Berlinale Blog 4

Aus einem Jahr der Nichtereignisse

 

Was für ein toller Filmtitel, der Forums-Film von Ann Carolin Renninger und René Frölke heißt so. „Nichtereignisse“, das sind anscheinend Ereignisse, die keine sind. Zumindest Ereignisse, die niemand bemerkt. Oder vielleicht auch ausgedachte Ereignisse? Irgendwas passiert natürlich trotzdem, weil immer irgendwas passiert. Und zwar ein Jahr lang, in diesem Fall. Manche sagen, die Berlinale funktioniert für sie als Zäsur im Jahr, als Barometer, an dem sich ablesen lässt, was passiert ist seit dem vorigen Festival. Wie hat man sich beruflich entwickelt, welche Gedanken hat der Filmbetrieb in der Zwischenzeit losgetreten? Es vergleichen sich an so einem Ort auch immer alle miteinander, hören in die Politik der anderen rein, in die Strategien und Geschäftsmodelle. Messbare Ereignisse sind in Berlin vermutlich die Verträge, die im Filmmarkt geschlossen werden. In Berlin machen Leute Geschäfte. Und es ist zweifelsohne möglich, dieses Festival nur aus dieser Perspektive zu erleben, in einer Blase aus Meetings und Branchentalks. Das Programm streift man dann nur noch, es wird quasi zum Nichtereignis. Wie der Baum, der allein im Wald umkippt. In der Tat ist es vermessen, einem großen Festival überhaupt nur aufgrund seiner Größe eine Bedeutung zuzusprechen. Denn in Berlin gibt es viele Orte, schöne Orte, die vom Potsdamer Platz gänzlich unberührt sind. Was sich da abspielt, steht in einem Verhältnis zu anderen Realitäten und Lebensentwürfen.

Unabhängigkeit ist immer eine gute Idee. Zum Beispiel macht in Berlin gerade das Wolf Kino auf, ein freies Kinoprojekt, zum Großteil finanziert durch eine ausdauernde Crowdfunding-Kampagne. Da soll es Workshops geben, Raum für Nachwuchsfilm und Experimentelles. Wann macht schon mal ein Kino auf? Das ist erst einmal toll, dass es noch neue Impulse gibt. So eine Kinoeröffnung, das ist ein Ereignis, es wurde vorbereitet, da steckt Arbeit drin. Vielleicht ist das sogar ein Event, die sexy Form eines Ereignisses. Die Art von Ereignis, zu dem man erscheinen möchte und wo man gesehen werden will von andern. So ein Kino, das steht ja auch für Ideen, mit denen umzugehen macht Laune. Und dann läuft an diesem jungen Ort etwas von „Berlinale Goes Kiez“. Ist das nicht ein wenig einfach, das zu zeigen, was so viele andere Kinos auch zeigen? Das heißt ja im Grunde, sich gleich den großen Bären in das Haus zu holen und ein Publikum, das beim Kartenkauf vielleicht erst einmal gar nicht so sehr über den Ort nachdenkt, oder über den Film, sondern einfach darüber, wofür es noch Karten gibt? In der Hektik, wenn immer alles gleich weg ist, da greift man schon auch einfach mal zu und stellt die eigene Agenda zurück. Das macht den einzelnen Film weniger besonders, ihn zu sehen ist dann weniger vorbereitet, weniger ein Ereignis als irgendwie eine Situation, oder vielleicht sogar eine Fügung des Schicksals. Und eine Fügung klingt schon ziemlich passiv.

In Renningers und Frölkes Film, da ist ein Mann am Anfang in erster Linie mit einer Katze beschäftigt. Die läuft mit ihm mit und fährt sogar auf seiner Gehhilfe mit – das kann nun wirklich nicht jede Katze von sich behaupten. Wie Katzen so sind, wirkt sie aber trotzdem irgendwie unbeeindruckt davon. Trotz scheint eine angeborene Eigenschaft von Katzen zu sein. Den bringt ihnen ja niemand bei, vor allem nicht die Leute, die sind manchmal ziemlich wenig trotzig. Dann wird Holz gehackt, auch ganz früh im Film. Holzhacken braucht eine gewisse Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Konzentration. Aber ist es deshalb schon wichtig? Der Kerl ärgert sich ziemlich, wenn er daneben haut. Egal kann es ihm also nicht sein, das Holzhacken. Es hat ja auch zweifelsohne einen Zweck, ist also nützlich. Holzhacken, das sorgt dafür, dass es warm bleibt zu Hause und man sich wohlfühlen kann. Es geht also bei Ereignissen immer auch um ihren Zusammenhang mit einem Gefühl, oder?

„I‘m just studying it for the camera technique“ sagt eine der feministischen Terroristinnen in Bruce la Bruces „The Misandrists“. Sie schaut in dem Moment einen schwulen Porno, gemeinsam mit einer ziemlich genervten und angewiderten Mitbewohnerin. Da ist das ganze Haus eigentlich ein politisierter Ort, ein Ort an dem es um Radikalität gehen soll. Wenn man dort Holz hackt oder Wäsche aufhängt oder etwas anderes zur Lebensqualität beiträgt, dann ist das gleich eine gedankliche Geste, drückt ein Haltung aus. Wer bei denen Holz hackt, unterstützt Terrorismus! Natürlich soll das jetzt nicht heißen, dass alle, die bei der Berlinale Filme schauen, automatisch Dieter Kosslick unterstützen. Und bestimmt auch nicht, dass die Berlinale ein politisierter Ort ist. Eher das Gegenteil, ein Festival dieser Größe kann sich schnell entpolitisiert anfühlen, oder „nichtpolitisch“ im Sinne der Begriffswahl des Films. Genauso, wie eben Nichtereignisse das Gegenteil von Ereignissen sind. Wenn etwas „nicht ist“, dann ist das das eigentliche Gegenteil von dem, was es sein könnte. Nicht lebend ist deshalb wahrscheinlich das Gegenteil von Leben. Und nicht Tod. Deshalb ist auch Michael Glawoggers Film gut, weil der Mann in seinen Bildern am Leben ist und sie deshalb niemals egal sein können.

Was sich am Ende bei Festivals immer ereignet und schwarz auf weiß festgehalten wird, das sind übrigens die Preisvergaben. Unabstreitbar sind das Ereignisse. Die unabhängigen Preise wurden in Berlin mittlerweile verliehen, es gibt eine Übersicht auf der Webseite der Berlinale. Preise behaupten, dass ein Film in sich kein Ereignis ist, noch nicht einmal einen Zweck hat. Und Preise behaupten natürlich auch, dass Preise einen Zweck haben. Im Grunde genommen machen die Preise sich selber irgendwie wichtig und das fühlt sich immer wieder komisch an. Die besten Preise sind die, die Ereignisse mitdenken. El mar la mar von Joshua Bonnetta und J.P. Sniadecki hat zum Beispiel den Caligari-Filmpreis bekommen und wird als Konsequenz eine kleine Kinotour durch Deutschland machen können. In der Jury sind unter anderem Kinobetreiber. Die Menschen im Land bekommen also die Chance, das eigentliche Ereignis, den Film selber zu sehen. Und zwar woanders, an einem Ort ihrer Wahl, in einer Situation, in der man sich wohlfühlt.

Der Caligari-Filmpreis ist also quasi ein Holzhacker-Preis, ein Preis, der einen Zweck hat und sich in den Dienst eines Films stellt. Passenderweise hat das deutsche Filmmagazin „Filmdienst“ den Preis ins Leben gerufen, da ist der Name also Programm. Zum 70. Jubiläum wird das Magazin – gegen Proteste von Einzelnen und Verbänden – demnächst in der gedruckten Form eingestellt. Weil die Kirche darin offenbar keinen ausreichend wichtigen Zweck mehr sieht. Das Magazin in der bestehenden gedruckten Form dicht zu machen, ist ganz zweifellos ein Ereignis, das hat vor allem Konsequenzen. Es ist also durchaus kein Jahr der Nichtereignisse, ganz und gar nicht. Und in diesem Fall ist die Berlinale dann in der Tat eine Zäsur. Nächstes Jahr im Februar hat sich ein Ort, wo das Kino verteidigt und ernst genommen wird, deutlich verändert und verkleinert. Ob die Verkleinerung und die Veränderung dann automatisch zu einer Politisierung führt? Oder zu Trotz? Auf jeden Fall ist es weiterhin nötig, ziemlich viel Holz zu hacken.



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