Aus dem Nichts

Diane Kruger schwört Rache

 

Fatih Akin macht Filme, die aus dem Bauch kommen. Zutiefst persönliche Filme sind das, die ein Anliegen haben, die Stellung beziehen und die manchmal so impulsiv geraten, dass sie am Ende nach hinten losgehen. Das Armenien-Epos The Cut (2015) war so ein Fehlschuss, dem der Regisseur selbst jedoch bis heute loyal gegenüber steht. Denn auch das gehört für Akin zum Filmemachen dazu: Dass man zu seinen Entscheidungen steht und stets versucht, die eigenen Grenzen zu verschieben, um Stillstand zu vermeiden – ähnlich wie seine Figuren, die sich nie scheuen, auch einmal einen Schritt zu weit zu gehen, um einem Schmerz, einer Wut oder einer Sehnsucht Herr zu werden, die es zu überwinden gilt.

Aus dem Nichts reiht sich nahtlos in Akins Filmografie ein, wobei der eigentliche Verdienst diesmal weniger dem Regisseur gilt als der Schauspielerin, die den Film auf ihren schmalen Schultern trägt. Diane Kruger, die hier zum ersten Mal eine Hauptrolle in ihrer Muttersprache bewältigt, spielt Katja Sekerci, die Frau eines kurdisch-stämmigen Ex-Dealers, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr Mann Nuri (Numan Acar) und der gemeinsame Sohn Rocco bei einem Bombenanschlag getötet werden. Während die Polizei zunächst im Umkreis von Freunden und potenziellen Feinden zwischen Drogenmilieu und der Kurdischen Arbeiterpartei nach den Tätern sucht, ist Katja längst klar, dass nur eine Gruppe hinter dem feigen Attentat stecken konnte: Neonazis. Doch auch als die Schuldigen endlich gefasst und vor Gericht gestellt werden, findet die junge Witwe keine Ruhe, geschweige denn Gerechtigkeit, und so macht sie sich daran, ihrem Wunsch nach Vergeltung nachzugehen. Tatsächlich ist Kruger nicht nur die Heldin dieses Films, sie ist seine Rettung. Stark, nuanciert und selbstlos kommt die kühle Blonde in jeder Einstellung daher, auch wenn ihr Regisseur mitunter Schwierigkeiten hat, die formal in drei Kapitel unterteilte Handlung seines auf wahren Begebenheiten beruhendes NSU-Dramas sicher und stringent ins Ziel zu bringen. Für ihren beachtlichen Einsatz wurde deshalb auch nur Kruger in Cannes, wo Aus dem Nichts im Wettbewerb lief,  mit einem Preis geehrt – und das zu Recht. Trotzdem muss man es Akin zugutehalten, dass er seiner Hauptdarstellerin so viel Raum gibt, der ihr, je mehr sich das Trauerspiel zum Rachethriller zuspitzt, die Gelegenheit bietet, durch ihre vom Schmerz versteinerte Fassade hindurch zunehmend auch eine immer größere  Ambivalenz und innere Zerrissenheit zu zeigen, die sich gekonnt in einem Schluss entlädt, der so bestürzend wie konsequent ist.

 

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Drama, Deutschland 2017


Regie Fatih Akin
Drehbuch Fatih Akin, Hark Bohm 
Kamera Rainer Klausmann
Schnitt Andrew Bird
Musik Josh Homme
Production Design Tamo Kunz
Kostüm Katrin Aschendorf
Mit Diane Kruger, Denis Moschitto, Johannes Krisch, Samia
Chancrin, Numan Acar, Ulrich Tukur, Ulrich Brandhoff
Verleih Warner Bros., 106 Minuten
Kinostart 24. November

 

 



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