Essays und Emotionen

Alte Meister, neue Visionärinnen und Visionäre: Nirgends vereint sich virtuoses Filmschaffen von gestern und heute so harmonisch und beflügelnd wie beim Bildrausch Filmfest in Basel.

 

Gleich zwei Gewinnerfilme, zwei Werke, die in ihrer formalen Rigorosität unterschiedlicher kaum hätten ausfallen können, und die in ihrem Wesen doch so vieles vereint, wurden zum Abschluss des achten Bildrausch Filmfests in Basel mit dem begehrten Bildrausch-Ring der Filmkunst geehrt. Diese Entscheidung der Internationalen Jury, bestehend aus den Regisseurinnen Athena Rachel Tsangari und Teresa Villaverde sowie dem Produzenten und Kurator Simon Field, mag auf den ersten Blick ein wenig sonderbar erscheinen. Doch sie ergibt bei genauerer Betrachtung nicht nur Sinn, sondern erweist sich als die einzig richtige, wenn nicht gar als die einzig mögliche Lösung. Denn noch schwieriger als bei den großen, mit mehreren Auszeichnungen versehenen Festivals erscheint es alljährlich in Basel, aus einem qualitativ extrem hochwertigen Wettbewerb, der seinem Namen „Cutting Edge“ alle Ehre macht, einen Hauptpreisträger auszuwählen. So faszinierend, so bereichernd und im wahrsten Sinne des Wortes berauschend ist die jeweils gebotene Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilmen, Erstlingswerken und Neuheiten gestandener alter Meister, dass von einem Wettstreit eigentlich gar nicht die Rede sein kann. Vielmehr ergänzen und bereichern, widersprechen und bedingen einander die 13 Filme bisweilen auf so famose Weise, dass es beinahe sträflich ist, auch nur einen von ihnen zu verpassen – geschweige denn, einen von ihnen den anderen vorzuziehen.

 

Zwei Kontinente

Dennoch haben sich in diesem Jahr zwei Filme besonders in den Herzen und Köpfen festgesetzt: Ang Panahon ng Halimaw (Season of the Devil) des philippinischen Regisseurs Lav Diaz, der diesmal die gewalttätige Geschichte seines Heimatlandes als atemberaubende rock opera inszeniert, und Zama von der Argentinierin Lucrecia Martel, die erstmals 2001 mit dem Familiendrama La ciénaga international Aufsehen erregt hatte. Für ihren jüngsten Film nahm sich die 51-jährige Regisseurin des 1956 erschienenen Romans ihres Landsmannes Antonio di Benedetto an und verwandelte ihn in einen optisch wie akustisch betörenden, fiebrigen Tropentraum, der bisweilen an Kafka erinnert und zugleich eine ureigene, finstere Magie entwickelt. Was die Filme von Martel und Diaz vereint, ist die Unerschrockenheit und Konsequenz, mit der sie ihre Ideen jeweils in die Tat umsetzen, sowie die auf und hinter der Leinwand brodelnde Wut über die herrschenden Sozial- und Machtstrukturen ihrer Länder, damals wie heute. „Uns gefällt die Vorstellung, wie diese beiden Filmemacher, die jeweils am anderen Ende der Welt arbeiten, ihre gemeinsamen Bildrausch-Ringe tragen“, hieß es zum Abschluss in der Begründung der Jury. Und man kann ihr keineswegs widersprechen.

Ein bisschen schade war es allerdings, dass nur Lav Diaz den Preis am Sonntagabend persönlich entgegennehmen konnte. Denn auch das gehört zu den willkommenen Besonderheiten des Bildrausch Filmfests dazu: Dass man inmitten des weit gefächerten Programms aus Wettbewerbsfilmen und Retrospektiven, Filmgesprächen, Lectures und Live-Events mit Musik und Tanz immer auch den direkten Kontakt mit den anwesenden Filmemachern vor Ort suchen und vertiefen kann, nach dem Motto: Auf der Piazza vor dem Stadtkino sind alle eins – und, vor allem, für alles offen. Sei es zwischen den Vorführungen, während des traditionellen Festessens oder beim allnächtlichen Umtrunk nach getaner Sichtungsarbeit, stets hat man Gelegenheit, mit den Filmschaffenden selbst noch einmal über das Gesehene zu reflektieren, zu diskutieren und Ideen auszutauschen.

Für viel Gesprächsstoff sorgten in diesem Jahr beispielsweise die Arbeiten der britischen Künstlerin und Regisseurin Clio Barnard, deren drei bisherige Langspielfilme das Festival im Rahmen einer Hommage präsentierte, während ihr neuestes Drama Dark River zudem im Wettbewerb lief. Vor allem aber ihr bahnbrechendes Kinodebüt The Arbor (2010), in dem sie das kurze und brutale Leben der Bühnen- und Drehbuchautorin Andrea Dunbar (Rita Sue and Bob Too) sowie die Folgen für ihre drei Kinder auf spektakuläre Weise in Szene zu setzen versteht, galt vielen als eine der großen Bildrausch-Entdeckungen dieses Jahrgangs. Barnard lässt in ihrem Film Schauspieler zu Originalaufnahmen von Dunbars Kindern, Freunden, Familienangehörigen lippensynchron sprechen, während innerhalb einer weiteren Ebene des Films kurze Auszüge aus Dunbars erstem Theaterstück „The Arbor“ nachgestellt und mit Archivmaterial aus ihrer Jugend konfrontiert werden. Das Ergebnis ist so bestürzend wie faszinierend und beweist einmal mehr, wie meisterhaft sich die Zwischenräume von Kunst und Kino, Narration und Dokumentation ausloten, hinterfragen und nicht zuletzt erweitern lassen.

 

Vielfalt

Ein ebenso ungewöhnlicher und um nichts weniger beeindruckender Film ist Tripoli Cancelled des aus Bangladesch stammenden britischen Künstlers Naeem Mohaiemen, der seine Premiere bei der documenta 2017 in Athen hatte. Aus einer wahren Geschichte, nämlich der seines Vaters, der einmal auf dem Flughafen von Athen quasi ein „Alien“ war, weil er seinen Pass verloren hatte, entwickelt Mohaiemen einen ungeheuer luziden Essayfilm mit nur einem Darsteller (Vassilis Koukalani, der in Basel zu Gast war), der Texte aus unterschiedlichen Quellen spricht oder vorliest – oder auch nur einfach schweigend durch den heute verlassenen Flughafen streift, der zu einer Metapher für die vage Situation dieses Mannes, aber auch der zahlreichen Menschen wird, die heute ohne Heimat sind, gestrandet irgendwo im Niemandsland zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Zugleich gelingt dem Künstler eine Studie über die perverse Schönheit verfalllener/verlassener Bauten, und auch auf der akustischen Ebene (u.a. mit einem wunderbaren Song der deutschen Prog-Rocker Can) überzeugt dieses Wunderwerk.

Ähnlich essaysistisch versuchten sich der kanadisch-schweizerische Filmeacher Peter Mettler und seine schottische Kollegin Emma Davie in Becoming Animal, einer intensiven, wenngleich nicht restlos überzeugenden Studie über das Verhältnis von Mensch und Natur, Mensch und Tier, Mensch und Kosmos anhand mehrerer eindrucksvoller Nationalparks. Der US-amerikanische Philosoph David Abram, der sich in seinem Werk mehrfach mit dem Thema auseinandergesetzt hat, steht im Mittelpunkt, seine Thesen und Denkansätze verlieren sich jedoch bisweilen im Reich des eher Banalen und Vordergründigen. Was bleibt, sind (immerhin) herrliche Naturaufnahmen, etwa aus dem Grand Teton National Park in Wyoming, wo man majestätische Elche beobachten kann, die zumindest hier scheinbar unberührt sind von den Menschen und ihren Aktivitäten um sie herum.

Essayfilm No. 3 im Bildrausch-Wettbewerb, wenn man so will, und gleichzeitig eine phantastische Liebeserklärung an das Kino ist Johann Lurfs 2017 bei der Viennale gezeigter erster Langfilm * (Wie aussprechen? starfilm dürfe man sagen, erklärt der Wiener Regisseur), eine gigantische, aus über 500 Filmen entnommene und in mühsamer Kleinarbeit zusammengefügte Sammlung von Sternenhimmeln aller Art – sichtlich eine „Labor of Love“. Was nach Eintönigkeit klingt, wird zu einer großartigen Feier des Kinos und letztlich auch der Natur. Lurfs Magnum Opus wurde zudem begleitet von einer kleinen Schau mit sieben seiner ebenso minuziös und akribisch, zum Teil in 3D gearbeiteten Kurzfilme, darunter dem fulminanten 20-Minüter Vertigo Rush, der die Grenzen der Seherfahrung virtuos auslotet.

Es gehört zu den weiteren Tugenden von Bildrausch, dass man hier Filmemacherinnen und -machern absolut die Treue hält. So wurde die 2013 ausgezeichnete niederländische Regisseurin Nanouk Leopold, die auch von Crossing Europe in Linz bestens bekannt ist, mit ihrem neuen Film Cobain erneut in den Wettbewerb eingeladen. Leopold, bisher eher für ihre nüchternen, formal strengen und analytischen Filme bekannt, überrascht – nach einem Drehbuch ihrer langjährigen Produktionspartnerin Stienette Bosklopper – mit der hoch emotionalen Geschichte des 15-jährigen Cobain und seiner noch jungen, wieder schwangeren Mutter Mia. Während diese in einem Sumpf aus Drogen, Prostitution, Alkohol und Missbrauch unterzugehen droht, setzt der zunächst eher in sich gekehrte jugendliche Schulabbrecher alles daran, um sie und ihr noch ungeborenes Baby zu retten. Selbst ein finaler Schlenker ins Genrekino – den man akzeptiert, weil der Film so herzergreifend dramatisch ist – darf dabei nicht fehlen. Mit Bas Keizer, der auf der Straße gecastet wurde, hat Leopold möglicherweise ein schauspielerisches Naturtalent entdeckt. Allein die Aufzählung dieser so unterschiedlichen Filme zeigt erneut, welche Bandbreite an Kino man in einem einzigen Wettbewerb unterbringen kann, wenn man nur sorgfältig und liebevoll auswählt. Nicht nur das unterscheidet das Basler Festival von den meisten anderen, vor allem größeren Festivals.

 

Meister und Festredner

Das achte Bildrausch Filmfest stand jedoch auch im Zeichen eines ganz besonderen Auteurs, der vielleicht all das vereint, was die einzelnen Arbeiten des heurigen Wettbewerbs jeweils zum Ausdruck zu bringen versuchten. Mit Paul Schrader hatte sich das Festival einen Ehrengast geladen, dessen unbedingter Einsatz als Verfechter und Herausforderer einer avancierten Filmkultur bis heute beispiellos bleibt, wovon sich das Publikum ebenfalls im Rahmen einer groß angelegten Hommage überzeugen konnte. Neben Schraders jüngstem Meisterwerk First Reformed, einem weiteren Anwärter auf den Bildrausch-Ring, wurden zudem sein herrlich wildes und viel zu selten gezeigtes Regiedebüt Blue Collar aus dem Jahre 1978 sowie mit Taxi DriverLight SleeperAuto Focus und Mishima – A Life in Four Chapters einige ausgewählte Höhepunkte seines über 40-jährigen Schaffens präsentiert. Doch nicht nur das Œuvre des großen US-Regisseurs, Drehbuchautors und Kritikers sprach für sich. Auch Schrader selbst ließ sich keineswegs davon abhalten, in ausführlichen Filmgesprächen seine Werke aufs Neue zu entdecken, mit zahlreichen anschaulichen Anekdoten zu beleben und auf ihre Dauerhaftigkeit zu überprüfen. Und in ähnlicher Manier wie der in diesem Jahr neugeschaffene „Gedanken/Raum“, einem Gesprächsraum für den offenen und vertieften Austausch über das Kino als Vision unserer Welt, zu dem zum Auftakt die österreichische Regisseurin Ruth Beckermann geladen war, ließ es sich auch Schrader, der seine Karriere einst als Filmtheoretiker begonnen hatte, nicht nehmen, seine bis heute wegweisen Gedanken zu einem „Transcendental Style in Film“, so der Titel seines 1972 erschienenen Buches, im Rahmen einer Vorlesung mit anschließendem Publikumsgespräch erneut darzulegen und auf ihre Aktualität zu überprüfen.

Bei so viel provokativer Filmkunstgewaltigkeit, wie sie von Schraders Werk ausgeht, bedurfte es schließlich eines gebührenden Vertreters der Zunft, um dem großen Auteur am Abschlussabend den erstmals vom Festival verliehenen Ehrenpreis für visionäres Filmschaffen zu überreichen. Auch in dieser Hinsicht hatte die überaus engagierte Bildrausch-Direktion noch einen Trumpf parat: In Dominik Graf, dem nicht weniger offensiven Meister des dynamischen und zugleich gedankentiefen Erzählens, hatte man einen exzellenten Laudator gefunden. Seine feinsinnige, bewegende Rede auf Paul Schrader war ein Ereignis für sich und beendete die achte Bildrausch-Edition auf intime und zugleich angemessen leger-feierliche Weise. Dass es jetzt ein ganzes Jahr zu warten gilt, bis das Filmfest seine Türen am Basler Theaterplatz zum neunten Mal öffnet, ist so kurz nach dem geselligen Beisammensein schwer hinzunehmen. Die gesehenen Filme sowie die Erinnerungen an fünf bereichernde Festivaltage werden jedoch noch lange im Gedächtnis verharren und helfen, die Zeit bis zum nächsten Vollbildrausch zu überbrücken.

 



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