Cold War – Der Breitengrad der Liebe

Eine schwarzweiße, in allen Farben tönende Liebe unter schlechtem Stern

 

Irgendwo in der polnischen Provinz, wir schreiben das Jahr 1949. Der Komponist Wiktor castet Tänzerinnen und Sängerinnen für ein folkloristisches Ensemble, dessen Stücke seine Landsleute aus der Nachkriegsdepression reißen sollen. Als er Zula vorsingen sieht, ist es sofort um ihn geschehen. Die beiden verlieben sich ineinander, und die freche, anmutige Zula wird das energetische Zentrum der bald erfolgreich tourenden und ebenso bald von der Partei für Propagandazwecke vereinnahmten Truppe. Drei Jahre später, im Zuge eines Gastspiels in Berlin, planen die beiden in den Westen zu fliehen. Doch während der libertäre Wiktor nachdenklich vor einem monumentalen Gemälde mit Eistänzerinnen sitzt, ahnen wir: Er wird allein aufs Eis gehen müssen. Nicht umsonst evoziert Cold War mit seinem Titel eine politische und mit dem Breitengrad seines deutschen Untertitels eine geografische Komponente (die Schauplätze sind Polen, Berlin, Split und Paris). Es ist eine tiefe, jedoch komplizierte Verbindung, die stärker von den Umständen geprägt ist als sie verkraften kann. Zula und Wiktor können auf die Dauer nicht ohne-, aber sie können auch nicht miteinander leben.

Pawel Pawlikowski war lange in Großbritannien ansässig und kehrte erst kürzlich nach Polen zurück. Inspiriert von der Liebesbiografie seiner Eltern zwischen Heimat und Exil, erzählt er – wie schon in seinem ausgezeichneten vorigen Film Ida – in kontrastreichem Schwarzweiß und im früheren Normalfilmformat 4:3, nur dieses Mal in dynamischeren Bildern. Dass ein virtuoser, unkorrumpierbarer Künstler wie Pawlikowski sich mittlerweile auch Oscar-Preisträger nennen darf, deutet schon die ganz eigene Liga an, in der er spielt. Grautöne treffen auf die Netzhaut, weil es für die Zeit nach dem Krieg keine gültigen Farben gibt. Doch in den Hirnen und Herzen vor der Leinwand entstehen alle sinnlichen Farbnuancen, die man fühlen und sich denken kann.

Es braucht Imaginationsfähigkeit, ein wenig politische Bildung und eine gewisse Lebens- und Liebeserfahrung, um die Leerstellen zwischen den dramatisch verdichteten Szenen selbst füllen zu können.
Doch wer sich hingibt, bekommt Bittersüßes: toll zwischen Volksliedern, Internationale und Fifties-Jazz korrespondierende Musik; emotional intensives, fabelhaftes Schauspiel von Joanna Kulig und Tomasz Kot; und in einer schlanken Erzählzeit von knapp eineinhalb Stunden den Beweis, dass eine große, atmosphärisch zauberhafte Geschichte von wenigen kurzweiligen Sequenzen leben und gerade durch ihre Ellipsen beeindrucken kann. Unbedingte, universelle, absolute Empfehlung.

 

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Cold War – Der Breitengrad der Liebe / Zimna wojna


Drama, Polen/Großbritannien/Frankreich 2018
Regie, Bildgestaltung Pawel Pawlikowski 
Drehbuch Pawel Pawlikowski, Janusz Glowacki
Kamera Lukasz Zal
Schnitt Jaroslaw Kaminski
Musik-Arrangements Marcin Masecki
Szenenbild Katarzyna Sobanska, Marcel Slawinski
Kostüm Aleksandra Staszko
Mit Joanna Kulig, Tomasz Kot, Borys Szyc, Agata Kulesza, Cédric Kahn, Jeanne Balibar
Verleih Polyfilm, 89 Minuten
Kinostart 23. November

 



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