Breites Spektrum, viele Preise

Das Golden-Horse-Festival in Taipeh

 

Man stelle sich vor, in L.A. fände vor der Verleihung der Oscars ein dreiwöchiges Festival statt, auf dem alle Filme präsentiert würden, die für den wichtigsten Filmpreis des englischsprachigen Kinos nominiert sind. Man stelle sich außerdem vor, dass in keinem Land bereits alle Filme zu sehen gewesen wären. Das entspräche in etwa dem Prinzip, nach dem das Golden Horse Film Festival in Taipeh funktioniert, dessen Einzigartigkeit sich aus seiner Verknüpfung mit dem bedeutendsten Preis des chinesischsprachigen Kinos ergibt.

Während Nebensektionen um ein „Best of“ aus Cannes, Venedig und so weiter bemüht scheinen, versammelt das Hauptprogramm alle Filme, die in einer der 23 Kategorien für einen Golden Horse Award nominiert sind. Entsprechend breitgefächert ist der Ausschnitt, den das Publikum aus dem aktuellen Kino der Volksrepublik China, Hongkongs, Taiwans, Singapurs und Malaysias geboten bekommt. Neben geradlinigen Genrestreifen laufen Filme, die gezielt Erzählkonventionen brechen; wichtigtuerische Star-Vehikel werden ebenso gezeigt wie spröde Arthouse-Produktionen.

Das heißt natürlich, dass auf diesem schönen Festival auch Murks zu sehen ist. An der taiwanesischen Horror-Petitesse The Tag-Along ist beispielsweise nur interessant, wie eifrig sich der krude Plot, der Waldgeister in die Körper braver Großstädter schlüpfen lässt, um Mehrdeutigkeit bemüht: Die feministische Lesart, zu der Aussagen und Aktionen der Protagonistin, einer Radiomoderatorin, einladen, wird auf absurde Weise von der Schlusswendung durchkreuzt, die ein Loblied auf Heim und Herd anstimmt. Da ist Johnnie Tos neueste Regiearbeit natürlich von ganz anderem Kaliber; allerdings geht seine Mischung aus Polizeidrama und Arztfilm letzten Endes ebenfalls nicht auf. In Three versucht ein Cop, einen schwer verletzten Räuber zum Verrat an seinen Komplizen zu nötigen, während er einen Kollegen deckt, der regelwidrig von der Schusswaffe Gebrauch gemacht hat. Das Ganze spielt sich ausschließlich in einem Krankenhaus ab, in dem eine junge Chirurgin derweil am eigenen hohen professionellen Anspruch zu scheitern droht – weshalb umso verblüffender ist, dass To auch noch lockere Subplots einstreut, deren bittersüße Tonlagen an brave Krankenhausserien denken lassen.

An Cold War 2, dessen weitverzweigte Handlung um Korruption im Hongkonger Polizeiapparat kreist, gibt es hingegen nichts auszusetzen (selbst wenn die Altstars Aaron Kwok, Tony Leung Ka-fai und Chow Yun-fat auf Dauer allzu grimmig dreinblicken). Jedenfalls ist nachzuvollziehen, warum der Actionthriller, bei dem Sunny Luk und Longman Leung wie schon beim ersten Teil Regie geführt haben, auf dem heimischen Markt zum erfolgreichsten chinesischsprachigen Film aller Zeiten wurde. Der Kontrast zwischen solch einem Blockbuster und White Ant könnte kaum größer sein: Das Spielfilmdebüt des taiwanesischen Dokumentarfilmers Chu Hsien-Ches handelt von einem jungen, erfolglosen Schriftsteller, der zwanghaft Frauenunterwäsche stiehlt, sowie von einer Studentin, die ebenso zwanghaft ihrem Ex-Freund nachstellt – bis die Stalkerin den Fetischisten beim BH-Diebstahl beobachtet und ihn mit anonymen Nachrichten zu traktieren beginnt. Dabei bleibt der Handlungsverlauf stets unvorhersehbar, da Chu geschickt Perspektiven und Zeitebenen variiert, weshalb man ihm gerne nachsieht, dass er mehr über die Backstory der männlichen Hauptfigur verrät, als nötig wäre.

Zu den gelungensten Filmen des Festivals gehörten allerdings zwei Produktionen aus China, die beide in wunderbarem Schwarzweiß gedreht wurden. Mr. No Problem, die Verfilmung einer Novelle des berühmten Schriftstellers Lao She, ist vor dem Hintergrund der japanischen Invasion in den vierziger Jahren angesiedelt und handelt vom Verwalter eines Landgutes, der mit großzügigen Gefälligkeiten die Unwirtschaftlichkeit seiner Betriebsführung überspielt. Debütregisseur Mei Feng, der sich als Drehbuchautor einen Namen gemacht hat, inszeniert das scheinbar beiläufige Geschehen zumeist in langen, statischen Einstellungen, die vielleicht nicht ganz zufällig an den Hou Hsiao-hsien der Achtziger erinnern. Der Stil lässt in jedem Fall breiten Interpretationsspielraum, sodass dieser leise Film als gesellschaftspolitische Satire ebenso wirkt wie als milde Reflexion allzumenschlicher Schwächen.

Der Höhepunkt des Festivals war freilich The Summer Is Gone, mit dem Zhang Dalei eigene Kindheitserinnerungen verarbeitet. Sein Vater war wie der seines zwölfjährigen Protagonisten beim staatlichen Filmstudio in der Inneren Mongolei beschäftigt. Am Beispiel von dessen Schließung schildert dieses Drama die zwiespältige Liberalisierung der frühen neunziger Jahre. Dabei macht uns das Schwarzweiß bewusst, dass die Bilder trotz des minimalistischen Realismus (Laiendarsteller, statische Kamera, wenige Schnitte) von subjektiver Erinnerung eingefärbt sind. Die Erzählperspektive bewahrt den Film indes, weil sie kindliche Gleichgültigkeit spiegelt, vor simpler Nostalgie. So war die Auszeichnung mit dem Golden Horse für den besten Film ebenso verdient, wie sie für alle unerwartet kam. Der junge Debütregisseur hatte nicht einmal daran gedacht, seinen Kaugummi rechtzeitig auszuspucken, weshalb er ihn auf dem Podium linkisch in einer Sakkotasche verschwinden lassen musste.



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