Interview Robert Pattinson

In David Cronenbergs „Cosmopolis“ spielt Mädchenschwarm Robert Pattinson einen weltabgewandten Finanzjongleur. Der Jungstar im „ray“-Interview über den Mord an Paparazzi, die Abstraktion der Welt und Intuition beim Drehen.

 

Hotel de Rome, Berlin, Ende Mai. Robert Pattinson sitzt auf einem Sofa und kaut auf Zahnstochern, angesichts des sorgsam zerkleinerten Häufchens vor ihm anscheinend schon seit einiger Zeit.

Dürfen wir Ihnen vielleicht eine Zigarette oder einen Kaugummi anbieten? Oder bevorzugen Sie Zahnstocher?
Danke, ich kaue schon den ganzen Tag auf den Dingern rum.

In einer Szene verlässt Ihre Figur die Stretchlimousine, in der er sich von der Welt abschottet, und wird prompt von einem Verrückten mit einer Torte beworfen und eine Fotografenmeute hält alles fest. Hat Sie das an ihr eigenes Leben als globaler Star erinnert, der nirgendwo unerkannt sein kann?
Komischerweise habe ich in Wasser für Elefanten eine ganz ähnliche Szene gespielt. Aber sonst nicht wirklich, vielleicht im übertragenen Sinn. Keine Ahnung.

Sie mussten aber doch immer wieder Erfahrungen mit Paparazzi machen, die recht aggressiv vorgegangen sind ...
Aber so etwas musste ich zum Glück noch nicht erleben. Wenn das jemand mit mir gemacht hätte, hätte ich ihn getötet. Ich meine das ernst, ich hätte ihn buchstäblich umgebracht. Das passiert also hoffentlich nie.

Wie würden Sie Ihre Figur beschreiben?

Er ist jemand, der die gesamte Welt für eine Abstraktion hält. Alles an dieser Welt, inklusive sich selbst, seinen Körper und alle um ihn herum. Er ist ein solcher Egomane, der in seiner eigenen Wahrnehmung lebt, dass um ihn herum nichts mehr wirklich existiert. Und der Film handelt davon, wie er wieder ein bisschen in diese Welt zurückfindet – um sie dann am Ende wahrscheinlich ganz zu verlassen.

Was bleibt von dieser Figur?

Zuerst dachte ich: gar nichts. Ich musste so viel Text lernen, dass ich immer nur die Dialoge auswendig lernte, die ich für den Tag brauchte und danach habe ich sie wieder vergessen. Aber jetzt merke ich, dass ich noch das ganze Drehbuch aufsagen kann. In den unmöglichsten Momenten fallen mir Stellen daraus ein. Als ich das David Cronenberg erzählte, meinte er: ‚Es ist wie die Bibel – ein Zitat für jede Lebenssituation!’. Die Relevanz wird erst jetzt immer klarer. Der Film verfolgt mich auf eine Art, es tauchen immer wieder Bilder auf, lange nachdem ich den Film zum ersten Mal gesehen habe.

Wie erklären Sie sich das?

Ich weiß es auch nicht so genau. Als ich das Drehbuch las, hatte ich zunächst Bedenken, weil ich dachte, das könnte auch unglaublich langweilig werden, wenn man dauernd nur Gespräche in einem Auto sieht. Das Merkwürdige an dem Film ist, dass man schnell den Anschluss verliert, wenn man nicht bei der Sache ist. David hatte so viele verrückte Ideen – wo er die Kamera platzierte zum Beispiel –, die ich damals nicht verstand, die sich aber ineinander fügen und ein sinnvolles Ganzes ergeben.

Wie hat David Cronenberg Sie geführt?
Als wir anfingen, wussten wir beide nicht genau, worum es geht, wir wussten nur, dass es uns interessiert. Ich habe versucht, mich auf die Rolle vorzubereiten, aber es fühlte sich beim Filmen immer dann am besten an, wenn ich gar nicht wusste, was ich tue. David hatte ein unheimliches Gespür dafür und fand immer die Takes am besten, wenn ich nicht wusste, was ich tue.

Wie haben Sie versucht, sich vorzubereiten?

Ich habe mir Interview-Videos von Ted Bundy und Jeffrey Dahmer angesehen, den beiden Serienmördern, weil ich auf der Suche nach einer Stimme war. Kurioserweise fand ich am Ende heraus, dass Paul Giamatti sich mit genau demselben Video auf seine Rolle vorbereitet hat.

Was haben Sie von dem Film gelernt?

Darüber habe ich beim Drehen nicht nachgedacht, aber was der Film am Rande mit der Occupy-Bewegung zu tun hat, ist hochaktuell, ohne dass es uns bewusst war. Es gibt eine Szene, in der 200 Komparsen als Protestierer versuchen, unser Auto umzukippen – das war ziemlich furchterregend. Aber die wirklichen Demonstranten sehen die meisten von uns nur im Fernsehen. Und der lässt sich ja ganz einfach ausschalten und der Effekt verpufft.

Was machen Sie denn mit Ihren eigenen Millionen, die Sie mit den Twilight-Filmen verdient haben?
Nichts, ich lege sie unters Bett. Im Ernst, ich habe keine Ahnung, wie ich mein Geld anlegen soll. Für den Moment hoffe ich einfach.

Sind Sie politisch aktiv?

Nicht öffentlich. Ich mache das lieber im Stillen, auch weil ich nicht genug Ahnung habe, um mit meiner Prominenz anderen meine Meinung aufzudrücken.

Glauben Sie, dass Sie mit diesem Film Ihre Twilight-Fans für Politik und die Krise interessieren werden?

Das Interessante als der Occupy-Bewegung ist doch, dass so viele junge Menschen sich nun engagieren, ob man jetzt mit ihren Mitteln und Zielen einverstanden ist oder nicht. Unserer Generation wird doch immer vorgeworfen, wir seien völlig apathisch, weil wir an nichts glauben.



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Cosmopolis


Drama, Frankreich/Kanada/Portugal/Italien 2012
Regie David Cronenberg
Drehbuch David Cronenberg, nach dem Roman von Don DeLillo
Kamera Peter Suschitzky

Schnitt Ronald Sanders
Musik Howard Shore
Production Design Arvinder Grewal
Kostüm Denise Cronenberg

Mit Robert Pattions, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Jay Baruchel, Kevin Durand, Samantha Morton, Paul Giamatti
Verleih Einhorn Film, 108 Minuten

www.cosmopolisthefilm.com




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