Kollektivalptraum

Weltraum-Panik, Rote Angst und Kalter-Krieg-Paranoia: Der Science-Fiction-Serienklassiker „The Twilight Zone“ reflektiert den amerikanischen Zeitgeist der 50er und 60er Jahre. Endlich auf DVD.

 

Nordamerika 1959. Ein Atomkrieg mit der Sowjetunion als Folge des Kalten Krieges ist nicht ausgeschlossen. Der Weltraum ist neues Frontier und Surrogat für den Wilden Westen. Der Sputnikschock sitzt noch tief. Der Mond scheint greifbar nahe, doch bevor ihn die Amerikaner erklimmen, werden noch zehn Jahre vergehen. Es wird von fliegenden Untertassen berichtet und der vermeintlichen Landung von extraterrestrischen Lebensformen. Das Fernsehen entwickelt sich zu einem Massenmedium und im Kino werden Science-Fiction-Filme wie The Day the Earth Stood Still (1951), The War of the Worlds (1953), Invasion of the Body Snatchers (1956) und Forbidden Planet (1956) gezeigt. Alfred Hitchcock hat seine eigene Mystery-Serie. Gleichzeitig werden moralisierende heile Welt-Formate wie Leave It to Beaver (1957-1963) und Lassie (1954-1971) produziert. Vor diesem Hintergrund entsteht nun eine der einflussreichsten Serien im US-amerikanischen Fernsehen, die im Verlauf von fünf Staffeln zwischen 1959 und 1964 all diese Elemente vereinen wird: The Twilight Zone.
„There is a fith dimension, beyond that which is known to man. It is a dimension as vast as space and as timeless as infinity. It is the middle ground between light and shadow, between science and superstition and it lies between the pit of man‘s fears and summit of his knowledge. This is the dimension of imagination. It is an area we call … The Twilight Zone.“ Mit diesen Worten und seiner charismatischen Stimme leitete Creator Rod Serling die hypnotische Titelmusik von Bernard Herrmann ein, um im Anschluss off-screen in die Handlung einzuführen. Am Ende jeder Episode folgt der obligatorische Moral-Epilog, ein Markenzeichen der Serie.
Im Kern des Golden Age of Television standen Anthologie-Formate – das Quality-TV seiner Zeit sozusagen – und Twilight Zone war eine der letzten dieser Art mit in sich abgeschlossenen 25-minütigen schwarz-weißen Episoden. Rod Serling hatte sich mit sogenannten „TV-Plays“ für Playhouse 90 und Kraft Television Theater einen Namen gemacht, doch weil ihn die Zensurauflagen der Sponsoren zu sehr in seiner Freiheit beschnitten, beschloss er seine eigene Serie zu kreieren, die berühmt wurde für ihre ironischen, bisweilen düsteren Science-Fiction- und Fantastik-Twists.

Von Atombomben und Vorstadtidylle

In der ersten Folge „Where is Everybody?“ erwacht ein Pilot in einer menschenleeren Kleinstadt. Er kann sich nicht daran erinnern, wer er ist. Ist er in einem Luzidtraum gefangen? Ist er der letzte Mann auf Erden? In „Elegy“ landen drei Astronauten 655 Millionen Meilen von der Erde entfernt auf einem Friedhof für Träume. „Third from the Sun“ erzählt die Geschichte zweier Familien, die mit Hilfe eines Raumschiffs einem bevorstehenden Atomkrieg entfliehen wollen. „16 Millimeter Shrine“ ist eine Hommage an Sunset Boulevard (1950), während die Schlusspointe in „I Shot an Arrow into the Air“ neun Jahre später Rod Serlings Drehbuchadaption von Pierre Boulles Planet of the Apes – eine Parabel auf die Dummheit der Menschen – inspirierte.
Die Charaktere kehren nicht wieder, doch die Motive kreisen immer wieder um die Unerträglichkeit der Einsamkeit, die Flucht aus der Realität, den Selbstzerstörungstrieb der Menschheit und die Unausweichlichkeit des Todes. Die Schicksale sind mannigfaltig und die kafkaesken Situationen, in denen sich die Protagonisten wieder finden, appellieren an das Ende der Dichotomie von Realität und Fiktion. Sie stolpern in Zeitlöcher, unternehmen Reisen ins Weltall oder verlieren sich in Träumen. Die Irritation der Identität der Helden führt dabei nicht selten bis zu ihrer völligen Auflösung. Das Prinzip ist immer das Gleiche: Serling etabliert eine vertraute Welt und setzt seine Protagonisten dann einem Alptraum aus. Er spielt mit der Angst, etwas nicht in seiner Ganzheit erkennen zu können. Außerdem versteht er es wie seine liberal gesinnten Autorenkollegen, unter dem Deckmantel unterhaltsamer Science-Fiction eine moralische, politische oder sozialkritische Botschaft zu deponieren und den Zuseher in seinem Menschsein zu verunsichern. Ein gutes Beispiel ist die prominente Folge „The Monsters are Due on Maple Street“, welche die finsteren Abgründe einer Vorstadtidylle bloß legt und in ihrem Meta-Text ein zynisches Sozialexperiment vor dem Hintergrund antikommunistischer Hysterie darstellt. In der Moral der Geschichte offenbart sich das Wesen der Serie: Phänomene wie Kriege und Gesinnungen wie Vorurteile beschränken sich nicht auf die Twilight Zone.
Von der kleinsten baumreichen Vorstadtwelt über Mond- und Marslandungen bis hin zu nuklearer Paranoia: die Twilight Zone ist ein Stück Americana und gehört zur amerikanischen Kultur wie der obligatorische Sternenbanner vor die Haustüre. Sie führt ohne Umschweife direkt in die Minen des amerikanischen Mindset dieser Zeit. Hier sind gute alte Werte am Werk, doch gleichzeitig ist sich der sechsfache Emmy-Gewinner Serling der Verletzlichkeit dieser propagierten Ideale und der Scheinheiligkeit seiner Gesellschaft bewusst. Er selbst war von 1943 bis 1946 Fallschirmspringer an der Pazifikküste gewesen und verarbeitete diese Erfahrungen in seinen Drehbüchern. Die Twilight Zone ist Spiegelbild und Korrektiv mit moralischem Imperativ. Zudem schwebt die Angst vor einem atomaren Kollateralschaden über der gesamten Serie.

Poet und Moralist

Die Eigentümlichkeit der Show lag nicht nur an den spektakulären Pointen, sondern auch an den brillant geschriebenen Drehbüchern, der Etablierung eigenständiger Welten, einer Riege talentierter Schauspieler wie Jack Warden, Martin Landau, Burgess Meredith und Jack Klugman (in späteren Staffeln u.a. auch Robert Redford, William Shatner und Dennis Hopper) und die Zeit überdauernden, universal gültigen Themen. Zugegeben, nicht jede Episode ist eine Meisterleistung. An so mancher Stelle wird einem die Moral auch dann plump oktroyiert, wenn man die Botschaft schon längst verstanden hat; einige Episoden erinnern an Theaterinszenierungen und die Skripts haben redundante Züge. Doch weil es in der Twilight Zone keine allgemein gültigen Gesetze gibt, wird auch belohnt, wer glaubt, längst alle Mechanismen durchschaut zu haben.
Rod Serling kam aus der „Ray Bradbury Schule“. Bradbury war das literarische Genie hinter „Fahrenheit 451“ und „The Martian Chronicles“. Daher rührt auch die für Twilight Zone charakteristische fantastische Poesie. So wie Bradbury – der den Showrunner immer wieder des Plagiats bezichtigte - hatte Serling einen aufrichtigen, seelenvollen und lyrischen Schreibstil, einen philosophischen Blick, den ein Hauch von Nostalgie für „small-town America“ prägte. Er erzählte die Geschichten von kleinen Leuten, liebenswerten Verlierern und Jedermännern. Zudem war Serling kein Purist. Er verband Science-Fiction mit Fantastik-, Mystik- und Horrorelementen. So ebnete Twilight Zone den Weg für Projekte wie The Outer Limits (1963/64), Star Trek (1966-1969) oder X-Files (1993-2002), doch war die Serie mit einem mehrheitlich weißen, männlich dominierten Cast noch stark in den 50er Jahren verankert. In nur fünf von sechsunddreißig Episoden der ersten Staffel spielt eine Frau die Hauptrolle. Wenn sie nicht gerade unscheinbar daneben stehen, haben die weiblichen Kollegen entweder den Verstand verloren, spielen ein falsches Spiel oder verkörpern heimelige Liebessklavinnen, sprich: erliegen dem Pygmalionmythos (mit der interessanten Ausnahme „The After Hours“). Einen revolutionären Schritt setzte Serling allerdings 1960 mit der Episode „The Big Tall Wish“ und einer überwiegend schwarzen Besetzung.
Die Mehrheit der Drehbücher (92 von insgesamt 156 Episoden) schrieb Serling selbst, doch adaptierte er gut und gerne Kurzgeschichten von damals bereits etablierten Autoren wie Richard Matheson („I Am Legend“, „The Incredible Shrinking Man“), Charles Beaumont und George Clayton Johnson, die zum festen Bestandteil seines Teams wurden und Originaldrehbücher für die Serie beisteuerten. Serling umgab sich mit namhaften Regisseuren, Kameramann George T. Clemens sowie erfolgreichen Filmkomponisten wie Franz Waxman (Sunset Boulevard) und Jerry Goldsmith (The Omen). Kultstatus erreichte das heute legendäre, dissonante Titelmotiv von Marius Constant, doch eröffnete die erste Staffel noch eine Komposition von Bernard Herrmann, dem Haus- und Hofkomponisten Alfred Hitchcocks, der akustische Standards für das Thrillergenre setzte (kreischend: die Streicher in Psycho) und für einige Episoden klaustrophobische, unheimliche und emotionale Momente kreierte.

Alle Zeit der Welt (Spoiler-Warnung)

Mr. Henry Bemis, verkörpert von Burgess Meredith (bekannt als Trainer von Rocky und Pinguin in der ersten Batman-Serie), ist ein lesewütiger kleiner Bankbeamter mit Hornbrille und geschätzten fünfzig Dioptrien. Mr. Henry Bemis wünscht sich nichts sehnlicher als Zeit für seine Bücher. Doch weil seine Ehefrau, sein Chef und eine „Welt voller Zungenschnalzer“ die Leserei für eine Torheit halten, verschanzt er sich in den Mittagspausen im Tresorraum seiner Bank – um zu lesen. Eines Tages, während er im Safe seiner Leidenschaft frönt, wird seine Stadt und womöglich die gesamte Welt in einem Atomkrieg zerstört. Einsam und verlassen taumelt er über die postapokalyptischen Bruchteile seiner kläglichen Existenz, als Mr. Henry Bemis plötzlich die Trümmer der öffentlichen Bücherei entdeckt. Shelley, Shakespeare, Shaw! Bücher, Bücher, all die Bücher, die er immer wollte. Bücher, soweit das Auge reicht. Endlich hat er einen Ozean an Zeit und niemand wird ihn davon abhalten, so denkt er: „there‘s time now...there‘s all the time I need and all the time I want. Time, time, time. There‘s time enough at last”. Im nächsten Augenblick stolpert er und verliert seine Brille, die am Boden zerbricht. „It‘s not fair. That‘s not fair at all” sinkt er zusammen, während die Kamera sich langsam und teilnahmslos zurückzieht.
Es ist gut möglich, dass „Time Enough At Last“ sowohl die bekannteste als auch die bösartigste Episode ist, die das Zwielicht dieser Welt je erblickte. Unsere Herzen werden mitsamt der erzählten Welt in Atomstaub zermalmt, weil das Schicksal von Mr. Henry Bemis uns – auf die simpelste Art und Weise – kompromisslos vor Augen führt, wie ungerecht das Leben sein kann. Sie zeigt aber auch sehr schön, dass in der Twilight Zone Happy Endings auch für integre Menschen keine Selbstverständlichkeit sind. Im Gegenteil: Serling zertrampelt jeden Hoffnungsschimmer.

Mehr Dinge zwischen Himmel und Erde

In den USA wird The Twilight Zone zu Recht als ein bahnbrechendes TV-Ereignis gehandelt, während in unseren Breitengraden kaum jemand von dieser Serie gehört hat. Deshalb wird an dieser Stelle nachdrücklich und mit äußerster Vehemenz empfohlen, diese Kluft „zwischen den Fallgruben unserer Furcht und den lichten Gipfeln unseres Wissens” für immer zu schließen.
Über fünfzig Jahre nach Erstausstrahlung im amerikanischen und deutschen Fernsehen (ab 1961 unter den Titeln Unwahrscheinliche Geschichten bzw. Geschichten, die nicht zu erklären sind) ist die erste Staffel samt exorbitantem Bonusmaterial erstmalig im deutschen Sprachraum bei Koch Media erschienen. Sowohl der von Steven Spielberg und John Landis produzierte Spielfilm Twilight Zone: The Movie (1983) als auch die Neuauflagen der Serie in den 1980ern und im Jahr 2002 waren entbehrliche Versuche, dem Original Tribut zu zollen.
Am Ende der Episode „The Last Flight” schlussfolgert Rod Serling mit ein wenig abgeänderten Worten Hamlets: „There are more things in heaven and earth and in the sky than perhaps can be dreamt of.“ Es gibt demnach mehr Dinge zwischen Himmel, Erde und Wolken, als wir uns träumen lassen - in der Twilight Zone.



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The Twilight Zone (Staffel 1, 6 DVDs, USA 1959-1960)


Creator Rod Serling
Regie
John Brahm, Douglas Heyes,
Buzz Kulik, Lamont Johnson u.v.a.
Drehbuch
Rod Serling, Charles Beaumont,

Richard Matheson, George Clayton Johnson u.v.a.
Kamera
George T. Clemens, Joseph LaShelle,
Harkness Smith, Harry J. Wild
Musik
Bernard Herrmann, Jerry Goldsmith,
Leonard Rosenman, Franz Waxman u.v.a.
Mit
Rod Serling (Erzähler), Jack Klugman,
Burgess Meredith, Jack Warden, Martin Landau,
Ed Wynn, Ida Lupino u.v.a

Bonus
36 Audiokommentare und episodenbezogene Audiointerviews, Isolierte Musikspuren mit Musik von Bernard Herrmann, Jerry Goldsmith, Franz Waxmann und anderen, Radio-Hörspielversionen einzelner Episoden, Originalversion der Pilotfolge „Where is Everybody?”, Interviews mit den Darstellern Dana Dillaway, Suzanne Lloyd, Beverly Garland, Ron Masak und Kameramann George T. Clemens, Ausschnitte der “Emmy-Awards”-Verleihung, Deutscher Originalvorspann
Gesamtlänge
892 Minuten
Koch Media

 

 



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