Back to the Fatherland

Aufwühlender Dokumentarfilm zu einem schwierigen Thema.

 

Die israelische Filmemacherin Gil Levanon und ihre österreichische Kollegin Kat Rohrer hatten einst gemeinsam in New York studiert. Ihre über zehnjährige Freundschaft mündete nun in einen gemeinsam gedrehten Dokumentarfilm mit dem zunächst etwas rätselhaften Titel Back to the Fatherland. Doch schon bald wird klar, worum es geht: Immer mehr junge Israelis, vor allem solche, die sich als liberal verstehen und mit der politischen Situation in ihrer Heimat nicht zufrieden sind, emigrieren nach Europa, im Falle von Gils Schwester nach Deutschland. Dass Gil ihr folgen will, ist für ihren Großvater Yochanan, einen Holocaust-Überlebenden, schwer zu ertragen. Und damit sind wir schon mitten im Thema.

Denn Levanon und Rohrer (deren Großvater wiederum Nazi-Offizier war) folgen zwei solchen jungen Auswanderern aus dem „Gelobten Land“: Der Bildhauer Dan ist nach Berlin gegangen, der Ex-Soldat Guy hingegen nach Salzburg, wo er mit seiner österreichischen Freundin Kathi lebt. Ihre Entscheidung hat bei ihren Freunden und Verwandten viel Skepsis ausgelöst – einzig und ausgerechnet Dans Großmutter Lea und Guys Großvater Uri, die beide aus Wien stammen, unterstützen die jungen Männer. Schließlich überredet Dan seine Oma, die nie mehr nach Wien zurückwollte, und Guy seinen Opa, der trotz der schrecklichen Erlebnisse in seiner Kindheit im Herzen immer Wiener geblieben ist, in die österreichische Hauptstadt zu reisen.

Es kommt, wie könnte es anders sein, zu bewegenden Szenen, etwa wenn Uri sich daran erinnert, wie er seinerzeit von einem Gestapo-Mann in der Straßenbahn als Jude „identifiziert“ und verhaftet wurde – oder wenn Lea, mit ihren über 90 Jahren, in ihrer ehemaligen Schule Ludwig Uhlands Ballade „Des Sängers Fluch“ auswendig und fehlerlos deklamiert. Das sind große, aufwühlende Momente, in den sich das Private und das Historische überlagern, aber Rohrer und Levanon geben sich nicht damit zufrieden: Sie reflektieren nicht nur – in einer wunderbaren Szene in der Berliner U-Bahn – ihre eigenen Rollen als Künstlerinnen, sondern lassen auch drei Generationen von Israelis (Großeltern, Eltern, junge Leute) immer wieder in gemeinsamen Gesprächen über die Rolle des Holocaust für das Selbstverständnis der Juden heute, über den Rechtsruck und wachsenden Antisemitismus in Europa und über die aktuelle Politik Israels nachdenken. Ein Mann äußert den bemerkenswerten Satz, Israel habe sich nicht dafür entschieden, zu sagen: „This will never happen again“, sondern für das „This will never happen again TO US.“ Solche klugen Gespräche, die zwischendurch durchaus auch humorvoll sind, gibt es viele in diesem bemerkenswerten Film, der es tatsächlich schafft, dem schwierigen Thema neue Facetten abzugewinnen. Gewidmet ist er Großmutter Lea, die im Jahr 2017 verstorben ist. Back to the Fatherland ist ein würdiges Memento.

 

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Back to the Fatherland


Dokumentarfilm, Österreich, Israel, Deutschland 2017
Regie Gil Levanon, Kat Rohrer 
Drehbuch Susanne Korda, Anneliese Rohrer 
Kamera Thomas Marschall
Schnitt Georg Eggenfellner
Tonschnitt Andreas Pils
Musik Tao Zervas
Verleih Docs, 75 Minuten

 

Premiere 13. Oktober, 19.30 Uhr,
Metro Kinokulturhaus,
anschließend Publikumsgespräch mit Kat Rohrer und Gil Levanon.

Weitere Screenings ab 14. Oktober im Burgkino, Wien (engl. Fassung); Metro Kinokulturhaus, Wien; Mozartkino, Salzburg; Programmkino Wels; Moviemento, Linz; KIZ Royal, Graz; Kino im Kesselhaus, Krems; Actors Studio, Wien; Neues Volkskino, Klagenfurt; Filmstudio Villach; Leokino, Innsbruck; anschließend jeweils Publikumsgespräch mit Kat Rohrer und Gil Levanon

Backtothefatherland.com

 



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