Lido Blog - Abschluss

Am Ende gab es kaum Überraschungen. Fast alle Favoriten der internationalen Kritik wie des Publikums der 71. Mostra wurden am Samstagabend bei der feierlichen Preisverleihung in der Sala Grande ausgezeichnet. Der Goldene Löwe für den besten Film ging an Roy Anderssons skurril-poetischen Episodenfilm A Pigeon Sat on A Branch Reflecting on Existence mit seinen tiefenscharfen, detailreich choreografierten Tableaux vivants. Am Freitag hatte der russische Altmeister Andrei Konchalovsky mit dem vorletzten Wettbewerbsfilm noch einen Paukenschlag gesetzt. Der frühere Drehbuchautor von Tarkowskij (Andrej Rubljow) und spätere Hollywoodregisseur (Tango & Cash) lieferte mit The Postman’s White Nights einen der innovativsten Filme des Festivals ab. Darin widmet er sich den armen Bewohnern eines abgelegenen Dorfs am Kenozero-See im hohen Norden Russlands, die sich in dieser dokumentarischen Inszenierung alle selbst spielen.

Der wie aus dem Nichts aufgetauchte türkische Nachwuchsfilmer Kaan Müjdeci bekam für sein Hundekampfdrama Sivas den Spezialpreis der Jury, die Würdigung eines neuen Talents im Weltkino. Für viele war Joshua Oppenheimers erschütternder Dokumentarfilm The Look of Silence der beste Beitrag im Wettbewerb. Darin widmet er sich, wie schon in The Act of Killing, den Massakern in Indonesien 1965 und 1966, diesmal nicht aus der Täter-, sondern aus der Opferperspektive. Dass er dafür schließlich den Großen Preis der Jury erhielt, ging wohl deren Mitglied Tim Roth nicht weit genug: Dieser trat unvorhergesehen ans Mikro und nannte den Film, sichtlich bewegt „ein Meisterwerk“. Wobei es von vornherein unwahrscheinlich war, dass nach dem vergangenen Jahr erneut eine dokumentarische Arbeit den Hauptpreis bekommen würde – zumal bei einem Jurypräsidenten wie dem Filmkomponisten Alexandre Desplat.

Desplat und Kollegen verteilten die Auszeichnungen zwischen den Generationen: Vom gerade mal 16 Jahre alten Romain Paul, der in Alix Delaportes schlichtem, aber sehr berührendem Familiendrama Le dernier coup de marteau einen Sohn auf der Suche nach seinem Vater spielt und dafür den Nachwuchspreis erhielt, bis zu den beiden Altmeistern Andersson, 71, und Konchalovsky, 77. Mit ihren Preisen hat die Jury sich klar für die Filmkunst positioniert, „mainstreamigere“ Beiträge wie Alejandro González Inárritus Eröffnungsfilm Birdman mit einem exzellenten Michael Keaton in der Titelrolle, Ramin Bahranis Immobilienspekulations-Drama 99 Homes oder Fatih Akins Drama The Cut über den Völkermord an den Armeniern gingen ebenso leer aus wie das von Ulrich Seidl produzierte Horrordrama Ich seh Ich seh seiner Frau Veronika Franz und seines Neffen Severin Fiala, das in der Reihe Orizzonti gelaufen war.

Umstrittener waren die Entscheidungen, die Coppa Volpi für die beste Schauspielerin bzw. den besten Schauspieler an Alba Rohrwacher bzw. Adam Driver zu vergeben, beide für den italienischen Beitrag Hungry Hearts (Regie: Saverio Costanzo) über den Kampf eines binationalen Ehepaars in New York um die Ernährung ihres ersten Babys. Dies wurde Samstagabend im Pressezentrum mit etlichen Buhrufen kommentiert.

Kurzresümee: Die 71. Ausgabe der Mostra war ein solider Jahrgang ohne große Ausreißer nach oben und unten, jedenfalls im Wettbewerb. Aber das Festival wird sich verstärkt der großen Herausforderung des Bedeutungsverlusts stellen müssen. Noch nie in jüngerer Zeit waren die Vorführungen so schlecht besucht, kaum ein Gala-Screening war ausverkauft. Vielleicht ist der seit langem geplante Filmmarkt die Lösung, gegenüber dem teilweise zeitgleich stattfindenden Festival in Toronto wieder an Anziehungskraft zu gewinnen. Die Restaurierung des Darsena-Saals für rund zehn Millionen Euro ist ein erster Schritt in dieser Richtung.



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