Berlinale Blog 2

Flickern gegen das Schlafwandeln

 

Es spielt alles zusammen im neuen Film von Nicolas Wackerbarth. Da soll ein Film gedreht werden, eine Neuauflage von Fassbinders Die bitteren Tränen der Petra von Kant. Die Regisseurin heißt Vera (Judith Engel) und hat mit Fernsehproduktionen noch keine Erfahrung. Aber es gibt grade Geld, zum Jubiläum, der Moment ist jetzt! Eine Woche vor Drehbeginn fehlt noch die Hauptdarstellerin. Und Vera weiß irgendwie nicht mehr, was sie für einen Film will. Wer die Petra wird, das wird zur Gretchenfrage – nicht nur zur Frage der Kunst, sondern auch nach der Produktionslogik und nach einem Vertrauen untereinander. Der Sender fragt nur einmal einen Star an und wenn der auftaucht, dann ist die Entscheidung eigentlich schon getroffen. In so einem Moment, da fühlen sich alle untergebuttert von einer drastischen Hierarchie, die jede Inspiration gleich wieder abwürgt. Und dann spielt sie natürlich auch eine Probeszene, das wird erwartet. Gerwin (Andreas Lust) muss dann mit ihr umgehen, mit dem sezierenden Blick eines ganzen Teams, das daneben steht. Er ist der Anspielpartner.

Im Casting tragen die Leute, die letztlich vor der Kamera stehen, eine Unsicherheit und Haltlosigkeit in sich, die der Film in seine ganze Struktur übersetzt. Casting, das ist etwas Unvollständiges, etwas Unabgeschlossenes. Das Kino wird als Resultat entlarvt, in seiner Verbindung mit Methoden. In Berlin läuft der Film im Forum, einer Festivalsektion der Berlinale, die dem Titel nach einen offenen Austausch zwischen Ideen vom Kino ermöglichen will. Das Forum startete als künstlerisch-politische Opposition in den Sechzigern, geprägt durch die Filmkritik und die Handschrift von Erika und Ulrich Gregor. Zunächst über zehn Jahre unterfinanziert, wuchs das Programm des Forums an, ist heute in einem gemeinsamen Haushalt zum Gesprächspartner und Kollaborateur der Berlinale geworden. Solche Filme zu zeigen, die in ihrer Form eine Mechanik aufdecken, das steht der Sektion gut zu Gesicht. Es ist ein Vergnügen, einige dieser Filme zu sehen. Gleichermaßen funktioniert alles, was im Forum stattfindet, auch als vereinnahmte Opposition, als Facette einer großen Maschine, deren Feinheiten viele Augen nicht mehr genauer betrachten können und wollen. Bei der Berlinale ist größenbedingt einfach so manches unscharf geworden.

Schlafwandeln als Modus Operandi, was würde das heißen? Sich bewegen, aber nicht bewusst? Man taumelt herum und sieht nicht klar, erinnert sich vielleicht auch gar nicht daran, was genau passiert ist. Vielleicht schadet man sich beim Schlafwandeln sogar manchmal selber, aber ohne ein bewusstes Risiko einzugehen, ohne dass eine Idee auf dem Spiel steht. Eine Vermischung von Traum und Realität, die stellt sich häufig ein im Kino, bei Festivals insbesondere. Dieser Zwischenzustand kann etwas freilegen, neue Gedanken. Schlafwandeln mag aber manchmal auch gefährlich sein, weil sowohl Traum als auch Realität darin ihr Wesen verlieren können. Sich vom Realen abzuwenden, sich einlullen zu lassen vom Kino, in seiner träumerischen Formenvielfalt Versöhnung zu finden, das kann schon auch träge machen. 400 Filme formulieren in Berlin mitunter schon mal einen Anspruch und eine Präsenz, die vom Handeln ablenkt, vom Dringlichen des Realen. Politische Hoffnungen verlieren da in manchen Fällen einfach ihre Bezugspunkte außerhalb des Kinosaals am Potsdamer Platz, inmitten einer Wohlfühl-Wohlstandsblase.

Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor, Mitglieder des Sensory Ethnography Lab der Harvard Universität versuchen sich seit einigen Jahren an Dokumentarfilm-Experimenten, die erfahrbar machen sollen, was dem Auge verschlossen bleibt. Antrieb ist die Ethnographie, die Erkundung des Unsichtbaren in Zivilisationen und Kulturen. In ihrem Fall gibt es strikte Entscheidungen bei der Wahl der Methode, einen klar definierten Stil der Verfremdung, eine gewisse Herangehensweise, die der Welt manchmal auch etwas überzustülpen scheint. Das Weltliche bleibt oftmals auf der Strecke, kann man mögen. Ihr Film somniloquies spielt Tonaufnahmen des Sängers Dion McGregor ab, der im Schlaf spricht. Er erlangte dafür eine gewisse Bekanntheit, in Studien wurde ihm eine besondere Gehirnaktivität unterstellt. In seinen Monologen vermengen sich Assoziation zu Gesellschaft und Gegenwart mit absurdem Geplapper und vulgären Ausreißern. Zu sehen, oder zu erahnen, gibt es schlafende Körper in der Dunkelheit, unscharf fotografiert, als Spiel aus Nähe und Form und Intimität. Ein bisschen funktioniert das wie ein Rorschach-Test. Der Film ist stur in seinem Ansatz, andere würden das konsequent nennen. Andere würden sagen, so eine Arbeit ist redundant.

Die Wahl der Methode, die ist nicht nur beim Casting wesentlich. Methoden gibt es auch da draußen, beim unmittelbaren Umgang mit der Welt, als Auseinandersetzung mit der Welt. Methoden können auch strategisch sein, sie formen und arrangieren im Fall des Kinos die Verhältnisse zwischen Menschen und deren künstlerischen Impuls. Wie bilde ich etwas ab? Wie zeige ich einen Körper? Michael Glawogger drehte seinen letzten Film mit einer klaren Methodik: „Dieser Film soll ein Bild der Welt entstehen lassen, wie es nur gemacht werden kann, wenn man keinem Thema nachgeht, keine Wertung sucht und kein Ziel verfolgt. Wenn man sich von nichts treiben lässt außer der eigenen Neugier und Intuition.“ Entsprechend ist der Film Untitled, er zwingt dem Gesehenen und Geschehenen keine Haltung auf. Monika Willi schnitt den Film nach dem Tod des Regisseurs durch Malaria zu Ende, ein Drittel der Reise war da erst absolviert. Und da schleicht sich dann doch eine Haltung ein, die eine oder andere Geste, eine Anwesenheit von großem Respekt und eine Bewunderung für den Filmemacher, unterlegt durch seine Worte in vorgetragenen Notizen. Da ist manchmal ein Pathos in dem Film, das eine Verbindung eingeht mit den wirkmächtigen Bildern von Glawoggers fabelhaftem Kameramann Attila Boa. Und dieses Pathos verwischt beinahe die Melancholie des Films, die in der ziellosen Suche nach der Ferne eine fehlende Zugehörigkeit ausdrückt. Da strebt ein Mensch weg vom Bekannten, um selbst für einen Moment unsichtbar zu werden, mit sich allein zu sein, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Einmal wandelt auch Glawogger im Schlaf, bis ihn ein Esel in den Nacken beißt und unsanft erwachen lässt. Er fand keine Ruhe und diese Unruhe lebt in seinen Bildern. Sehr selbstbewusst, dieser Film.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes, das ist ein Titel, den der Glawogger sicherlich gemocht hätte. Der Regisseur Julian Radlmaier ist ein wichtiger Vertreter eines jungen Berliner Kinos, das seine Perspektive auf die Welt an den vielen souveränen, direkten und nuancierten Atmosphären der Stadt geschult hat. Er hat seinen ersten Langfilm gemacht und wäre damit absurderweise eigentlich gar nicht in Berlin gelaufen. Denn Berlin spielt fast nie Filme, die vorher beim Rotterdam Filmfestival liefen. So viel zum Thema Nuance. Bei sowas dominiert derzeit eher die Schablone. Die Perspektive deutsches Kino hat den Film eingeladen. Und wenn der Film die Perspektive ist, dann ist das gut. Radlmaier verhandelt darin sich selber und seine Fragen an Kunst und Gesellschaft. Gibt es Alternativen zum Kapitalismus, Alternativen zu Klassen und Rollenbildern? Gibt es einen Ausbruch, eine Utopie? Und welche Rolle spielt das Kino dabei? Als junger Filmemacher geht er aufs Land und pflückt Obst, um einer Kunststudentin zu imponieren. Angeblich zur Recherche für seinen neuen Film, darin soll es unter anderem um die Probleme der kleinen Leute gehen, die echten Probleme, die dringlichen Probleme der Gesellschaft unter dem Joch des Kapitals. Der Film ist so gar nicht träumerisch, sondern vor allem wach in seinem ironischen Blick, der auch vor Radlmaier selbst nicht halt macht. Es geht aber irgendwie auch darum, ob sich jemand in einen Hund verwandelt. Wach sein, das heißt hier nicht, Grenzen des Realen zu respektieren.

Rainer Kohlbergers neuer Film keep that dream burning ist auch irgendwo da draußen in den Weiten des Berlinale-Programms. Es heißt darin gleich zu Beginn: „Here we are in the presence of a shimmering consciousness, a flicker of the soul is all that is needed.“ So ein Film wie seiner, der spült den Kopf durch, weitet die Augen. Eine dankbare Gelegenheit zum Reset und neuen Fokussieren nach all den Strapazen der wörtlichen Abbildung, den realpolitischen Verbindlichkeiten und den ausgelatschten Ideen vieler Langfilme. Wer das Kino liebt, kann eigentlich bei keinem Experimentalfilm wegschauen. Wenn in allen 400 Programmen sowas läuft, dann braucht es keines weniger.

 



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