Berlinale Blog 3

Vereinsamung, Armut und Aggression allerorts

 

Armut, Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg: Das scheint in diesem Jahr ein großes Thema auf der Berlinale zu sein. Und nicht in jedem Film wirkt das so tragisch-komisch wie in Joesf Haders lang erwartetem Regiedebüt Wilde Maus, in dem der eitle Musikredakteur Georg seine Zeit statt in der Redaktion im Prater verbringt. Denn die jüngere Frau darf von all dem natürlich nichts wissen, klappt es doch schon mit dem Nachwuchs nicht. Da muss es doch wenigstens karrieretechnisch fluppen. Doch wie es bei einem Film mit Josef Hader in der Hauptrolle ebenso ist, geht es fröhlich bergab in der Lebensspirale. Flüchtlingskrise? Krieg? Türkische Journalisten in Haft? Was ist das schon alles gegen den Verzicht auf die Bobo-Gesellschaft, in der man doch schon seit Jahren „a Instanz“ ist. „Es wird Leserproteste geben“, erwidert Georg seinem Chef, als er von seiner Kündigung erfährt. Nur schade, dass die Leser zum Großteil schon ebenso tot sind wie der Kulturbetrieb, für den Georg gearbeitet hat, und der es sich leisten konnte, einen Musikredakteur zu bezahlen.

So gut wie tot fühlt sich auch die Familie in dem Wettbewerbsbeitrag Colo an. Und dass nicht nur, weil sie wirtschaftlich am Ende ist. Denn die Lichtblicke in der portugiesischen Familie gehen nicht mit dem Abschalten des Stroms aus. Nein, hier liegt schon lange etwas im Argen. Die prekäre Situation, in welche die Familie immer heilloser hineingerät, bringt zunehmend deutlich ans Licht, was hinter der ehemals heilen funktionierenden Fassade noch verborgen war: eine zunehmende Vereinsamung des Einzelnen, sowohl innerhalb der Familie als auch innerhalb der Gesellschaft.

Eine Kapitalismuskritik? Vielleicht. Zeigt der Film doch, dass der Kapitalismus nicht nur die europäische Gesellschaft, sondern auch die Institution Familie und deren allseits beschworenen Zusammenhalt an den Rand des Abgrunds geführt hat. Doch gab es jemals diesen Zusammenhalt? Oder ist auch das so eine Illusion wie eine Welt, in der die Wirtschaft stetig wächst? Fragen, die man sich nach dieser leisen und sehr intensiven Familienstudie in Sepia stellen kann.

Allein in der Arbeiterschaft scheint es noch Zusammenhalt zu geben, wie die Reinigungsfrauen in Sylvain L’Espérance Dokumentarfilm Combat au bout de la nuit zeigen. Wie eine Mauer stehen sie dicht an dicht vor dem Eingang der Firma, die sie entlassen hat, und protestieren lautstark. Indes die Geflüchteten, die auf Grund der Sperrung der Balkanroute gestrandet sind, sich aus Angst vor Fremdenhass nur noch im äußersten Notfall auf die Straße trauen. Soweit scheint es gekommen zu sein mit Europa. Dem Kontinent, der einst ein Versprechen für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit war.  Auch in Europa herrscht nun, zumindest wenn wir uns diese drei Filme anschauen, der Kampf ums blanke Überleben.

 



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