Unter Schauergestalten und Monstern

Das 70.Filmfestival in Locarno

 

Es sitzt sich gut im neuen Palacinema unweit der Piazza Grande, das mit seinen drei Kinosälen die Mehrzweckhallen mit den Plastikstühlen ein wenig ablöst. Zu seiner Jubiläumsausgabe anlässlich des 70-jährigen Bestehens hat sich Locarno mit diesem Kinopalast das denkbar schönste Geschenk bereitet und damit den hohen Stellenwert der Filmkunst am Lago Maggiore unterstrichen. Der spanische Architekt Alejandro Zaero-Polo hat das prächtige Gebäude mit goldenem Dach und eleganten Interieurs aus  einer ehemaligen Schule gezaubert.

Und damit nicht genug. Auch die verdienstvollen, großartigen Retrospektiven, für die das Festival verdient immer wieder viel Beachtung findet, lassen sich nun in noch schönerem Ambiente würdigen, wurde doch das ExRex, das diese Reihe traditionell beheimatet, komplett renoviert, an Sitzen aufgestockt und entsprechend in GranRex umgetauft.

Im internationalen Wettbewerb, in dem Festivalleiter Carlo Chatrian bestrebt ist, dem Publikum die Vielfalt des modernen Kinos nahezubringen, fanden sich in diesem Jahrgang zwar eine Reihe von Arbeiten, die visuell beeindruckten und avantgardistisch anmuteten, substanziell aber hatten viele doch wenig zu bieten. Das mag daran liegen, dass die wenigsten Regisseure überhaupt noch Geschichten erzählen. Einige Werke wirken sehr rätselhaft, so etwa auch der mit dem Regiepreis ausgezeichnete, surreale Thriller 9 Finger des Franzosen F.J. Ossang, in dem eine gescheiterte Gangsterbande auf einem Geisterschiff durch ein Niemandsland schippert. Dank kunstvoller, faszinierender Schwarzweißkompositionen zählte dieser allerdings noch zu den sehenswerteren Beiträgen.

Überhaupt stand diese Festivalausgabe ganz im Zeichen von Geistern, Dämonen, Monstern und futuristischen Schauergestalten.

Clara, eine Farbige aus einem Vorort von São Paulo, trifft der Schock mitten in der Nacht, als die schwangere Ana, eine reiche Frau der Oberklasse, in deren Dienste sie als Haushälterin getreten ist, sie zunächst verführt, um ihr hernach wie ein Vampir ins Fleisch zu beißen. Schlafwandelnd wird die angehende Mutter noch weitere schreckliche Dinge tun, bis sie an der Geburt eines Zwitters, halb Mensch, halb Tier, stirbt, der im weiteren Verlauf zu einem Werwolf heranwachsen wird. So erzählt, klingt das Szenario des brasilianischen Regie-Duos Marco Dutra und Juliana Rojas nach ziemlich starkem Tobak, aber unter geschicktem Einsatz von Genre-Elementen des Horrorfilms gelingt tatsächlich eine packende Geschichte um Grenzüberschreitungen und Metamorphosen, die en passant über Klassenunterschiede zwischen der brasilianischen Ober- und Unterschicht auch sozialkritische Töne anbringt. Wenngleich auch nichts für sensible Gemüter, gewann As Boas Maneiras (Gute Manieren) nicht unverdient den Spezialpreis der Jury für einen der künstlerisch aufregendsten Beiträge.

Wo es um Chimären zwischen Mensch und Tier geht, ist man freilich auch schnell bei Jacques Tourneur, den Locarno mit der diesjährigen Retrospektive würdigte und dessen Kino von solchen Figuren stark bevölkert ist, denkt man an Filme wie Cat People, The Leopard Man oder auch das kaum bekannte Werk Night of the Demon.

Der vielleicht ungewöhnlichsten Wandlung aber unterzieht sich Isabelle Huppert, wenn sie sich à la „Dr.Jekyll und Hyde“ ein Alter Ego zulegt. Als etwas altmodische Physiklehrerin ist sie an ihrer technischen Gesamtschule mit unflätigen, bildungsunwilligen  Rabauken überfordert, die permanent nur den Unterricht boykottieren und sie verhöhnen. Das ändert sich, als sie sich versehentlich bei einem Experiment einen schweren Stromschlag zufügt. Plötzlich durchdrungen von Energie, kann Madame Hyde ihre Schüler für Faradaysche Käfige begeistern und als ein Feuerkörper nachts ein wenig Schrecken in der Sozialsiedlung verbreiten. So lakonisch wie Bozon diese Entwicklung schildert, wirkt es auch allemal vergnüglich, wie die strengen Regeln der Physik allmählich die  nicht minder strengen Ordnungen der französischen Gesellschaft aufbrechen.

Zugegeben, einen Hauptdarstellerpreis an Isabelle Huppert zu vergeben, wirkt nicht gerade originell, lassen sich doch die vielen Auszeichnungen in dieser langen Karriere kaum noch zählen, während Johanna Wokalek, die sich in Jan Speckenbachs  deutsch-slowakischer Koproduktion Freiheit mit ihrer subtilen Darstellung einer vom Alltag und ihrem Beruf angeödeten, ihre Familie verlassende und allein in die Fremde ziehende Juristin empfahl,  für ihre filmischen Arbeiten vergleichsweise noch weniger wichtige Preise gewann. Aber visuell erscheint Huppert in ihrer Metamorphose  so einmalig, dass die Wahl für sie doch plausibel erscheint.

Besonders stark an den Erwartungen vorbei entschied die Jury unter dem Vorsitz von Olivier Assayas in ihrer Entscheidung für den besten Hauptdarsteller. Allzu sicher war man davon ausgegangen, dass diesen Preis  der 91-jährige Harry Dean Stanton gewinnen würde, der in dem  Debütfilm von John Carrol Lynch, einem unverwandten Namensvetter von David Lynch, eine dankbare Altersrolle findet. Mit sehr langen Einstellungen unspektakulärer Ereignisse in Endlosschleife bietet Lucky streckenweise zwar zähe Kost, aber wie Stanton, bekannt auch aus dem Klassiker Paris, Texas von Wim Wenders, diesen einsamen Cowboy mit seinen wiederkehrenden täglichen Verrichtungen zwischen Kreuzworträtseln, Small Talks und Kettenrauchen spielt, der eines Tages keineswegs einfach nur zusammenbricht, weil er alt geworden ist, rührt an.

Tatsächlich aber ging dieser Publikumsliebling bei der Preisverleihung völlig leer aus. Die  Jury kürte stattdessen den Dänen Elliott Crosset Hove für sein bizarres Auftreten als  gewalttätigen Arbeiter in dem Drama Winterbrüder zum besten Hauptdarsteller.

Den stärksten Beitrag  in einem insgesamt eher schwachen Wettbewerb steuerte der Rumäne Andrei Cretulescu mit seiner Groteske Charlston bei, die mit einem an Aki Kaurismäki erinnernden lakonischen Humor von zwei Männern erzählt, die um dieselbe-, bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommene Frau trauern. Der eine war ihr Ehemann, der andere ihr heimlicher Geliebter. In der lustigsten Szene besteht ein Ticketinhaber in einem Kino auf dem Platz, der ihm zusteht, obwohl sich in dem leeren, riesigen Saal außer ihm nur drei Personen befinden.

Den Goldenen Leoparden aber vergab die Jury überraschend-befremdlich an Mrs. Fang, den schwächsten von vier Dokumentarfilmen, die sich wohl mangels anderer konkurrenzfähiger Spielfilme in den Wettbewerb verirrt hatten. Abgesehen davon, dass sich fiktionale und nicht-fiktionale Produktionen schwer miteinander vergleichen lassen, zeigte sich an dieser etwas unglücklichen Selektion auch die generelle Krise im Spielfilm, die sich in diesem Jahr schon auf anderen A-Festivals abzeichnete. Jedenfalls erscheint es nahezu unverzeihlich, wie der Chinese Wang Bing mit unzumutbaren langen Einstellungen und gähnender Langsamkeit eine Alzheimerpatientin beim Sterben begleitet. So einen Film ohne einen interessanten Gedanken, eine Meta-Ebene oder eine Reflektion will selbst in einer Nebensektion niemand sehen.

 



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