Lost and found in Vienna via Copenhagen

Kopenhagen ist auch mit niedrigem Budget eine Reise wert – und das dortige Dokumentarfilmfestival CPH:DOX sowieso.

 

Vier Tage Kopenhagen mit tausend Kronen. Das kommt davon, wenn man sein Kreditkarten-Etui in einer der Kisten an der Sicherheitskontrolle am Abflughafen liegen lässt. Tausend Kronen, das sind umgerechnet rund 130 Euro – nicht allzu viel für ein teures Pflaster wie Kopenhagen. Aber gut: Die Hotelrechnung begleichen freundlicherweise die einladenden Dänen, und man ist ja nicht gekommen um einkaufen zu gehen, sondern ins Kino. Überdies zwingt ein kleines Budget dazu, viel zu Fuß zu gehen auf den teuren Pflastersteinen zwischen den vielen ziemlich verstreuten, ganz unterschiedlichen und zum Teil durchaus gediegenen Kinos, die sich an der 15. Ausgabe des Dokumentarfilmfestivals CPH:DOX im schönen Kopenhagen beteiligen. Wer noch nie hier war und aus dem Süden kommt, ist womöglich beeindruckt von der Backstein-Architektur und von den Design-Interieurs der Stadt. Frösteln macht allerdings die ausgeprägte Fahrradkultur: An einem eiswindigen Tag mit gefühlt minus 20 Grad – für den das Festival nicht vom November in den März übersiedeln hätte müssen – muss man hunderten mützen-, handschuh- bzw. wollstrumpflosen Menschen beim Radfahren zuschauen.

Also, die tausend Kronen geliehen von der netten Pressebetreuerin Anastasia Shekshnya, die dafür extra bei Festivaldirektorin Tine Fischer anfragen musste („We never had a case like this – are you sure it‘s gonna be enough?“), und auf ins Geschehen: Im Festivalzentrum in der Kunsthal Charlottenburg haben sie ein Virtual-Reality-Kino eingerichtet, so etwas steht eh schon länger auf meiner virtuellen To-Do-Liste. Wobei der Begriff „Kino“ es nicht trifft, denn es handelt sich um rund zwanzig in Respektabstand voneinander platzierte Drehsessel in einem halboffenen Raum. Das freundliche Team überreicht VR-Maske und Kopfhörer, die einen in ungekannte, reale oder halluzinierte, künstlerisch und/oder politisch ambitionierte 360-Grad-Mikro- und Makrowelten entführen sollen. Wohl um die Augen nicht zu überfordern, sind die Programmblöcke auf durchschnittlich 30 Minuten begrenzt. Der Immersionsgrad der vorgestellten Kurz-„Filme“ wäre nun durchaus beeindruckend, würde einen nicht jedes hallverstärkte Geplauder von nebenan oder jedes Paar den Parkettboden erschütternder Pumps im Vorbeigehen aus der Immersion herausreißen. Bleibt zu hoffen, dass die sehenswertesten dieser innovativen Beiträge im Rahmen des neuen Wettbewerbs-Segments „VR the World“ bei der kommenden 15. Ausgabe von VIS Vienna Shorts ohne störende Nebengeräusche zu erleben sein werden.

Neben der Präsentation weiterer österreichischer Beiträge wie Lisa Truttmanns Kammerjäger-Sensation Tarpaulins starteten in diesem März 2018 in Kopenhagen zwei gesellschaftspolitisch brisante „Austrian Films“ ihre internationalen Festivalkarrieren. In Welcome to Sodom werfen Christian Krönes und Florian Weigensamer einen zunächst apokalyptischen Blick auf eine am Rande der ghanaischen Hauptstadt Accra gelegene Müllhalde, welche sich als überraschend geordneter, prekärer Mikrokosmos herausstellt – westliche Konsumenten, deren giftiger Elektroschrott hier containerweise landet, dürfen sich als direkt angesprochen betrachten. Fritz Ofner und Eva Hausberger wiederum recherchierten für ihren investigativen Essayfilm Weapon of Choice (der bereits This Human World 2017 eröffnete und jüngst auch bei der Diagonale zu sehen war) die dubiosen Hintergründe eines österreichischen Exportschlagers, fragwürdig bekannt aus Funk und Fernsehen, aus Rap und Genrefilm: der halbautomatischen, bedienerfreundlichen Glock-Pistole. Als Kern der Erzählung schälen sich freilich Themen wie Polizeigewalt, Rassismus und die immer weiter aufklaffende Einkommensschere heraus.

Transatlantisches Sozialexperiment
Recht angenehm ist es, nach der Rückkehr von einem Festival zu erfahren, dass man den späteren Hauptgewinnerfilm gesehen hat. Es war im Jahr 1973, als fünf Männer und sechs Frauen diverser Herkünfte und Religionen sich aufmachten, auf einem Floß namens Acali den Atlantik zu überqueren. Ausgedacht hatte sich das der radikale mexikanische Anthropologe Santiago Genovés, der sich davon wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Gruppenverhalten betreffend Sex und Aggression erhofft hatte – und am Ende mehr über sich selbst erfuhr als über die Teilnehmer seines Sozialexperiments. Die Filmaufnahmen und Tagebucheinträge von damals dienten dem schwedischen Regisseur Marcus Lindeen als Ausgangsmaterial für The Raft, der sogar Teile der Crew versammeln konnte, die sich hier 40 Jahre danach zum ersten Mal wieder trifft. Auf unterhaltsame und mitunter auch sehr berührende Weise reflektiert der Dox:Award-Preisträger 2018 über die intensiven drei Monate der Reise auf dem „Sex Raft“, wie es die Yellow Press damals nannte. Form und Inhalt, Humanität und Ästhetik seien perfekt miteinander vermählt, meinte die Jury in ihrer Urteilsbegründung.

CPH:DOX-Programmchef Mads Mikkelsen persönlich, übrigens ein veritabler Entertainer vor dem Herrn, stellte im gediegenen Grand Teatret eine neue Sektion des Festivals vor: „Justice“ versammelt Beiträge, die sich mit legislativen und Gerechtigkeitsfragen beschäftigen, für die sich die Gesellschaft interessieren sollte. Der spannende, formal stark US-amerikanisch geprägte Doku-Thriller False Confessions (Regie: Katrine Philp) zum Beispiel belegt eindrücklich, wie man unschuldige Menschen durch stundenlange, trickreiche Verhöre dazu bringen kann, Verbrechen zu gestehen, die sie gar nicht begangen haben (dafür gab es den Publikumspreis der Zeitung „Politiken“). Ein anderer Film der Reihe „Justice“ beschwor eine Zukunft herauf, die an Steven Spielbergs Science-Fiction-Thriller Minority Report (2002) erinnert: Pre-Crime heißt das Dokument jener Dystopie von Monika Hielscher und Matthias Heeder, in der Verbrecher vermittels umfassender Daten- und Kamera-Überwachung nicht erst auf frischer Tat, sondern schon vor der Ausführung einer Tat ertappt werden sollen. Die damit einhergehende Fehlerhäufigkeit, das inhärente Missbrauchspotenzial und die mögliche Diskriminierung von Außenseitern werden beleuchtet. Ein Film, der kalte Schauer über den Rücken laufen lässt, wird doch die entsprechende Software etwa in Chicago, London oder München längst angewandt. Die Idee mag aus den USA stammen, doch im Hinterkopf sieht man auch die zusehends antidemokratischen Gesellschaften dieser Welt geradewegs auf solche Szenarien zusteuern.

Apropos Dystopie: Sieht man sich die epische und überaus persönliche Langzeitstudie Generation Wealth von Lauren Greenfield an, könnte man den Glauben an die demokratische Menschheit überhaupt gleich im Kino lassen. 25 Jahre hat die Fotokünstlerin und Filmemacherin damit zugebracht, die wachsende Obsession der Menschen mit Reichtum und Materialismus in Bildern festzuhalten; eine aktualisierende Kompilation dieser Arbeiten wurde nun in Form von Museumsausstellungen, eines monumentalen Fotobuchs und eben dieses Films, der heuer in Sundance Premiere hatte, veröffentlicht. Greenfield nimmt ihr Publikum mit auf eine mal schockierende, mal bewegende Reise von Los Angeles über Moskau und Dubai bis nach China, nach der man sofort gegen die Detorsionen des Kapitalismus ein Heilmittel erfinden möchte, im Besonderen gegen das unstillbare Bedürfnis der Menschen, unermesslich reich, mächtig und berühmt zu sein. Löblicherweise plant der Streaming-Anbieter Amazon, Generation Wealth ab 20. Juli dieses Jahres einem breiteren Kinopublikum zugänglich zu machen.

Fußnote
Am Ende meiner vier Festivaltage sind 150 Kronen des geliehenen Budgets übrig. Für steuerfreie Mitbringsel aus Kopenhagen? Tja, besäße ich nicht neuerdings so eine schicke Gummihülle für mein Telefon und trüge ich das Geld nicht mit dem Gummitelefon im selben Hosensack und hätte ich das Geld infolgedessen nicht beim Telefon-Herausholen ausgestreut, wäre das möglich gewesen. So aber waren es vier Tage Kopenhagen mit 850 Kronen. Ganz überwiegend ausgegeben für Essen: Einmal Burger, zweimal Vietnamesisch, einmal All-you-can-eat im charmant zerschlissenen China-Restaurant „Shanghai“ inklusive witziger Chef-Betreuung und einem jungen Paar beim ersten Date („My ex-boyfriend was like a dog, but I am more like a cat“, so das dänische Girl zum jungen Chinesen). Alkohol wäre bei diesen Preisen nur im Rahmen eines Empfangs oder einer Party denkbar gewesen, aber die meisten Empfänge und Partys waren nach meinem Rückflug angesetzt.

Positiv hervorzuheben: Obwohl man das Fundbüro am Flughafen Wien-Schwechat nicht telefonisch erreichen kann, sondern nur per Mail, obwohl man extra ein Online-Formular ausfüllen und das Fundstück zum Informationsschalter bei der Ankunft transferieren lassen muss, und nicht zuletzt obwohl man die zwanzig Euro „Finderlohn“ (Danke, Sicherheitsleute, dass ihr mein Karten-Etui nicht gleich vor meinem Abflug aus der Kiste herausgefischt habt!) nicht bar, sondern nur per Karte bezahlen kann – in diesem Fall eben just per gefundener Bank-Karte –, hat sich der Karten-Kreis am Ende doch wieder geschlossen. Und so ergab die Reise ganz nebenbei den zwingenden Beweis, dass man Dokumentarfilme in Kopenhagen auch low-budget genießen kann.

 

Alle mit Preisen bedachten Filme sind gelistet unter https://cphdox.dk/en/winners-list-2018/

 



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