Alles okay

Der Wettbewerb des 67. Berlinale-Jahrgangs zeigte vor allem eins: gediegenes Mittelmaß.

 

Es gibt eine Theorie unter Festival-Experten, die besagt, dass Wettbewerbsbeiträge, die zu Beginn des zehntägigen Filmmarathons ins Rennen gehen, mitunter weniger Chancen auf einen Hauptpreis haben als die, die erst zur Halbzeit oder danach gezeigt werden. Grund dafür sei zum einen, dass sich die Jury am Ende des Festivals eher auf einen Film zu einigen geneigt sei, der allen Beteiligten noch frisch in Erinnerung ist. Denn wer weiß bei einem Pensum von mindestens drei Kinogängen pro Tag schon noch genau, wie sehr ihn der Außenseiterkandidat vom Eröffnungstag tatsächlich überzeugt hat. Darüber hinaus sind auch die Filmkritiker meist keine große Hilfe, denn selbst in den  Rezensionen übt man sich zunächst ein paar Tage in gezügelter Euphorie, weil jeder Journalist weiß, dass man sein Pulver nicht gleich am Anfang verschießen sollte, schließlich könnte der nächste Film immer der bessere sein.

Oder auch nicht. Denn die Berlinale ist mittlerweile berühmt dafür, es sich in der Mittelmäßigkeit etwas allzu bequem gemacht zu haben. Auch der diesjährige 67. Jahrgang zeigte in der Hinsicht keine Besserung. Die einzige Ausnahme bestand darin, dass die ganz großen Preise diesmal sämtlichen Theorien zum Trotz tatsächlich an die allerersten Wettbewerbsbeiträge gingen: Mit dem Goldenen Bären wurde der ungarische Liebesfilm On Body and Soul (Teströl és lélekröl) von Ildikó Enyedi ausgezeichnet, während der Franzose Alain Gomis mit seiner im Kongo spielenden Emanzipationsgeschichte Félicité den Großen Preis der Jury erhielt. Gerechnet hatten damit nur wenige, aber wirklich überrascht zeigte sich auch niemand, denn immerhin ging auch der diesjährige Bären-Favorit nicht leer aus. Der Finne Aki Kaurismäki erhielt für sein populäres Flüchtlingsdrama The Other Side of Hope (Toivon tuolla puolen) zumindest den Preis für die beste Regie. Und das Allerbeste daran ist: Wer den Film im Festival-Trubel verpasst haben sollte, muss nicht lange auf den hiesigen Starttermin warten, den nach dem mehrfach preisgekrönten Le Havre (2011) kommt der zweite Teil von Kaurismäkis geplanter Trilogie über Hafenstädte bereits am kommenden Freitag auch hierzulande ins Kino.

Bei den Hauptpreisträgern sieht das leider anders aus. Denn selbst ein Goldener Bär kann heutzutage nicht mehr garantieren, dass der Gewinner jemals einen Platz im Kino außerhalb des Festivalbetriebs bekommt. Dabei hätte es Ildikó Enyedis seltsam schöner Film durchaus verdient. Die Regisseurin, die auch das Drehbuch schrieb, untersucht in On Body and Soul auf eindringliche, poetische und nicht selten verblüffende Weise die Grenzen zwischen dem Menschlichem und dem Animalischen. Schauplatz der sanften Romanze zweier verschwiegener Seelen ist ein Schlachthaus in Budapest. Dort lernen sich Marie und Endre  langsam kennen und lieben, nachdem schnell klar wird, dass sie mehr verbindet als lediglich der Geruch von Blut und toten Tieren. Die Originalität der Geschichte steckt hier jedoch nicht im Handlungsort und auch nicht in den Figuren an sich, sondern erschießt sich vielmehr über die starke ästhetische Handschrift der Regisseurin, die bereits 1989 mit My Twentieth Century im Wettbewerb vertreten war, damals jedoch leer ausging. Verfeinert wird die Wirkungskraft des Films zudem durch die wunderbar zurückhaltende Darstellung der Hauptfiguren (hervorragend gespielt von Alexandra Borbély and Géza Morcsányi) und einen Hauch von Zerbrechlichkeit, der wie ein unsichtbarer Teppich über den oft malerischen  Bildern liegt.

Künstlerisch anspruchsvoll zeigten sich auch die deutschen Beiträge im diesjährigen Wettbewerb, allen voran Andres Veiel (Black Box BRD, Wer wenn nicht wir), der im Rahmen des Festivals seinen neuen Dokumentarfilm Beuys präsentierte und damit dem internationalen Publikum in einer gelungen Collage aus Archivmaterial und Interviews vor Augen führte, dass der große kompromisslose Künstler und Provokateur Joseph Beuys auch heute, 31 Jahre nach seinem Tod, in vieler Hinsicht noch immer ein Rätsel ist. Bei der Internationalen Jury, zu der in diesem Jahr unter dem Vorsitz von Regisseur Paul Verhoeven unter anderem  der isländische Künstler Olafur Eliasson sowie die Schauspielerinnen Maggie Gyllenhaal und  Julia Jentsch und der chinesische Filmemacher Wang Quan'an gehörten, fand so viel künstlerisches Engagement am Ende jedoch wenig Anklang, und auch Volker Schlöndorff konnte mit seinem allzu oberflächlichen und sperrigen Liebesdrama Rückkehr nach Montauk, einer Quasi-Hommage an Max Frisch  mit Nina Hoss und Stellan Skarsgård in den Hauptrollen, keinen Heimsieg holen.

Dafür durfte zumindest der Österreicher Georg Friedrich den Silbernen Bären für den besten Schauspieler entgegennehmen, und das zu Recht. Denn Friedrich spielt in dem gelungenen Roadmovie Helle Nächte von Thomas Arslan auf leise überzeugende und nachträglich bedrückende Weise einen Vater, der vergeblich versucht, seinem entfremdeten Teenager-Sohn nach langer Trennung wieder näherzukommen. Der Silberne Bär für die beste Schauspielerin ging dagegen an die Südkoreanerin Kim Min-hee, die in Hong Sang-soos On the Beach at Night Alone (Bamui haebyun-eoseo honja) eine junge Frau auf der Suche nach Liebe und dem Sinn des Lebens charakterisiert. Für das chilenische Transgender-Drama A Fantastic Woman (Una Mujer Fantástica) wurden Sebastián Lelio und Gonzalo Maza mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet. Den Preis für eine herausragende künstlerische Leistung erhielt Dana Bunescu, die bei dem zwischen Traum und Wirklichkeit treibenden rumänischen Liebesdrama Ana, mon amour von Calin Peter Netzer für den Schnitt verantwortlich war. Und nicht unbeachtet bleiben soll auch die polnische Altmeisterin Agnieszka Holland, die für ihren verspielten Öko-Thriller Pokot mit dem Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven der Filmkunst geehrt wurde.

Natürlich lässt sich über die Vergabe der Preise wie immer ordentlich streiten, und so ist es manchem Kritiker völlig unverständlich, warum ein so schöner, gelungener und obendrein handwerklich geschickt inszenierter Film wie Mr Long von der Jury gänzlich unberücksichtigt blieb. In dem neuen Gangster-Drama des japanischen Regisseurs Sabu geht es um einen Auftragskiller aus Taiwan, der nach einem vermasselten Job schwerverletzt in Japan feststeckt und sich dort seiner Leidenschaft fürs Kochen besinnt. Trotz diverser Verstrickungen und einer Riege bewusst aufdringlicher Nebendarsteller ist Mr Long ein Film, der fast ohne Worte und mit äußerst sparsamen Bewegungen auskommt, und trotzdem sämtliche Register zieht – eine bemerkenswerte Leistung, für die man Regisseur und Hauptdarsteller gerne gewürdigt gesehen hätte. Und auch Josef Hader, der sein Regiedebüt Wilde Maus präsentierte, in dem er selbst die Hauptrolle spielt,  hätte man insgeheim einen Bären gewünscht.

Beruhigend ist am Ende vielleicht, dass zumindest keiner der 18 Filme im diesjährigen Wettbewerb gänzlich daneben lag und man sich im Zweifelsfall unter Kritikerkollegen immer auf ein „okay“ einigen konnte, wenn es darum ging, einen Film zu beurteilen.  Trotzdem ist es schade, dass der ganze große Festival-Hit erneut ausblieb, egal ob in der offiziellen Sektion oder außer Konkurrenz. Und das obwohl es beispielsweise mit Oren Movermans The Dinner, in dem der neuerdings offenkundig politisch engagierte Richard Gere an der Seite von Laura Linney, Steve Coogan und Rebecca Hall einen vermeintlich karrieregesteuerten Abgeordneten spielt, im Vorfeld des Festivals durchaus Favoriten gab. Ebenfalls vielversprechend klang Sally Potters  neues Werk The Party, das mit ähnlichem Staraufgebot (darunter Patricia Clarkson, Bruno Ganz, Kristin Scott Thomas und Timothy Spall) aufwarten konnte und im Nachhinein zumindest als einer der Publikumslieblinge vom Platz ging. Doch was von diesem 67. Wettbewerbsdurchgang tatsächlich bleibt, wird sich im Endeffekt erst in den kommenden Monaten zeigen. Denn erst wenn auch die Festivals in Cannes, Venedig und Toronto gelaufen sind, lässt sich hinreichend  abschätzen, wie mittelmäßig oder gar zum Vergessen die Filme der diesjährigen Berlinale wirklich waren.

www.berlinale.de

 



Kein Kommentar vorhanden.




Social Bookmarks