Ich habe kaum Zeit, mir Filme anzuschauen

Christian Dörfler, der Betreiber des Wiener Haydn-Kinos, erklärt, warum er persönlich die Leute nach der Vorstellung nach ihrer Meinung fragt, warum Raubkopieren ein Krebsgeschwür ist, und warum „Street Dance 2“ in seinem Kino nicht funktioniert.

 

Das English Cinema Haydn in der Mariahilferstraße ist eines der ältesten noch existierenden Kinos in Wien. Nach einem aufwändigen Umbau, bei dem unter Einsatz aller Kräfte der Spielbetrieb aufrecht erhalten werden konnte, erstrahlt das nunmehrige Viersaalkino im sanft renovierten alten Glanz, ausgerüstet mit der neuesten digitalen 3D-Technologie. Bei den Bauarbeiten wurden hinter einer Wand zwei bestens erhaltene Luftschutzwarthelme gefunden, ein düsterer Beleg für die wechselvolle Geschichte des Hauses, das 1914 als eine der ersten Stahlbetonkonstruktionen erbaut wurde. Anfangs als Theater konzipiert, wurden gegen Ende des Ersten Weltkriegs Lustbarkeiten verboten, und bei der Wiedereröffnung nach dem Krieg setzte man auf das noch in den Kinderschuhen steckende Medium Film.

Als der Tonfilm aufkam, wollte die damalige Besitzerin nicht in eine sterbende Jahrmarktattraktion investieren – so wurde das Kino damals von vielen gesehen – und verkaufte den Betrieb an die jüdische Familie Honig. 1938 wurde das Kino arisiert, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs diente der Saal als großer Luftschutzbunker. Otto Honig, der einzige Überlebende der weit verzweigten Familie, erhielt das Kino zurück, allerdings lebte er in der Schweiz, wo er die Tante von Herbert Dörfler, dem langjährigen Leiter des Haydnkinos kennen lernte, die dort als Krankenschwester arbeitete. Seit 1955 ist der Betrieb in der Hand der Familie Dörfler. Derzeit leitet Christian Dörfler die Geschicke des Familienunternehmens in dritter Generation. Die Firma heißt zu Ehren des ehemaligen Besitzers noch immer Otto Honig GmbH, seit 1995 werden ausschließlich englischsprachige Filme in der Originalfassung gezeigt.


Wie war es für Sie, in einer Kinofamilie groß zu werden?
Als Kind habe ich das schon intensiv miterlebt. Es war auf jeden Fall etwas Besonderes, obwohl ich zum Glück nicht im Kinosaal im Keller aufgewachsen bin. Aber der Job des Vaters ist etwas, was ein Kind sowieso immer auch beschäftigt. Meine Freunde haben mich auf jeden Fall beneidet, dass ich gratis ins Kino gehen konnte. Man kann aber nicht sagen, dass es mich jetzt so intensiv geprägt hätte. Den Satz „Ich war schon immer ein Kind des Kinos“ könnte ich nicht unterschreiben. Meine Interessen lagen dann auch eher im Wirtschaftsbereich. Nach dem WU-Studium habe ich elf Jahre lang in der Wirtschaftskammer an den Vorbereitungen zum EU-Beitritt Österreichs mitgearbeitet, dann bin ich für sechs Jahre in die Tourismusberatung gewechselt, bevor ich mich selbständig gemacht habe. Doch schließlich kam die unvermeidliche Frage meines Vaters, ob ich den Betrieb übernehmen wolle oder nicht. Ich wollte aber auf keinen Fall eine Parallelchefsituation vorfinden, ich habe in unzähligen Tourismusbetrieben gesehen, dass so etwas nicht funktioniert, dass sich die Leute gegenseitig aufreiben durch ständige Kompetenzstreitereien. Mein Vater war dann Gott sei Dank so einsichtig, dass er zugestimmt hat, dass wir einen klaren Schnitt machen und ich nach seinem Rückzug sofort allein verantwortlich sein würde.

(Aus dem Kinosaal kommt gerade eine angeregt plaudernde Schülergruppe. Herr Dörfler steht auf und begrüßt die Lehrer und die Kinder.)

Sind Schulvorstellungen einen geeignetes Marketingtool, um die zukünftigen zahlenden Kunden ans Kino zu binden?
Prinzipiell freuen wir uns über jede Schulklasse, die im Rahmen des Englischunterrichts bei uns Filme anschaut. Wir bieten auch gemeinsam mit dem Bildungsministerium ein Produkt an, das sich „Kino zum Anfassen“ nennt, bei dem kompetente Mitarbeiter den Kindern die Kinotechnik erklären. Das heißt, wir zeigen ihnen die Projektoren und die ganze technische Ausrüstung, und sie können Fragen stellen. Das Thema 3D interessiert die Kids ganz besonders, sie sehen eine 3D-Animation, und wir erklären, so gut wir eben können, wie 3D funktioniert, warum man mit den Brillen räumlich sieht. Den größeren Kindern bringen wir auch gerne den Unterschied zwischen analogem und digitalem Schnitt näher, die sind meist begeistert davon, Filmmaterial angreifen zu können. Insgesamt wird dieses Angebot sehr gerne angenommen. Die Kinder sind ja wirklich hoffentlich die Kinofans der Zukunft, da kommen dann auch Fragen zum Thema Raubkopie: Was darf ich im Internet sehen? Wie gehe ich überhaupt mit Medien um, all das wird mitbehandelt.

Wie stehen Sie zur andauernden Debatte um Raubkopien von Filmen oder Musik im Netz?
Raubkopien herzustellen und ins Internet zu stellen, ist aus meiner Sicht Diebstahl, genauso, wie wenn ich aus einem Kaufhaus einen Mantel stehle, ich sehe absolut keinen Unterschied. Außer dem, dass es im einen Fall gesellschaftlicher Konsens ist, dass man das nicht tut, und es im anderen Fall zwei unterschiedliche Denkrichtungen gibt. Wieso eine doch recht große Anzahl von Menschen es als okay empfindet, geschützte Inhalte illegal zu verbreiten oder downzuloaden, kann ich nicht nachvollziehen. Ich verstehe schon, dass es angenehm, einfach und billig bzw. gratis ist, aber den Leuten muss klar werden, dass nichts mehr produziert werden kann, wenn die Menschen, die viel Kreativität und Geld für die Produktion einsetzen, keines zurückbekommen. In Wirklichkeit würde sich dieses System des Gratiskonsums irgendwann selber abschaffen. Wie bei einem Krebsgeschwür: Sobald der Wirtskörper stirbt, ist das auch das Ende des Parasiten. Das geht nur solange gut, als eine kritische Menge nicht überschritten wird. Sobald die Einkünfte nicht mehr groß genug sind, dass die mit erhalten werden können, die nicht bereit sind zu zahlen, stürzt das System ab.

Sehen sie eine Lösung für dieses immer dringender werdende Problem?
Ich bin kein Jurist, aber technisch gesehen wäre es ganz einfach, die bekannten Seiten mit Raubkopien oder den Zugang zu ihnen zu sperren. Wenn man die relativ schnell sperren würde, wäre dieses Geschäftsmodell – denn die Betreiber solcher Sites sind beinharte Geschäftemacher, da ist nichts Romantisches, Robin-Hood-Mäßiges dran – nicht mehr länger interessant. Das hat ja nichts mit der Freiheit des Internet zu tun, sondern ist ein Missbrauch des Internet für illegale Geschäfte. Ich halte aber nichts davon, dass man den einzelnen kleinen User mühsam aufspürt und ihn dann mit 10 Euro bestraft, das wird nichts bringen. Wenn man den Leuten aber auf dem Bildschirm zu verstehen gibt, du bist auf einer illegalen Seite, wenn du noch einmal hier vorbeischaust, wird dir ein Monat dein Account gesperrt, ist das eine faire Lösung: Der Einzelne wird vorher gewarnt, es hat es selbst in der Hand, weiter illegal downzuloaden oder eben nicht. Und wenn er nicht aufhört, zieht das Konsequenzen nach sich, die ihm strafrechtlich in keiner Weise schaden, die ihn aber am weiteren Gesetzesbruch hindern.

Hat dieser Themenkomplex auch Konsequenzen für das Kino?
Unsere Auslastung ist zwar gut, aber man kann nicht sagen, wie die Zahlen wären, gäbe es keine illegalen Downloads. In Wirklichkeit bewegen wir uns als Kino in einem sehr breiten Konkurrenzumfeld, das alles umfasst, was man als Entertainment bezeichnen könnte. Dazu gehört gut essen gehen genauso wie Raubkopien, Theater ebenso wie Fernreisen. Raubkopien sind ein Mosaikstein, der die Situation der Kinos in diesem Konkurrenzumfeld erschwert, aber für das Kino als Prime-Segment des Films ist dieses Problem nicht so gravierend wie für den Nachvertrieb, die DVDs oder das Fernsehen. Weil da bewege ich mich immer im selben Medium, egal ob ich mir auf meinem Bildschirm ORF, Pay TV, eine DVD oder eine Raupkopie anschaue, ich sitze immer daheim vor dem Kastl. Deshalb ist es für einen Kinobetreiber so wichtig, auf dem neuesten technischen Stand zu sein. Das war schon die Philosophie meines Vaters, und ich sehe das genau so.

Warum geht man ins Kino? Einerseits will man weggehen und natürlich den Film früher sehen. Aber ich glaube, dass auch das Ambiente des Filmgenusses eine große Rolle spielt und eben das überwältigende Erlebnis eines ausgezeichneten Bildes und Tones. Darum haben wir sehr früh digitalisiert und auf 3D gesetzt. Das sind enorme Investitionen, aber wir konnten die Preise auch anpassen, und das Publikum hat das gerne zur Kenntnis genommen, weil die Qualität auch spürbar besser geworden ist. Die Zielsetzung ist natürlich, das Kino so gut es geht auszulasten, die Mariahilferstraße ist kein billiger Standort. Das ist uns in letzter Zeit relativ gut gelungen. Wir sind so ziemlich an der Kapazitätsgrenze angelangt. Da hilft natürlich auch der neue vierte Saal, um den Gästen mehr bieten zu können und es vereinfacht auch die Programmierung.

Nach welchen Kriterien suchen Sie ihre Filme aus?
Die Programmierung ist nicht immer einfach. Es gibt natürlich kalkulierbare Publikumserfolge wie Harry Potter oder Spider-Man, diese vorhersehbaren Blockbuster bucht man sowieso. Ansonsten versuche ich mich eher der Qualität zu verschreiben, weil wir als englischsprachiges Kino klarerweise ein A-Schicht-Publikum haben. Das fängt normalerweise mit Studenten an und wird im Schnitt immer älter. Kurz gesagt: Wir setzen auf qualitativ hochwertigen Mainstream. Wir haben auf unserer Homepage auch einen Movieselektor, da wir stellen alle Filme rein, die in den nächsten drei bis vier Monaten nach Österreich kommen, und die Leute können uns ihre Favoriten mitteilen. Das hilft uns doch immer wieder, Fehlentscheidungen zu verhindern oder Filme zu zeigen, die wir sonst nicht gespielt hätten. Moonrise Kingdom wurde z.B. sehr stark angefragt, oder auch Tree of Life, der sicher kein einfacher Film ist, aber bei uns gut gelaufen ist. Da unterscheiden wir uns auch sehr stark vom synchronisierten Kino, weil auf Englisch oft andere Filme besser abschneiden. Durch die ständige Beobachtung der Zuschauerzahlen pro Kopie sehe ich sofort, wo wir liegen. Gewöhnlich sind wir über dem Durchschnitt, aber es gibt auch Gegenbeispiele wie Street Dance 2, der hat bei uns nicht funktioniert. Das ist nicht unser Zielpublikum, die 12- bis 14-Jährigen. Da gibt es nur wenige Ausnahmen wie die Twilight-Serie, die aber ein breiteres Publikum anspricht.

Für viele läuft das Geschäft weniger gut, in den letzten Jahren haben doch einige Wiener Kinos zugesperrt.
Wenn man sich die Besucherzahlen anschaut, sind sie in den letzten drei Jahren leicht zurückgegangen. Ich sehe aber nicht diesen massiven Einbruch, der begründen könnte, warum einige Kinos zugesperrt haben. Es ist ja eher eine Erfolgsstory, eine große Leistung dieser Unternehmer, dass sie so lange offen gehabt haben, weil ein Einsaalkino in einem Wiener Außenbezirk im Jahr 2012 zu betreiben ein schier aussichtsloses Unterfangen ist. Es gibt Nachteile, sei es den Standort oder die Ausstattung der Kinos betreffend, die kann man auch mit dem größten Einsatz nicht mehr wettmachen. Die Zeit dieser Kinos ist einfach vorbei. Das ist eine Marktveränderung, die sich ergeben hat und es wird sicher noch einige treffen. Ich glaube z.B, nicht, dass das Segment Sexkino, wovon es in Wien noch einige gibt, langfristig reüssieren kann.

Was schauen Sie sich eigentlich privat für Filme an?
Privat schaue ich fast keine Filme. Die meisten Filme sehe ich mir vorab in Tradeshows in Ausschnitten an, um entscheiden zu können, was unserem Publikum am ehesten gefallen könnte. In weiterer Folge schaue ich mir wirklich nur ausgewählte Produkte an, das hängt auch stark mit der mangelnden Zeit zusammen. Ich habe drei kleine Kinder zu Hause, da muss man sich dann auch entscheiden zwischen Film oder Familie, und die Entscheidung geht oft in Richtung Familie. Ich bin aber oft im Kinosaal, wenn die Vorstellung losgeht. Das ist auch etwas, das mich beglückt, möchte ich fast sagen. In diesem Job gibt es viele schöne Aspekte. Für mich ist es besonders befriedigend, wenn ich in die erwartungsvollen, gut gelaunten Gesichter in einem vollen Kinosaal schauen kann. Dann wird es finster, der Vorhang geht auf, und alle schauen hinauf zur Leinwand und freuen sich auf ein gemeinsames Erlebnis. Natürlich will ich auch sehen, ob die Technik richtig funktioniert, ob die Lautstärke passt usw. Ich gehe aber meistens nach den ersten fünf Minuten des Hauptfilms hinaus. Am Ende des Films frage ich die Gäste dann auch, wie es ihnen gefallen hat, nicht nur der Film selber, auch ihre Meinung zum Ambiente, zur technischen Qualität interessiert mich. Das ist mir wirklich ein Bedürfnis und außerdem die effizienteste Art, zu erfahren, was die Gäste wollen.

 



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Text + Interview ~ Günter Pscheider



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