeugendes Familiendrama besticht durch seine clevere Komposition und die wunderbare Natürlichkeit der zahlreichen Figuren, die sich darin bewegen. Die Verwandtschaft ist zusammengekommen, um dem Tod von Larys (Mimu Branescu) Vater zu gedenken, doch das Aufeinandertreffen der verschiedenen Egos und Generationen in einer kleinen Bukarester Wohnung sorgt zunächst für allerlei Aufregung und Diskussionen. Denn der Priester verspätet sich, und so füllt man die Zeit bis zum gemeinsamen Essen mit Konflikten und Konversationen, die den Familienfrieden stören, von Beziehungskrisen über erschütterte Vater-Sohn-Beziehungen bis hin zu Terrorpanik, Zukunftsangst und Glorifizierung der Vergangenheit, die sich mit Momenten der Unbeschwertheit und Heiterkeit abwechseln, je nachdem, wer gerade das sagen hat. Doch bei allen Zänkereien und noch so kleinen und großen Zerwürfnissen, die sich an jenem Nachmittag ergeben, behält Puiu stets die Oberhand, wenn es darum geht, seine mitunter exzentrischen Charaktere über die Dauer des Films im Zaum sowie das Publikum bei Laune zu halten, so dass man, wenn endlich das Essen serviert wird, das Gefühl hat, bestens bedient worden zu sein.

Wenn sich im bisherigen Programm ein Trend beharrlich zeigt, dann der, dass die meisten Filme noch immer sehr lang sind, obwohl die wenigsten es tatsächlich nötig hätten. Die vielleicht größte Enttäuschung in der Hinsicht war der allzu ausschweifende Roadmovie American Honey der Britin Andrea Arnold, die in zweidreiviertel lähmenden Stunden einen wild zusammengewürfelten Haufen amerikanischer Teenager quer durch die USA begleitet. In etwa der gleichen Zeit (164 Minuten, um genau zu sein) ist es dagegen ihrer deutschen Kollegin Maren Ade gelungen, mit einer tragischen Komödie der besonderen Art die Herzen und Kritikerstimmen von Cannes zu erobern. Aber Toni Erdmann ist mehr als das, was man einen Überraschungserfolg nennt. Seit sieben Jahren der erste deutsche Film im Wettbewerb, beweist Ade darin erneut, dass sie zu den ganz großen Talenten des deutschen Kinos zählt. Wie schon in Alle anderen (2009), für den sie mit dem Jurypreis der Berlinale ausgezeichnet wurde, wählt Ade in ihrer verqueren Tragikomödie eine Paarkonstellation aus, um ein kluges und bewegendes Diagramm unserer Zeit zu entwickeln. Ähnlich wie Gitti und Chris, die damals in ihrer selbstemanzipierten, manchmal komischen und manchmal nervigen Art um ihre Beziehung kämpften, boxt sich nun Vater Winfried (Peter Simonischek) in das Leben seiner Tochter Ines (Sandra Hüller), um sie schmerzlich daran zu erinnern, dass Karriere nicht alles ist. Der Film lebt von dem perfekten Spiel seiner hervorragenden Hauptdarsteller, doch vor allem in zwei Szenen, die nicht verraten werden sollen, machen sich die beiden schließlich mit einer bedingungslosen Intensität ans Werk, dass es einem ganz warm wird ums Herz. Bleibt zu hoffen, dass die Jury eine derartige Meisterleistung von Regisseurin und Schauspielern entsprechend zu würdigen weiß.



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