Berlinale Blog 1

Kunst, Film, Nespresso und eine Frage der Politik

 

Wie fast jedes Jahr zur Berlinale-Zeit, hat sich auch bei den 67. Filmfestspielen der Winter in all seiner Härte wieder breit gemacht. Aber vielleicht muss das auch so sein, damit die Festivalbesucher nicht allzu lange auf den Straßen verharren, sondern eiligst von einem Kino ins andere rennen, um das zu tun, wozu sie hier sind: Filme schauen.

Und ebenso wie der Winter sich alljährlich im Februar wieder seinen Weg in die Hauptstadt bahnt, wird auch auf der diesjährigen Berlinale – dem politischsten Filmfestival, wie es immer so schön heißt – wieder darüber diskutiert, wie politisch der Film sein kann und soll.

Gar nicht, wenn es nach Paul Verhoeven, dem Jury-Präsidenten des Wettbewerbs, geht, weil „Film Kunst und nicht Politik“ ist. Ja selbst Festivalleiter Dieter Kosslick, von dem man erwartet hätte, dass er sich zu der aktuellen weltpolitischen Situation äußert, hält sich in diesem Jahr auffallend bedeckt und sagt lediglich: „Das Programm ist Protest genug.“

Und so wurde das Festival mit einem Film eröffnet, der eine Geschichte des politischen Widerstands zeigt. In diesem Fall die Geschichte des Sinto und genialen Jazzers Django Reinhardt, der sich weigerte, für die Nazi-Besatzer Frankreichs auf Deutschland-Tournee zu gehen und versuchte, sich mit seiner Familie in die Schweiz  abzusetzen. Eine im Kino neue Geschichte, die – obwohl ein Debütfilm – von Étienne Comar ziemlich bieder und entlang der neueren Biopic-Konventionen in einem verdichteten Zeitraum erzählt wird (hier 1943-1945). In der aktuellen politischen Situation wirkt so eine Festivaleröffnung wie ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Dann doch lieber sich von Daniel Boyle mit T2 - Trainspotting zeigen lassen, warum ein Sequel nach zwanzig Jahren eine gute Sache sein kann und wir unser Leben mit Nostalgie nicht unbedingt zu einem besseren machen. Darüber sind sich auch die Kollegen einig, die mit ihren vom Festival verteilten wiederverwertbaren Kaffeebecher geduldig an den Nespresso-Ständen im Pressebereich stehen und sich dort umsonst ihre tägliche Dosis Koffein verabreichen. Wie schädlich die kleinen Einweg-Kapseln für die Umwelt sind, ist spätestens dann vergessen, wenn man an einem der Superfood-Trucks steht und mit dem Nachbarn eine hitzige Diskussion über die Vorteile glutenfreier Ernährung führt. Müdigkeit also auch dieserorts, über die allseits beschriebene Flüchtlingskrise, die Umwelt und die politische Weltsituation zu sprechen. Stattdessen der Wunsch nach dem Rückzug ins Private oder zumindest in den abgeschotteten warmen Kinosaal. Womit wir auch schon wieder bei der Frage nach dem Politischen wären. Denn wie kann eine Kunstform unpolitisch sein, wenn deren Ausübung als Freiheit im deutschen Grundgesetzt verankert ist? Wenn in vielen Teilen dieser Welt Menschen für das Bestehen auf diesem Recht ins Gefängnis wandern?

Doch wahrscheinlich ist es mit der Kunstfreiheit wie mit den Kaffeekapseln und mit vielem anderen. Wir bemerken deren Bedeutung für unser Leben erst dann, wenn es uns direkt betrifft. Wenn unser Sommerurlaub am Atlantik vor lauter schwimmenden Kaffeekapseln ins Wasser fällt. Oder wir durch Repressionen, Verbote und Verfolgung unser Kunstfreiheit beraubt werden. Es wäre wünschenswert, es nicht so weit kommen zu lassen. Denn wie wir in den letzten Wochen schmerzlich erfahren haben, kann es schnell gehen mit Veränderungen, die die meisten von uns für unmöglich gehalten haben.



Kein Kommentar vorhanden.




Tags


Social Bookmarks