Punk und Poesie

Das Bildrausch Filmfest in Basel zeugt auch im verflixten siebten Jahr von Stärke und Mut zum Ungewöhnlichen

 

Es gibt Filmfestivals, die sind für die Branche bestimmt, für die Regisseure, Akteure, Produzenten und Verleiher, die Filme machen oder sie vertreiben, sowie für die Medien, die darüber berichten. Andere zielen ausschließlich aufs Publikum ab, indem sie Filme präsentieren, die vor allem über ein hohes Popularitätspotential verfügen. Manchmal treffen sich beide Welten in der Mitte, aber nur äußerst selten können sowohl Macher als auch Zuschauer so nah, spontan und leger miteinander auf Tuchfühlung gehen  wie bei Bildrausch in Basel, das auch in diesem Jahr zum stolzen siebten Mal seinen Ruf als das charmanteste Autorenfilmfest weit und breit zu verteidigen wusste. Das Erfolgsrezept ist einfach: Gestrickt um einen Internationalen Wettbewerb, bei dem heuer dreizehn Filme der verschiedensten Formen und Genre um den maßgefertigten „Bildrausch-Ring der Filmkunst“ konkurrierten, bietet das kleine, aber feine Festival ein beeindruckendes und zugleich angenehm überschaubares Programm aus Retrospektiven, Filmgesprächen, Workshops, Live-Events (Filmkaraoke!) und Musik. Dazwischen trifft sich jeder mit jedem auf der Piazza vor dem Stadtkino am Theaterplatz, dem sozialen Herzen des Geschehens. Denn wenn einem nach der Sichtung des einen oder anderen Films, trotz der meist im Anschluss stattfindenden Q&A noch eine Frage besonders unter den Nägeln brennt, hat man hier beste Chancen, sie direkt an den oder die RegisseurIn zu stellen, von dem das Werk stammt, um das es geht.

Viel Gesprächsstoff boten in diesem Jahr vor allem die Arbeiten der portugiesischen Regisseurin Teresa Villaverde, deren neuster Film Colo im „Cutting Edge“-Wettbewerb lief und am Ende von der dreiköpfigen Jury um den philippinischen Filmemacher Lav Diaz, die österreichische Cutterin Monika Willi und die niederländische Produzentin Ilse Hughan sogar mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Villaverde beschreibt darin den unaufhaltsamen Verfall einer Kleinfamilie am Rand des wirtschaftlichen Abgrunds im gegenwärtigen Portugal: Der Vater so verzweifelt wie lethargisch, die Mutter tüchtig aber erschöpft, und die Tochter verloren zwischen ihren Eltern und der vermeintlichen Hoffnung auf ein besseres Leben im falschen. Sechsundzwanzig Jahre nach ihrem Debütfilm Alex (A idade major) begibt sich die Regisseurin damit erneut auf die Suche nach den Spuren einer Kindheit, die keine mehr sein darf, weil die es die äußeren Umstände verbieten, und weil ihre Protagonisten schon allein damit alle Mühe haben, sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen, in dem sie gefangen sind, wie Fliegen in einem Spinnennetz. Was bleibt, ist allein die Gewissheit, dass die Regisseurin selbst bis heute nichts von ihrer so sensiblen wie eigensinnigen Erzählkunst verlernt hat:  Hier wie dort wird im Kino von Teresa Villaverde nichts aufgetischt, sondern eher vieles ausgespart, denn die aufmerksame Beobachterin lässt ihren Zuschauern gern den Raum zur eigenen Reflexion.

Von diesem besonderen Gespür für scheinbar Unbedeutendes, aus dem sich am Ende ganze Katastrophen ableiten, zeugten ebenfalls die vier weiteren Titel, die zusätzlich zu Colo im Rahmen einer ausgewählten Werkschau zu Teresa Villaverde gezeigt wurden, aber auch in so manchem der anderen Beiträge des diesjährigen Wettbewerbs ließ sich das erschütternde Ausmaß des Unglücks nicht immer auf Anhieb erkennen. In dem mexikanischen Dokumentarfilm Devil's Freedom (La libertad del diablo) von Everardo González beispielsweise spielt sich das Grauen allein in der Erinnerung der Täter und Opfer ab, ohne dass ein Foto oder eine Rückblende eigespielt werden, geschweige denn, dass ein konkretes Gesicht vor die Kamera tritt. Stattdessen tragen alle Protagonisten einheitliche Strumpfmasken, um die Identität der Erzählenden zu schützen. Das Leid, das sie im Innern zerreißt, spiegelt sich dafür umso deutlicher in den dunklen Flecken, die ihre Tränen auf den Maskierungen abzeichnen. Denn González ist es für seinen zermürbenden Film gelungen, das Vertrauen einer Handvoll von Menschen zu gewinnen, die beschreiben, wie sehr sich die ewige Banden- und Drogenkriminalität in der Region der berüchtigten Ciudad Juárez bis heute brutal auf das Leben der Menschen in Mexiko auswirkt. Aus den Schilderungen der zu Wort kommenden Mädchen, Mütter und Mörder entwickelt er somit ein Mosaik der Gewalt, das einem noch lange nach dem Kinobesuch in Erinnerung bleibt.

Dass das Dokumentarische dem Fiktiven in diesem Jahr in nichts nachstand, bewies zudem auch Romuald Karmakar mit seinem neuen Film Denk ich an Deutschland in der Nacht. Es ist die bereits vierte Annäherung des renommierten, in Berlin lebenden französischen Regisseurs an das Phänomen der elektronischen Musik, ihre Orte und ihre Protagnisten, aber ein Abklatsch seiner früheren Arbeiten zum Thema Techno ist der Film deshalb noch lange nicht. Dafür weiß Karmakar viel zu genau um die Fallstricke eines solchen Projekts und konzentriert sich stattdessen gänzlich auf die Musik und ihre Macher sowie auf die Nuancen, die sich aus den verschiedenen Spielarten ihrer Klangkunst ergeben. Ähnlich ambitioniert aber weniger originell ging dagegen Tyler Hubby in seinem filmischen Porträt des amerikanischen Multimedia-Avantgarde-Giganten Tony Conrad ans Werk, dem Bildrausch darüber hinaus in diesem Jahr eine Spezialprogramm widmete. Doch wo Karmakar mit der Musik seiner Protagonisten zu experimentieren und gleichzeitig in Einklang zu sein scheint, fällt Hubby trotz der unendlichen Vielseitigkeit und Wirkungsmacht seines Sujets in Completely in the Present eher auf konventionelle Formen des dokumentarischen Erzählens zurück. Eine nachhaltige Wirkung erzielt auch sein Film am Ende dennoch, was wiederum dem großen Conrad selbst zu verdanken ist, der leider viel zu früh im Alter von nur 76 Jahren im April 2016 verstorben ist.

Überhaupt war es eine Stärke des diesjährigen Filmfest-Lineups, dass bemerkenswert viele Filme ihren Weg nach Basel gefunden haben, die durch die leise Wucht, die ihnen steckt, einen bleibenden Eindruck hinterließen. Zwei Arbeiten, die im vergangenen Herbst in Venedig ihre Weltpremiere feierten, fielen dabei besonders ins Auge: The Untamed (La región salvaje) des Mexikaners Amat Escalante sowie The Net (Geumul) des Südkoreaners Kim Ki-duk. In beiden Filmen geht es darum, Grenzen zu überschreiten, doch während Escalante aus dieser Prämisse eine mysteriöse Geschichte als gefährlichen Balanceakt zwischen Sozialdrama und Fantasy inszeniert, schildert Kim Ki-duk in seinem pointierten Spionagetriller die reale Zerrissenheit der koreanischen Gesellschaft. Und noch ein Film trug einen Konflikt im Herzen, den zu überwinden es unmöglich schien: In seinem neuesten Meisterwerk A Quiet Passion huldigt der britische Ausnahmeregisseur Terence Davies der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson (1830-1886) und strickt daraus ein bewegendes Künstlerdrama, das an Ausdruckskraft hinter Dickinsons einzigartiger Dichtkunst nicht zurückbleibt. Fernab von einem konventionell biografischen Plot richtet Davies seinen selbst am Ästhetischen geschulten Blick vielmehr auf die seelischen und körperlichen Leiden der Frau, die bis zu ihrem Tod damit zu kämpfen hatte, dass sie für ihr lyrisches Werk, das postum zur Weltliteratur erklärt wurde, zu Lebzeiten kaum ein Publikum fand. Das Ergebnis ist ein Film unendlicher Schönheit, Schwere und Leichtigkeit zugleich, wie ihn nur Davies, der große Poet des britischen Kinos schaffen konnte.

Auf Anhieb mag es überraschen, dass der Meister selbst A Quiet Passion als seinen bisher persönlichsten Film bezeichnet, zumal Davies seit seinen Anfängen als Regisseur mittels der Kunst stets versucht hat, der Pein seiner Jugendjahre ein Ventil  und damit vor allem einen Sinn zu geben. Ähnlich wie bei Teresa Villaverde lassen sich auch bei ihm bereits in seinem frühen Werk unverkennbar Handschrift und Genie erkennen, und auch ihm war folglich eine Bildrausch Hommage gewidmet, die neben der Terence Davies Trilogie und A Quiet Passion noch vier weitere Arbeiten präsentierte, darunter das ebenfalls autobiografisch angelegte, musikalisch unterlegte Drama Distant Voices, Still Lives sowie  Sunset Song, einem so kargen wie gewaltigen Drama entstanden nach den gleichnamigen Roman von Cedric Gibbons, in dem Agyness Deyn eine junge schottische Frau spielt, die Anfang des 20. Jahrhunderts als einzige Tochter in einer patriarchal strukturierten Familie um ihren Platz in der Welt kämpfen muss. Der Höhepunkt dieses schönen und längst überfälligen Tributes an Davies war jedoch der Regisseur selbst. Mit unermüdlicher Energie und einem Nähkästchen voller Anekdoten machte der unkonforme Brite jedes einzelne Filmgespräch zu einem Ereignis, für das allein sich die Reise nach Basel allemal gelohnt hätte.

http://www.bildrausch-basel.ch



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