Der Traum der demokratischen Medienutopie

Die 63. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, die vom 11. bis 16. Mai 2017 stattfanden, nahmen mit ihrer Themenreihe „Soziale Medien vor dem Internet“ Fokus auf die Idee, den Konsumenten von Medieninhalten auch als seinen möglichen Produzenten wahrzunehmen, ihn gar dazu zu machen.

 

Das Spannende an frühen Gedankenspielen und praktischen Unternehmungen zu Telekommunikation ist die fast durchweg utopische Vorstellung davon – in erster Linie von linken Medientheoretikern und Kreativen. Und diese sind in künstlerischen Projekten auf einer eher akademischen Ausstellung wie der documenta und auf ganz andere Art auch in Hacking- und Cracking-Versuchen einer eingeschworenen Nerdgemeinschaft im Untergrund zu finden. Basis ist eine positive Neugier gegenüber Medien, ihren Möglichkeiten und letztlich ihren Konsumenten gegenüber. Was Dziga Vertov mit den Agitprop-Zügen erlebte und Bertolt Brecht in seiner sogenannten Radiotheorie entwickelte, wurde in Oberhausen beispielsweise in A Conversation (1974, Joseph Beuys, Douglas Davis, Nam June Paik) und BBS: The Documentary. Episode 6 'HPAC (Hacking Phreaking Anarchy Cracking)' (2005, Jason Scott) erneut ins Bewusstsein gerufen: Der Traum von globaler demokratischer Kommunikation mittels Medien. Beweggründe und Ziele mögen gänzlich verschieden sein, aber eines ist allen gemein: Der Distributionsapparat muss zum Kommunikationsapparat werden (Brecht).

 

Die Hoffnung linker Medientheoretiker seit Ende er 1920er Jahre auf demokratische und partizipatorische Möglichkeiten der Medien, schlug spätestens Ende der 1960er Jahre in Proteste gegen nicht eingelöste Erwartungen, schlimmer noch, gegen entgegengesetzte Entwicklungen um. Ein Beispiel wäre hier Harun Farockis Ihre Zeitungen (1968). Aber der Traum einer demokratischen Medienutopie entwickelte völlig verschiedene Ausprägungen, spätestens seit dem Einzug des Videoformats: Radio Freies Dreyeckland (1984, Medienwerkstatt Freiburg), Piazza virtuale: 'The Documentation' (Utta C. Hoffmann, 1993), Max Headroom Broadcast Signal Intrusion (1987, Anonym) und Für Frauen – 1. Kapitel (1971, Cristina Perincioli) oder Lanesville TV News Buggy (1972, Videofreex) und Auf Sendung (1990, Kanal X). Verschiedenste Gruppierungen formierten sich, kritische, politische, gesellschaftsrelevante und neugierige Kräfte waren am Werk: Kämpfende Kollektive. Stichworte, die fielen, waren: aktive Toleranz, elektronische Demokratie, Reflexion und Kommunikation, Interaktivität, Eigeninititative, Mut.

 

Die Neugier der Konsumenten, die schon lange selbst an forderster Front zu Produzenten geworden sind, ist heute häufig einem anonymisierten Rollenspiel gewichen, in dem man in vermeintlicher Sicherheit persönliche, politische oder rassistische Hasskommentare abfeuern kann. Soziale Verantwortung, Reflexion und Offenheit im Umgang mit pseudoanonymen Kommunikationswegen, an deren Ende sich letztlich auch nur Menschen befinden, sind dringliche Themen. So wäre eine offene Diskussionskultur auf der Straße zwischen Andersdenkenden wie der in documenta der Leute: Bibel-Gespräch (1972, telewissen) heute sicherlich nicht mehr vorstellbar.

 

Die in fünf thematischen Blöcken gezeigte Reihe von Kurator Dr. Tilman Baumgärtel stellte damit alternative Medienarbeiten vor dem Internetzeitalter vor. Die Werke stammen hauptsächlich aus den Jahren um 1960 bis 1990 mit Produktionen aus Deutschland und den USA, dennoch gelingt es mit der Auswahl an Formaten, Medien und künstlerischen sowie dokumentarischen Kunstwerken eine Art filmhistorische Vorarbeit zu leisten, um heutige Entwicklungen von Facebook bis Wikileaks einzuordnen.

 

Preise

Die Preise des Internationalen Wettbewerbs gingen in diesem Jahr an Qiu (Cui Yi, China 2017), der den Großen Preis der Stadt Oberhausen erhielt. Den Hauptpreis erhielt 500,000 Pee (2016) von Chai Siris aus Thailand. Der e-flux-Preis ging an Animal Year (Zhong Su, China, 2016). Je eine Lobende Erwähnungen erhielten Tower XYZ (Ayo Akingbade, GB, 2016) und Borderhole (Amber Bemak/Nadia Granados, Mexiko 2016). Im Deutschen Wettbewerb durfte sich Ulu Braun mit Die Herberge (2017) für den Preis für den besten Beitrag des Deutschen Wettbewerbs freuen. Der 3sat-Förderpreis ging an El Manguito (Laurentia Genske, 2017) und lobende Erwähnungen gingen je an la boxe (Tim Nowitzki, 2016) und my castle your castle (Kerstin Honeit, 2017). Der Preis der Internationalen Filmkritik (FIREPSCI) ging an Zheng Pian Zhi Wai (2016) von Hao Jingban aus China.

https://www.kurzfilmtage.de

 



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