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Alles war so schön geplant. Seit Monaten arbeitete man in Cannes akribisch auf das große, tollste, das alles in den Schatte stellende 70. Jubiläum des wichtigsten aller Filmfestivals hin. Doch noch während die Franzosen im Rest des Landes um den Ausgang der Präsidentschaftswahlen bangten, gab es in Cannes im Vorfeld zum Festival nur ein heikles Thema: Die Kontroverse um die Wettbewerbsbeiträge des US-Streaming-Giganten Netflix. Von den 19 Filmen, die um die Goldene Palme konkurrieren, sind der politisch motivierte Märchen-Monsterfilm Okja von Bong Joon-ho und Noah Baumbachs starbesetztes, jüdisches Familiendrama The Meyerowitz Stories von Netflix produziert worden. Die Festivalleitung unter Thierry Frémaux hatte die Entscheidung offiziell damit begründet, dass die Filme allein aufgrund ihrer künstlerischen Qualitäten für die Sektion ausgewählt wurden. Dazu kommt, dass Thierry Frémaux, der seit 2001 das Festival leitet, ganz ähnlich wie Dieter Kosslick in Berlin gerne den Regisseuren Platz einräumt, die in den Jahren zuvor schon einmal in Cannes gefeiert wurden. Das allerdings interessierte die Lobby der französischen Kinobetreiber wenig, als sie vor ein paar Wochen ihre Protestwelle gegen das Festival starteten und damit einen Eklat auslösten. Zwar konnten die Unstimmigkeiten dem diesjährigen Jubiläums-Line-Up nichts mehr anhaben, sie führten jedoch zu einer Regeländerung, die ab dem kommenden Jahr gelten soll. Demnach werden Netflix-Produktionen von 2018 an bis auf Weiteres vom Wettbewerb ausgeschlossen, es sei denn, das Unternehmen ist zu Kompromissen bereit, die es bisher vehement ablehnt.

 

So weit, so turbulent. Doch von solchen Industrie-Querelen einmal abgesehen, muss sich Cannes wohl auch um den Erfolg des diesjährigen Festivals keine Sorgen machen, denn schon ein kurzer Blick auf das Programm verspricht allemal ein hochkarätiges und abwechslungsreiches siebzigstes Jahr. Den Auftakt machte diesmal – natürlich – ein Franzose, und zwar kein geringerer als Arnaud Desplechin, den man vor zwei Jahren noch in die renommierte, aber weniger glamouröse „Quinzaine des Réalisateurs“ abgeschoben hatte. Heuer präsentiert er sein jüngstes Werk, Les Fantômes d'Ismaël – ein verschachteltes Liebesdrama, dass mit Mathieu Amalric, Marion Cotillard, Charlotte Gainsbourg und Louis Garrel bestens besetzt war, um am gestrigen Eröffnungsabend den Roten Teppich zum Grand Theatre Lumière zu füllen. Die Medien und das Laufpublikum vor dem Palais freuten sich über den Trubel, zu dem sich auch so prominente Damen wie Susan Sarandon und Uma Thurman, sowie die Newcomerinnen Lily-Rose Depp und Elle Fanning gesellten. 

 

Ab heute wird es jedoch ernst. Im letzten Jahr war Maren Ades einzigartiges Drama Toni Erdmann zum großen Hoffnungsträger für Deutschland und den Rest der Welt avanciert. Diesmal sitzt Ade neben Jessica Chastain in der neunköpfigen Jury um den spanischen Regisseur Pedro Almodóvar. Auch Will Smith, der italienische Regisseur Paolo Sorrentino und die französische Schauspielerin Agnès Jaoui sind mit von der Partie, um in den nächsten Tagen den Gewinner der renommierten Golden Palme festzulegen. Einer, der auch in diesem Jahr beste Chancen auf einen Preis haben dürfte, ist Michael Hanke, der bereits 2009 mit Das weiße Band und 2012 mit Amour den begehrten Preis gewinnen konnte. In seinem neuen Film Happy End macht auch er, wie so viele seiner Kolleginnen und Kollegen derzeit, die Flüchtlingskrise in Europa zum Thema. Die Hauptrollen übernehmen Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant, mit dem Huppert bereits für Amour vor der Kamera gestanden hatte. Auch der deutsche Regisseur Fatih Akin hat eventuell mehr Glück als Ade im Wettbewerb, immerhin konnte er für seinen Thriller Diane Kruger gewinnen, die dafür zum ersten Mal in ihrer Karriere auf Deutsch drehte. Des Weiteren dürften die Oscar-gekrönte Sofia Coppola mit The Beguiled, der Adaption des Romans von Thomas Cullinan, der amerikanische Filmemacher Todd Haynes mit Wonderstruck und die Britin Lynne Ramsay mit ihrem lange-erwarteten neuen Thriller You Were Never Really Here für einiges Aufsehen an der Croisette sorgen – und das nicht nur angesichts des Staraufgebots, das sich hinter diesen Titeln verbirgt, darunter Joaquin Phoenix, Julianne Moore, Michelle Williams, Kirsten Dunst, Elle Fanning, Nicole Kidman und Colin Farrell, um nur einige zu nennen. Die beiden letzteren standen auch für den mittlerweile in London ansässigen Griechen Yorgos Lanthimos vor der Kamera, der sich zwei Jahre nach The Lobster nun mit The Killing of a Sacred Deer in Cannes zurück meldet. Aus Frankreich sind Cannes-Veteran François Ozon mit L'Amant Double und Michel Hazanavicius mit Le Redoutable über Regielegende Jean-Luc Godard vertreten. Aber auch Außenseiter wie Good Time der Brüder Benny und Josh Safdie, die Robert Pattinson für die Hauptrolle in ihrem Krimi-Drama gewinnen konnten, oder internationale Festivallieblinge wie Hong Sangsoo (The Day After), Sergej Loznitsa (A Gentle Creature) oder Andrey Zvyagintsev (Loveless) müssen sich vor der Jury nicht verstecken. Im Gegenteil: Cannes ist sowieso für seine oft überraschenden Entscheidungen bekannt, wenn es um die Vergabe der begehrten Palme d’Or geht.

 

Es gubt also auch in diesem Jahr wieder genug Spannung im Wettbewerb. Und wer damit nicht genug bekommen kann, ist auch mit dem Rahmenprogramm zum Jubiläum bestens bedient: David Lynch wird die ersten beiden Folgen der dritten Staffel seiner Kult-Serie Twin Peaks vorstellen, während Jane Campion die Fortsetzung von Top of the Lake: China Girl (wieder mit Nicole Kidman) präsentiert. Der Hedwig And The Angry Inch-Regisseur John Cameron Mitchell zeigt How to Talk to Girls at Parties, und zum Abschluss am nächsten Samstag gibt es den neuen Thriller von Roman Polanski, Based on a True Story, für den er gemeinsam mit Olivier Assayas am Drehbuch gearbeitet hat. Was will man mehr?

 



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